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Politik

04. Dezember 2016 | 09:17 Uhr

Nach Putschversuch in der Türkei : Kommodore Michael Krah: „In Incirlik herrscht großes Misstrauen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Oberst und Kommodore aus Kropp/Jagel, Michael Krah, erzählt, wie seine Soldaten im türkischen Incirklik den Putschversuch gegen Erdogan erlebten und wie der Kampf gegen den IS weitergehen musste.

Kropp | Wie Brigadegeneral Bekir Ercan Van von Sicherheitskräften abgeführt wird, hat Michael Krah zu Hause vor dem Fernseher verfolgt. „Das hat mich schon bedrückt, als ich das gesehen habe“, sagt der Oberst und Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“ aus Kropp/Jagel. Kein Wunder: Ein halbes Jahr lang hat Krah mit jenem Van im türkischen Incirlik eng zusammengearbeitet. Der General war Kommandeur der Luftwaffenbasis, der Oberst hat von Dezember bis Mai das dortige deutsche Einsatzkontingent „Counter Daesh“ geleitet. Incirlik zählte dann zu jenen Stützpunkten, von denen aus türkische Streitkräfte in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli ihren Putschversuch gegen Präsident Erdogan starteten.

Die Bundeswehr war während des gescheiterten Umsturzversuchs mittendrin im Geschehen. „Es herrschte intensiver Flugbetrieb in der Nacht. Und am nächsten Tag folgte dann die Verhaftungswelle“, sagt Krah. „Das war für unsere Soldaten eine schwierige Situation.“ Von den knapp 240 deutschen Männern und Frauen in Incirlik kommen derzeit etwa 60 aus Jagel. Natürlich hätten sich die Auseinandersetzungen zwischen Erdogan-treuer Armee und Putschisten auch direkt auf den Nato-Stützpunkt auswirken können, räumt der Kommodore ein. „Eine besondere Gefährdung hat es für unsere Soldaten aber nicht gegeben.“

Dafür in der Folge aber sehr wohl einige Unannehmlichkeiten. Fünf Tage lang hatten die Türken die Basis nach dem Putschversuch von der Stromversorgung abgehängt. Mit Generatoren habe man zwar Einrichtungen wie den Gefechtsstand weiter mit Energie versorgen können, so Krah. Nicht aber den Großteil der eng belegten Container-Unterkünfte. Dort liefen somit auch die Klimaanlagen nicht mehr – und das bei Temperaturen von 45 Grad im Schatten. Auch Warmwasser gab es keines mehr. „Die hygienischen Bedingungen waren eine echte Herausforderung.“ Immerhin sei sichergestellt gewesen, dass die Soldaten mit ihren besorgten Angehörigen in der Heimat Kontakt aufnehmen konnten.

Den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) haben die Ereignisse indes nur kurzzeitig gebremst. Bereits am Montag nach dem Putsch-Wochenende hätten die Tornados ihre Aufklärungsflüge wieder aufnehmen können, erklärt Krah. Seitdem laufe der Flugbetrieb wieder völlig normal. Das heißt, pro Tag starten jeweils immer zwei Jets zu ein bis zwei Missionen über Syrien oder dem Irak. Sechs Tornados sind in Incirlik stationiert, von denen aktuell zwei aus dem „Immelmann“-Geschwader stammen und vier aus dem Taktischen Luftwaffengeschwader 33 in Büchel (Rheinland-Pfalz). Hinzu kommt ein Tankflugzeug, das auch alliierte Maschinen in der Luft mit Treibstoff versorgt.

Also business as usual im Anti-Terror-Kampf? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Das Verhältnis zwischen einheimischen und ausländischen Soldaten in Incirlik muss neu justiert werden. Praktisch sämtliche türkischen Führungskräfte auf der Luftwaffenbasis wurden verhaftet oder abgesetzt. Vertraute Ansprechpartner seien nicht mehr da, sagt Krah. „Es herrscht großes Misstrauen, gerade auch innerhalb der türkischen Armee.“ Zum Teil wurden einige Offiziere inzwischen mehrmals ausgetauscht.

Hinzu kommt eine diffuse Bedrohungslage. Bereits im März hatten die Amerikaner, die das Gros der Streitkräfte auf der Nato-Basis stellen, die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. Der Geheimdienst hatte Hinweise auf mögliche Terroranschläge. Die auf dem Stützpunkt lebenden Familien der US-Soldaten wurden nach Hause geschickt, sämtliche Ausländer durften das Gelände nicht mehr verlassen. In der vergangenen Woche erklärte das Einsatzführungskommando in Potsdam dann, dass ab sofort nur noch Flugzeuge mit Systemen zur Raketenabwehr Incirlik anfliegen dürfen. Die Basis liegt nur etwa 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Bei Transportflügen würden sich nunmehr Amerikaner, Deutsche und Dänen mit entsprechend ausgestatteten Maschinen gegenseitig aushelfen, erläutert Krah.

Wenn Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf ihrer Sommerreise am nächsten Mittwoch erstmals den Fliegerhorst Jagel besucht, wird es natürlich auch um die Anti-IS-Mission und die Situation in Incirlik gehen. Doch während ihrer auf dreieinhalb Stunden angesetzten Visite wird ein anderes Thema ebenso viel Raum einnehmen: Die unbemannte Luftaufklärung. Im Simulator wird sich die Ministerin die Funktionsweise der Drohnen vom Typ Heron erklären lassen.

Schließlich steht für die Jageler ab Oktober neben Afghanistan und Türkei die nächste Mission an: Dann werden 15 bis 20 Soldaten des Geschwaders mit drei Drohnen nach Mali verlegt. „Dabei gehen wir neue Wege“, sagt Kommodore Krah. Die Auswertung der Aufklärungsbilder werde erstmals vom heimischen Stützpunkt aus erfolgen. Hintergrund ist, dass gerade Spezialisten wie die Luftbildauswerter angesichts der vielen Auslandseinsätze überproportional gefordert und kaum noch zu Hause sind.

Krah steht in permanentem Kontakt zu seinen Soldaten im Ausland. Und natürlich verfolgt er die politische Entwicklung in der Türkei mit großem Interesse. Wie es General Van ergeht – das weiß der Oberst nicht. „Wir haben nichts mehr von ihm gehört.“

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erstellt am 12.Aug.2016 | 10:45 Uhr

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