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Politik

24. Juli 2016 | 02:59 Uhr

Silvester in Köln : „Lückenpresse“: Warum erst so spät über die Übergriffe berichtet wurde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es dauerte vier Tage bis das Ausmaß der Taten von Köln bundesweit publik wurde. Autorin Margret Kiosz kommentiert die „Lückenpresse“.

Lügenpresse oder doch nur Lückenpresse? Das ist derzeit die zentrale Frage, die sich viele aufgebrachte Bürger nicht nur in den sozialen Medien stellen. Dass die Sex-Mob-Übergriffe auf wehrlose Frauen in der Silvesternacht in Köln ganze vier Tage brauchten, um in ihrer unfassbaren Dimension das mediale Licht der Öffentlichkeit zu erreichen, ist schon mehr als erstaunlich. Während angesehene Presseorgane ausführlich über den schäbigen Angriff auf eine hessische Flüchtlingswohnung berichten, sind sexuelle Übergriffe in großem Ausmaß, begangen durch Menschen mit Migrationshintergrund, lange Zeit kein Thema. Warum nicht?

Laut Polizei hat man das Ausmaß des Skandals erst nach und nach bemerkt. Dazu passt eine offizielle Pressemitteilung am Silvestermorgen, in der von einer ruhigen Nacht die Rede ist, ohne besondere Vorkommnisse.

Die Pressemitteilung der Kölner Polizei vom Neujahrsmorgen.

Die Pressemitteilung der Kölner Polizei vom Neujahrsmorgen.

Aber stimmt das wirklich? Zweifel sind berechtigt, weil sogar einer Zivilpolizistin in die Hose gefasst worden war. Bis auf einige Lokalzeitungen, die auf Augenzeugenberichte zurückgreifen konnten, wonach Menschen aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum „völlig enthemmt und gewaltvoll“ vorgingen, klammerten sich alle großen Zeitungen an die Meldungen der Polizei. Und darin fanden sich zunächst keinerlei Informationen zu den Tätern. Dass die Ordnungshüter nicht schon früh wussten, dass es sich um Migranten handelte, ist schwer zu glauben. Schließlich gibt es gerade auf Bahnhofsvorplätzen eine massive Kameraüberwachung.

Doch diese lückenhaften Informationen durch die Polizei entlasten die Journalisten nicht. Gerade weil sich in letzter Zeit der Eindruck verfestigte, dass staatliche Organe über Zwischenfälle mit Migranten nicht offensiv kommunizieren, um die „Wir schaffen das“-Stimmung in der Bevölkerung nicht zu untergraben, sind Wachsamkeit und Misstrauen berechtigt. Zumal es viele Ungereimtheiten gibt. Wie anders ist es zu erklären, dass immer wieder ein möglicher Zusammenhang abgestritten wird zwischen der Zuwanderung von Männern aus patriarchalisch geprägten, muslimischen Ländern und Übergriffen auf Frauen – gleichzeitig aber die Familienministerin 200 Millionen Euro zum Schutz der Flüchtlingsfrauen vor sexueller Gewalt locker macht.

Wie weit darf sich die Presse mit den Regierenden gemein machen, wenn es vordergründig darum geht, den sozialen Frieden im Land nicht durch schlechte Nachrichten zu stören? Warnungen gibt es derzeit viele, dass die Berichterstattung über die Kölner Ereignisse nur Wasser auf die Mühlen von Pegida & Co. ist. Es gibt aber genauso viele ernst zu nehmende Stimmen, die fürchten, der soziale Frieden werde vor allem durch falsche Rücksichtnahme gefährdet. Vorfälle zu verschweigen, die in Zeiten von Twitter und Facebook ohnehin herauskommen, ist naiv. Wenn gutmeinende Zensoren solche Einträge in den Netzwerken löschen – wie es angeblich jetzt geschehen sein soll – handeln sie grob fahrlässig.

Wer den rechten Rand im Zaum halten will, sollte Verbrechen beim Namen nennen und das laut Umfragen schwindende Vertrauen der Menschen in die Medien nicht weiter unterhöhlen. Wenn große Zeitungen auch 72 Stunden nach den Vorfällen in Köln über die Herkunft der Täter schweigen, obwohl diese schon längst durchgesickert ist, dann tut diese Lückenpresse nicht nur den Bürgern keinen Gefallen, sondern auch nicht den vielen absolut friedfertigen Flüchtlingen. Die sind nicht nur wegen der Sicherheit und des angenehmen Lebensstandards, sondern auch wegen unseres funktionierenden Gesellschaftssystems nach Deutschland geflüchtet. Unverzichtbarer Bestandteil sind dabei aufmerksame Medien, die distanziert und kritisch berichten und sich nicht mit einer Sache gemein machen – auch nicht mit einer guten, wie der legendäre Altmeister der Zunft, Hanns Joachim Friedrichs, einst predigte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“

Was geschah in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof? Was wir wissen – und was nicht.

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erstellt am 05.Jan.2016 | 19:56 Uhr

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