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Politik

03. Dezember 2016 | 01:29 Uhr

Außenminister in Großbritannien : Lausbuben-Image und politische Peinlichkeiten: Wer ist Boris Johnson?

vom
Aus der Onlineredaktion

Schon öfter fiel Boris Johnson auf - nicht nur durch seine Sprüche. Ein kurzes Porträt des neuen Außenministers.

London  | Lockerheit und markige Sprüche: Bei den meisten Briten kommt der neue Außenminister Boris Johnson gut an. In Umfragen wurde er zumindest vor dem Brexit-Votum zum beliebtesten Politiker Großbritanniens gekürt. Die Reaktionen auf seine Ernennung zum Außenminister waren dagegen eher durchwachsen.

Der 52-Jährige wirkt hemdsärmelig, spricht den einfachen Mann auf der Straße an. Er schneidet Grimassen, kleckert mit Speiseeis, stolpert, stürzt und pöbelt. Manche halten das aber für eine ganz gezielte Masche. Tatsächlich gehört der Konservative zum Establishment.

Boris Johnson: Seine besten Sprüche
  • „Sie hat gebleichtes Blondhaar und Schmolllippen sowie einen stahlblauen Blick, wie eine Krankenschwester in der Nervenanstalt.“ (Im „Telegraph“, November 2007, über Hillary Clinton)

 

  • „Im Gegensatz zum derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses hat er keine Schwierigkeiten damit, aus dem Stehgreif eine Reihe von grammatisch korrekten englischen Sätzen zu formulieren, von denen jeder ein Hauptverb enthält.“ (Im „Telegraph“, Oktober 2008, als Unterstützung für Barack Obama)

 

  • „Manche sagten, es war eine Brüskierung Britanniens. Manche sagten, es war ein Ausdruck der ererbten Abneigung des halb-kenianischen Präsidenten gegen das britische Empire.“ (In „The Sun“, April 2016, zur Entfernung einer Churchill-Büste aus dem Oval Office im Weißen Haus nach Barack Obamas Einzug 2009)

 

  • „Da war dieser junge Typ aus Ankara, der war ein kolossaler Wankera.“ (Der vulgäre britische Ausdruck „wanker“ bedeutet soviel wie „Wichser“, in der „Weltwoche“, Mai 2016, in einem Spontangedicht über den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan)

 

  • „Der einzige Grund, warum ich einige Teile New Yorks nicht besichtigen würde, ist das ernsthafte Risiko, Donald Trump zu treffen.“ (Im „Independent“, Dezember 2015, nach Trumps Vorschlag, Muslime nicht mehr in die USA einreisen zu lassen)

 

  • „Teilnahmslos hat sie sich dazu entschieden, vor den Forderungen Erdogans den Kotau zu machen, einem Mann, der die eiskalte Unterdrückung der türkischen Meinungsfreiheit betreibt.“ (Im „Telegraph“, April 2016, über Kanzlerin Angela Merkel, nachdem die Bundesregierung den Weg für ein Strafverfahren gegen den Fernseh-Satiriker Jan Böhmermann freigemacht hatte)

 

  • „Wenn wir für Remain (den Verbleib in der EU) stimmen, bleiben wir auf dem Rücksitz eines Autos gefangen, das von jemandem gesteuert wird, der das Englische nur unzureichend beherrscht, und fahren in eine Richtung, in die wir nicht wollen.“ (Im „Telegraph“, Juni 2016)

 

  • „Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endet (immer) tragisch.“ (Im Mai 2016 über den angeblichen Versuch der EU, einen Superstaat schaffen zu wollen)
Die besten Zitate über Boris Johnson
  • „Haben Sie seinen Stil während der Kampagne gesehen? Er hat die Briten heftig angelogen.“  (Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault im französischen Radiosender Europe1)

 

  • „Nachdem verantwortungslose Politiker das Land erst in den Brexit gelockt haben, um sich dann, als die Entscheidung feststand, aus dem Staub zu machen, die Verantwortung nicht zu übernehmen, stattdessen Cricket spielen zu gehen - ich finde das, ehrlich gesagt, ungeheuerlich.“ (Außenminister Frank-Walter Steinmeier kurz vor der Ernennung Johnsons zum Außenminister. Namen nannte Steinmeier nicht)

 

  • „Wir erwarten, dass Herr Johnson sich in seiner neuen Funktion in einer professionellen und freundlichen Weise verhält.“ (Regierungskreise in der Türkei am Donnerstag)
  • „Mich würde es nicht wundern, wenn man in Großbritannien demnächst Dracula zum Gesundheitsminister macht.“ (Der SPD-Außenpolitiker und -Fraktionsvize Rolf Mützenich im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.)

 

  • „Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts zeigt aber, dass es weniger um die Zukunft des Landes geht als um die Befriedung und den inneren Zusammenhalt der Tory Party.“ (EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, SPD, zur „Süddeutschen Zeitung“, Freitagausgabe)

 

  • „Das wird dazu führen, dass man nicht May und den anderen, die in der Europäischen Union bleiben wollten, die Verantwortung zuschieben kann, wenn Träume der Briten nicht erfüllt werden können.“ (Der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold wertet im SWRinfo Johnsons Ernennung als klugen Schachzug)

 

  • „Wir werden Herrn (Philip) Hammond nicht vermissen.“ (Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, laut Agentur Interfax zur Ernennung Johnsons als Hammonds Nachfolger)
 

Geboren wurde der Exzentriker als Alexander Boris de Pfeffel Johnson in New York. Vater: Politiker und Wissenschaftler. Mutter: Malerin. Sein Urgroßvater väterlicherseits war der letzte Innenminister des Osmanischen Reichs. Ausbildung: Elite-Internat Eton und danach Studium an der Top-Uni Oxford, wo er seinen Parteifreund David Cameron kennenlernte. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Der Brexit-Wortführer war vor der Abstimmung über den Austritt aus der EU der größte Gegenspieler Camerons - der am Mittwoch als Premierminister zurücktrat und Theresa May damit den Weg freimachte (ein Porträt über May gibt es hier). Ob bei seiner früheren Arbeit als Journalist oder später in der Politik: Johnson trat schrill und häufiger auch sehr undiplomatisch auf. Zu seinen größten Ausrutschern zählt seine Behauptung, die EU wolle einen Superstaat errichten - wie einst Napoleon und Hitler. 

Bei aller Lockerheit verfolgt Johnson seine Ziele mit Ehrgeiz - auch beim Sport. In diesen Tagen erlangte bei Youtube ein älteres Video neue Popularität: In einem Fußball-Benefizspiel eines britischen Teams gegen Deutschland zeigt sich Johnson 2006 als Draufgänger und rennt den deutschen Ex-Nationalspieler Maurizio Gaudino um. Es tat „wirklich höllisch weh“, erinnert sich Gaudino in der Zeitung „Thüringer Allgemeine“.

 

Auch in der Politik zeigt er Willensstärke: Nach mehreren Jahren als Abgeordneter im Unterhaus war er von 2008 bis Mai 2016 Bürgermeister von London. Er galt als einer der Favoriten für die Nachfolge von Cameron - teilte dann aber plötzlich mit, dass er nicht für dieses Amt kandidiere. Ebenso überraschte jetzt die Entscheidung der neuen Premierministerin, den ruppigen Politiker zum Außenminister und damit Chefdiplomaten Großbritanniens zu ernennen.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 18:56 Uhr

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