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Politik

08. Dezember 2016 | 23:11 Uhr

Neue Details über Nizza-Attentäter : Mohamed Lahouaiej Bouhlel radikalisierte sich erst kürzlich

vom

Vier Tage nach dem verheerenden Anschlag in Nizza mit 84 Ermordeten werden weitere Hintergründe über den mutmaßlichen Attentäter bekannt.

Paris/Nizza | Der Attentäter von Nizza hat sich offensichtlich kurz vor seinem verheerenden Lkw-Anschlag mit 84 Toten dem Islamismus zugewandt. Der Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel habe in jüngster Zeit ein „unbestreitbares Interesse“ für die dschihadistische Bewegung gezeigt, sagte der Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins in Paris. Das habe die Auswertung seines Computers ergeben. „Seit acht Tagen hat er sich einen Bart wachsen lassen und erklärt, dies habe eine religiöse Bedeutung“, sagte der Chefermittler.

Bouhlel habe in den Tagen vor dem Anschlag auch nach Videos religiöser Gesänge gesucht, die islamistische Terrororganisationen als Propagandainstrument nutzen. Derzeit gebe es aber keine Belege für eine Zugehörigkeit zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die den Attentäter als ihren „Soldaten“ bezeichnet hatte, sagte Molins. Die Polizei hatte den Täter erschossen.

Was ist über Mohamed Lahouaiej-Bouhlel bekannt?

Entgegen ersten Erkenntnissen war der 31-jährige Mohamed doch ein Islamist. Laut Ermittlerkreisen soll der Tunesier seinem näheren Umfeld seine Radikalisierung gestanden haben. Ob er wirklich im Auftrag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) handelte, bleibt jedoch noch ein Rätsel. Nach Angaben einer dem Islamischen Staat nahestehenden Nachrichtenagentur war er ein „Soldat“ des IS. Auf einer Gefährderliste stand er nicht.

Mohamed Lahouaiej-Bouhlel wurde im Januar 1985 in Msaken bei Sousse in Tunesien geboren, lebte aber die letzten Jahre legal als Lieferant in Südfrankreich. In Nizza war er mit einer Franko-Tunesierin verheiratet und hatte drei Kinder. Er ging zum Bodybuilding und mochte Salsa. Doch am Ende ging seine Ehe in die Brüche und er hatte Probleme mit der Justiz. Dazu kamen wohl Finanzprobleme. „Ihm wurde ein Kredit verweigert und er wurde immer aggressiver“, sagte ein Bekannter der Zeitung „Nice Matin“.

Etliche Menschen, die ihn länger kannten, beschreiben ihn als gewaltbereit, depressiv oder einfach still. Seine Ex-Frau hat ihn wegen Gewalt in der Ehe angezeigt. Auch sein Vater hat ihn äußerst aggressiv dargestellt. „Er betete nicht, er fastete nicht, er trank Alkohol und nahm sogar Drogen.“ Mit dem Trinken soll er jedoch vor kurzem aufgehört haben.

Erst im März wurde er zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er nach einem Verkehrsunfall eine Holzpalette auf seinen Unfallgegner geworfen hatte. Schon seit 2010 war er mit Drohungen, Diebstählen und Sachbeschädigungen aufgefallen.

Was brachte Lahouaiej-Bouhlel dazu, am 11. Juli einen 19-Tonner zu mieten und damit am Nationalfeiertag in eine fröhliche Menschenmenge zu fahren, die am Mittelmeer ein Feuerwerk anschauen wollte? Seinen Lkw-Führerschein soll der Tunesier erst kurz zuvor gemacht haben. Und er hatte sich laut Staatsanwaltschaft eine automatische Pistole besorgt, mit der er bei seinem Anschlag auf Menschen schoss.

 

Erst am Wochenende hatte der französische Regierungschef Manuel Valls den IS für das Lastwagenattentat vom 14. Juli verantwortlich gemacht, weil die Terrormiliz verwirrten Einzelpersonen die Ideologie bereitstelle, um ihren Taten einen Sinn zu geben.

Bei der Schweigeminute für die Opfer des Anschlags von Nizza gab es Buhrufe gegen Premierminister Manuel Valls.
Bei der Schweigeminute für die Opfer des Anschlags von Nizza gab es Buhrufe gegen Premierminister Manuel Valls. Foto: Olivier Anrigo
 

Frankreich gedachte am Montag mit einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags. Am Tatort an der Strandpromenade von Nizza versammelten sich dazu 42.000 Menschen, darunter auch Premierminister Valls. Ein Teil der Anwesenden buhte den Sozialisten aus. Nach dem neuen Anschlag wird in Frankreich heftig darüber diskutiert, ob die Behörden genug für den Schutz der Bevölkerung vor Terrorangriffen getan haben. Die dreitägige Staatstrauer endete am Abend.

Tausende Menschen versammelten sich zu einer Schweigeminute in Nizza.
Tausende Menschen versammelten sich zu einer Schweigeminute in Nizza. Foto: dpa

Der Anschlag auf der Prachtstraße am französischen Nationalfeiertag war laut dem Chefermittler Molins über mehrere Tage vorbereitet worden. Der Lieferwagenfahrer habe mehrfach die Uferstraße aufgesucht. Die Ermittlungen hätten den „vorsätzlichen Charakter“ belegt. Der Mann war mit dem Lkw durch eine Menschenmenge auf der Strandpromenade gerast, unter den Todesopfern waren zehn Kinder und Jugendliche.

Nach dem Anschlag schweben noch 19 Verletzte in Lebensgefahr. 71 Tote seien identifiziert, sagte Molins. Zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin gelten seit dem Anschlag als vermisst; es wird befürchtet, dass sie tot sind.

Mehrere Hundert Menschen gedachten in einem Gottesdienst im Berliner Dom am Montag der Opfer des Anschlags von Nizza. Zu der Trauerfeier kamen am Montagmittag auch Schüler mit ihren Familien. Auch der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU) waren anwesend.

In der innerfranzösischen Sicherheitsdebatte wirft die Opposition der Regierung Versäumnisse nach den islamistischen Attentaten des vergangenen Jahres vor. Es sei nicht alles getan worden, was seit dem Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ hätte getan werden müssen, sagte der konservative Ex-Präsident Nicolas Sarkozy am Sonntagabend dem Fernsehsender TF1.

Der sozialistische Präsident François Hollande hielt dagegen und sprach bei einer Sitzung des Sicherheitskabinetts von einer „Verpflichtung zu Würde und Wahrheit“. „Eine gewisse Zahl an Akteuren der politischen Klasse hat die Trauerperiode nicht respektiert“, kritisierte Innenminister Bernard Cazeneuve, der auf mehrere neue Gesetze und Maßnahmen für den Anti-Terror-Kampf verwies.

Sechs Personen aus dem Umfeld des Angreifers sitzen weiter in Polizeigewahrsam, eine weitere Person wurde nach Angaben aus Justizkreisen wieder freigelassen. Molins sagte, einer der Verdächtigen habe unmittelbar vor dem Anschlag eine Handy-Kurznachricht (SMS) von dem Attentäter erhalten.

Es war der größte Anschlag in Frankreich nach den islamistischen Terrorangriffen im Januar und November 2015 mit zusammen 147 Toten. Für den November-Anschlag in Paris mit 130 Toten hatte der IS die Verantwortung übernommen.

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erstellt am 18.Jul.2016 | 19:26 Uhr

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