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Politik

08. Dezember 2016 | 23:17 Uhr

Viele Flüchtlinge befürchtet : Mossul-Offensive: Iraks Armee erobert Karakusch - IS geflohen

vom

Kampflos rückte die Armee in die Stadt südöstlich von Mossul ein. In anderen Gebieten gab es jedoch Gegenangriffe.

Mossul | Am zweiten Tag der Großoffensive auf die IS-Hochburg Mossul melden irakische Sicherheitskräfte weitere Geländegewinne gegen die Extremisten. Die Armee rückte am Dienstag nach eigenen Angaben kampflos in die früher fast ausschließlich von Christen bewohnte Stadt Karakusch südöstlich von Mossul ein. Die Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) seien zuvor aus dem Ort geflohen, erklärte ein Militärsprecher. In anderen Gebieten mussten die Sicherheitskräfte hingegen mehrere Gegenangriffe abwehren.

Die Mossul-Offensive könnte eine humanitäre Katastrophe mit sich bringen: Hilfsorganisationen beklagen, dass es nicht genug Lager für Flüchtlinge und keine sicheren Fluchtwege gibt. Jetzt werden Materialien vor allem für die Wasserversorgung für 350.000 Menschen in die Region gebracht. Auch Impfteams stehen bereit.

Karakusch war einst eine der größten christlichen Städte im Irak. Die IS-Extremisten hatten den Ort vor mehr als zwei Jahren eingenommen, nachdem sich kurdische Peschmerga von dort zurückgezogen hatten. Zehntausende Christen flohen damals vor den Extremisten.

Angesichts der Großoffensive bat der irakische Außenminister die internationale Gemeinschaft um weitere Unterstützung. „Wir befinden uns in einer finanziell schwierigen Situation“, sagte Ibrahim al-Dschafari nach einem Treffen mit der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini am Dienstag in Brüssel. Die Öleinnahmen des Landes seien derzeit eingeschränkt, deshalb sei jegliche Unterstützung - finanzieller oder anderer Art - willkommen. „Der Erfolg der Militärkampagne wird sich positiv auf die Sicherheit im Irak und im Rest der Welt auswirken“, sagte al-Dschafari weiter.

Mossul ist die letzte Bastion des IS im Irak. Armee, kurdische Peschmerga-Kämpfer und lokale sunnitische Milizen hatten am Montag eine lang erwartete Großoffensive auf die Stadt begonnen und erste Orte eingenommen. Der Sprecher der US-Streitkräfte, John Dorrian, erklärte über Twitter, Armee und Peschmerga hätten ihre Ziele bisher im oder vor dem Zeitplan erreicht. Sollte Mossul vom IS befreit werden, wäre die Terrormiliz im Irak militärisch weitgehend besiegt.

Wie Pentagon-Sprecher Jeff Davis sagte, sind rund 100 US-Soldaten direkt in Einheiten der irakischen Streitkräfte und der Peschmerga integriert, um diese zu beraten. Zu ihren Aufgaben zähle auch, Informationen der Iraker über mögliche Angriffsziele an die Koalition weiterzugeben. Davis betonte jedoch, dass sie sich hinter der Frontlinie befänden. Das von Washington angeführte Anti-IS-Bündnis unterstützt die Regierungstruppen und Peschmerga-Kämpfer mit Luftschlägen, Artillerie und Ausbildung.

Kremlchef Wladimir Putin sicherte dem irakischen Ministerpräsidenten Haidar al-Abadi am Dienstagabend in einem Telefonat Russlands Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zu. Putin wünschte dem Irak einer Mitteilung des Kremls zufolge Erfolg bei der Rückeroberung von Mossul.

Wer kämpft in Mossul gegen den IS?

Peschmerga: Die Kämpfer der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak kontrollieren große Teile des Umlands von Mossul. Sie sollen die Operation nach einer Absprache mit der Zentralregierung unterstützen, aber nicht in die Stadt selbst einrücken. Dafür dürften sie mehrere Orte im Umland von Mossul unter ihre Kontrolle bringen.

Irakische Armee: Das von den USA mit ausgebildete Militär soll die Offensive anführen und auch in die Stadt einrücken, vorneweg Spezialeinheiten, die schon andernorts gegen den IS gekämpft haben. An der Seite der Armee sollen auch Einheiten der Polizei kämpfen.

Internationale Koalition: Die Flugzeuge des von den USA geführten Bündnisses sind bereits seit mehr als seit zwei Jahren im Irak im Einsatz. Sie unterstützen die Mossul-Kampagne mit Luftangriffen.

Lokale Milizen: An der Seite der Armee kämpfen mehrere Tausend Mitglieder lokaler sunnitischer Milizen sowie von Stammeseinheiten. Sie sind unter anderem vom türkischen Militär ausgebildet worden.

Schiitische Milizen: Auch diese berüchtigten Milizen erklärten im Vorfeld, sie würden an dem Feldzug teilnehmen. Allerdings ist ihr Einsatz hochbrisant. Mossul ist im Irak die größte Hochburg der Sunniten. Diese lehnen einen Einsatz schiitischer Milizen ab. Sollte es dazu kommen, befürchten Beobachter einen Zerfall des Bündnisses.

Türkei: Das türkische Militär hat unweit von Mossul Soldaten stationiert, die sunnitische Milizen und Peschmerga ausbilden. Der Irak fordert den Abzug der Einheiten, was Ankara jedoch ablehnt.

PKK: Nordwestlich von Mossul sind auch Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK stationiert, die von der Türkei bekämpft wird. Sie könnten auf den Plan gerufen werden, wenn auch die türkischen Soldaten in die Operation eingreifen sollten.

 

US-Präsident Barack Obama bezeichnete den Militäreinsatz als „schwierigen Kampf“. „Es wird Fortschritte und Rückschläge geben“, sagte er am Dienstag nach Gesprächen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi im Weißen Haus. „Unsere Absicht ist es, ISIL aus ihrer größten urbanen Hochburg zu drängen“, sagte Obama. ISIL ist eine andere Bezeichnung für den Islamischen Staat. Obama räumte ein, dass es zu einer humanitären Krise kommen könnte, weil die Terrormiliz die Menschen aushungere.„Es wird Leute geben, die aus ihren Häusern fliehen“, sagte Obama.

Die Koalition habe gemeinsam mit den Vereinten Nationen und großen Hilfsorganisationen Pläne zur Begegnung einer humanitären Katastrophe vorbereitet, die genauso umfangreich seien, wie die militärischen Pläne. Es könne zu „herzzerreißenden Situationen“ kommen. „Es ist nicht etwas, das ich als einfach einschätzen würde“, sagte Obama. Pentagon-Sprecher Davis sagte, die Terrormiliz benutze Zivilisten als menschliche Schutzschilde und halte sie gegen ihren Willen in der Stadt fest.

Hintergrund: Die Stadt Mossul

Die nordirakische Wirtschaftsmetropole Mossul liegt rund 400 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bagdad am Ufer des Tigris. Neben großen Erdölraffinerien ist dort auch die Textilverarbeitung von wirtschaftlicher Bedeutung. Schon in seiner frühen Geschichte war das bedeutende Zentrum auf der Handelsroute zwischen Indien, Persien und dem Mittelmeer bekannt für Lederprodukte und feine Baumwollstoffe - der Stoff Musselin ist nach Mossul benannt.

Mossul ist ein Zentrum sunnitischer Araber. Der Ort war aber immer auch Heimat anderer Ethnien und Konfessionen wie Christen, Kurden, Turkmenen oder Jesiden. In der Hauptstadt der Provinz Ninawa sollen noch etwa 1,5 Millionen Menschen leben.

Mossul wird seit Jahren von Gewalt und Terror erschüttert. Nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Saddam Hussein im Jahr 2003 flohen zahlreiche Anhänger des gestürzten Regimes nach Mossul. Viele von ihnen verbündeten sich später mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), um gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad zu kämpfen.

Im Juni 2014 brachte der IS die Metropole unter seine Kontrolle und errichtete ein Terrorregime. Rund 30.000 Soldaten sollen vor 800 anrückenden militanten Islamisten geflohen sein.

In der Großen Moschee von Mossul rief der Anführer der IS-Miliz, Abu Bakr al-Bagdadi, Muslime weltweit auf, in die Region zu kommen und ihn beim Dschihad zu unterstützen. Es war der erste öffentliche Auftritt des selbst ernannten Kalifen.

Wie in anderen eroberten Regionen vernichteten die Extremisten auch in Mossul Dutzende historische Denkmäler. Im städtischen Museum wurden Jahrtausende alte Statuen aus assyrischer Zeit zerstört.

 

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, man müsse bereits jetzt über die Zeit nach der Offensive nachdenken. „Auch wenn wir nicht wissen, wie lange die Befreiung von Mossul vom IS dauern wird: Es ist wichtig, jetzt bereits für den Tag danach zu planen“, sagte Steinmeier der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Man müsse schnell handeln, damit die Vertriebenen Vertrauen schöpften, zurückkehrten und damit „wir ihnen konkrete Perspektiven für ihr Leben in ihrer befreiten Stadt und den Wiederaufbau anbieten können.“

Am Donnerstag wollen Frankreich, der Irak und weitere Partner in Paris über die künftige Stabilisierung der umkämpften Stadt Mossul beraten. Mehr als 20 Länder und Organisationen sollten an dem Treffen teilnehmen, wie das französische Außenministerium am Dienstag mitteilte.

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erstellt am 19.Okt.2016 | 07:13 Uhr

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