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Politik

06. Dezember 2016 | 17:11 Uhr

89 Jahre : Margot Honecker ist tot: Heimliche DDR-Machthaberin starb in Chile

vom

Fast 22 Jahre nach ihrem Mann starb nun die einstige Ministerin. Bis zum Schluss hielt die Frau eisern an ihrer DDR fest.

Santiago de Chile/Berlin | Bis zuletzt glaubte sie an die DDR: Mit 89 Jahren ist die Witwe von DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker gestorben - fernab von Deutschland im selbst gewählten chilenischen Exil.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hatte die Ex-Funktionärin mit eiserner Hand sozialistische Ideologie an Schulen und in Kindergärten der DDR durchgesetzt. Die Frau mit dem Blaustich im Haar galt als heimliche, aber wahre Machthaberin im Arbeiter- und Bauern-Staat. Ihren Mann soll sie wie eine Marionette geführt haben, hatten Insider berichtet.

Die einstige First Lady der DDR lebte seit Anfang der 90er Jahre mit deutscher Rente in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile. Schlagzeilen machte Margot Honecker, als sie vor dem Bundessozialgericht Nachzahlungen von mehreren tausend Mark erstritt.

Auch ihr Mann Erich Honecker reiste Anfang 1993 nach Chile aus, nachdem in Deutschland der Prozess gegen ihn wegen Totschlags von DDR-Flüchtlingen wegen seiner Krebserkrankung eingestellt worden war. Ihr 15 Jahre älterer Mann lebte noch kurz bei Margot Honecker, bevor er im Alter von 81 Jahren am 29. Mai 1994 starb. Die Urne mit seiner Asche bewahrte die Witwe lange in ihrem Wohnzimmer auf. Inzwischen wurde der einstige Politfunktionär nach Berichten von Enkel Roberto in der chilenischen Hauptstadt beigesetzt.

Von 1963 bis zum Herbst 1989 war die elegante, schlanke Frau Ministerin für Volksbildung in der DDR. Gegen den Widerstand der Kirchen führte sie 1978 an den Schulen Wehrunterricht ein. Christlich engagierte Schüler wurden benachteiligt und bekamen häufig keinen Studienplatz. Noch 1989 hielt Honecker eine „Erziehungsrichtlinie“ hoch, dass der Sozialismus, wenn nötig, mit der Waffe verteidigt werden müsse.

Weit über die DDR-Grenzen hinaus hatte die Hardlinerin 1988 für Aufsehen gesorgt, als auf ihre Weisung vier aufmüpfige Schüler von einer Oberschule in Berlin-Pankow verwiesen wurden. Sie hatten sich gegen Militärparaden gewandt.

Mit 22 jüngste Abgeordnete

Die am 17. April 1927 in Halle geborene Margot Feist hatte nach dem Krieg als SED-Mitglied Karriere in der Jugendorganisation FDJ gemacht. Schnell stieg die Telefonistin zur Vorsitzenden der Kinderorganisation „Junge Pioniere“ auf. Mit 22 Jahren war sie die jüngste Abgeordnete in der Volkskammer - dem DDR-Parlament. Die Arbeit brachte sie mit dem späteren Partei- und Staatschef Erich Honecker zusammen, 1953 heirateten sie. Schon 1951 wurde die gemeinsame Tochter geboren.

7. Mai 1989: Im Ost-Berliner Wahllokal 19 des Wahlkreises 2 gab die SED-Prominenz ihre Stimme ab. Im Bildvordergrund SED-Generalsekretär Erich Honecker mit Ehefrau Margot (2. von links).
7. Mai 1989: Im Ost-Berliner Wahllokal 19 des Wahlkreises 2 gab die SED-Prominenz ihre Stimme ab. Im Bildvordergrund SED-Generalsekretär Erich Honecker mit Ehefrau Margot (2. von links). Foto: Mittelstädt
 

Nach dem Mauerfall ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Margot Honecker wegen ihrer Verantwortung für Zwangsadoptionen von Kindern, deren Eltern wegen „Republikflucht“ oder „Spionage“ verhaftet worden waren. Ein entsprechender Prozess wurde 1994 aber eingestellt.

Nachdem Erich Honecker am 18. Oktober 1989 als DDR-Staats- und Parteichef zurücktreten musste, legte seine als dogmatisch verhasste Frau zwei Tage später „aus persönlichen Gründen“ ihr Amt nieder. 1991 wurden die Honeckers aus dem sowjetischen Militärhospital Beelitz bei Potsdam nach Moskau gebracht. Die Bilder von Spaziergängen an der Seite ihres kranken Mannes im russischen Exil gingen um die Welt.

Margot (r.) und Erich Honecker (M.) im März 1992 in Chile.
Margot (r.) und Erich Honecker (M.) im März 1992 in Chile. Foto: dpa
 

Als Erich Honecker Ende Juli 1992 nach Deutschland ausgeliefert wurde und in Untersuchungshaft kam, begleitete die damals 65-Jährige ihren Mann nicht nach Berlin. Margot Honecker flog nach Santiago de Chile zu ihrer Tochter Sonja. Den Aufenthalt der Honeckers in Chile hatte das Land als humanitären Akt gebilligt.

Sie war täglich stundenlang im Internet

Das Anwesen von Margot Honecker im Stadtteil La Reina -
Das Anwesen von Margot Honecker im Stadtteil La Reina - "die Königin" - in Santiago de Chile. Foto: Dettmann
 

Die Ex-Ministerin, die sich mit Spaziergängen fit hielt und täglich über Stunden im Internet unterwegs war, verteidigte bis zum Schluss ihre sozialistischen Überzeugungen ohne Wenn und Aber, Kritisches kam nicht über ihre Lippen. Sie stehe zur DDR und lege ihre Sicht nicht auf dem Altar der Zeitgeschichte nieder, auch wenn man sie als „Unbelehrbare“ verleumden würde, beharrte sie.

Über Jahre hielt sich Margot Honecker die „Westpresse“ vom Hals und schwieg eisern. Doch 2012 machte die glühende Verteidigerin des Sozialismus 2012 ihr Vermächtnis öffentlich. In einem Dokumentarfilm des NDR meinte sie zu den erschossenen DDR-Flüchtlingen, es sei dumm gewesen, über die Mauer zu klettern. Politische Häftlinge seien kriminell, die Stasi legitim gewesen. Traumatisierte Opfer, die in geschlossenen Jugendwerkhöfen litten, seien „bezahlte Banditen“, ereiferte sich die Polit-Seniorin.

In einem Interview-Buch gab die Hardlinerin zuletzt zu Protokoll, die DDR habe auf Gleichheit und Gerechtigkeit gefußt. DDR-Friedens- und Umweltaktivisten habe der Westen als fünfte Kolonne in Stellung gebracht. Der sozialistische Staat sei nicht an seinen Fehlern gescheitert. Sondern: „Wir haben es nicht vermocht, dem Gegner hinreichend Widerstand entgegenzusetzen.“ Sie empfahl: Die DDR-Erfahrungen sollten für kommende Kämpfe aufbewahrt werden.

Im Juli 2008 weilte Margot Honecker bei Daniele Ortega (l.), dem Präsidenten von Nicaragua.
Im Juli 2008 weilte Margot Honecker bei Daniele Ortega (l.), dem Präsidenten von Nicaragua. Foto: dpa
 

Bei den Altrevolutionären Lateinamerikas war Margot Honecker ein gern gesehener Gast. So zeigte sie sich im Frühjahr 2011 bei einer Gedenkfeier in Kuba an der Seite von Präsident Raul Castro. Mit erhobener geballter Faust nahm Margot Honecker 2008 in Nicaragua einen Orden für ihren toten Mann entgegen. Die DDR-Führung hatte dem mittelamerikanischen Land nicht nur Schulbücher und Lehrer geschickt, sondern auch Waffen.

Was wurde aus anderen DDR-Funktionären?

Erich Mielke

Kurz nach dem Mauerfall sagt der Ex-Stasi-Chef in der DDR-Volkskammer: "Ich liebe doch alle, alle Menschen." Mielke wird später wegen Doppelmordes von zwei Polizisten im Jahr 1931 verurteilt. 92-jährig stirbt er im Jahr 2000 in einem Altersheim.

Egon Krenz

Der SED-Politiker, nach Honeckers Sturz Mitte Oktober 1989 einige Wochen Staats- und Parteichef, wird 1997 wegen der Mauertoten zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Heute lebt der 79-Jährige als Rentner im Ostseebad Dierhagen.

Alexander Schalck-Golodkowski

Nach dem Mauerfall stellt sich der DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski der Justiz, kommt kurz in U-Haft. Er wird wegen illegaler Waffengeschäfte und Embargovergehen auf Bewährung verurteilt. Im Juni
2015 stirbt er nach langer Krankheit mit 82 Jahren am Tegernsee.

Günter Schabowski

Der SED-Funktionär verkündet in der legendären Pressekonferenz am 9. November 1989 beiläufig die Öffnung der Mauer. Später bricht er mit seiner Vergangenheit und bekennt sich zu moralischer Schuld. Ende 2015 starb er mit 86 Jahren.

 
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erstellt am 06.Mai.2016 | 23:06 Uhr

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