zur Navigation springen

Politik

05. Dezember 2016 | 15:29 Uhr

Terror im Irak : Kampf gegen die letzte Bastion des IS: In Mossul droht eine blutige Schlacht

vom

30.000 Kämpfer sollen auf die Stadt vorrücken. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe.

Mossul | Als die Stunde der Entscheidung gegen den Terror angebrochen ist, trägt der irakische Regierungschef Uniform. Umrahmt von neun Generälen schaut Haidar al-Abadi entschlossen in die Kamera des Staatsfernsehens. „Verehrtes irakisches Volk“, erklärt der Ministerpräsident mit fester Stimme. „Die Stunde des Sieges hat geschlagen. Die Operation zur Befreiung von Mossul hat begonnen.“ Dann wendet er sich an die Einwohner der Millionenstadt Mossul: „Sehr bald werden wir unter Euch sein und die irakische Flagge hissen.“

Mossul ist die letzte Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak. Die Millionenstadt steht seit Juni 2014 unter Kontrolle der Extremisten. Sollte die Stadt befreit werden, wäre der IS im Irak militärisch weitestgehend besiegt. Im Nachbarland Syrien beherrscht die sunnitische Terrormiliz allerdings noch immer große Gebiete.

Auf diese Worte hatte nicht nur der Irak seit Monaten gewartet. Nach wochenlangen Vorbereitungen begann in der Nacht auf Montag die Großoffensive, die Mossul aus der Gewalt der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) befreien soll. Fernsehbilder zeigten vorrückende Panzer und Rauchsäulen am Horizont. Es ist die bislang größte, aber auch schwierigste Militäroperation gegen die Extremisten. Al-Abadi versprach einen Sieg noch in diesem Jahr. Doch US-General Stephen Townsend, Kommandeur der beteiligten US-Truppen, warnte, die Operation könne Wochen dauern - oder auch länger.

Doch die Offensive birgt Gefahren für die Menschen: Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR rechnet mit schätzungsweise bis zu 700.000 Menschen aus Mossul und dem Umland, die fliehen und auf Hilfe angewiesen sein könnten. Nach Angaben von Hilfsorganisationen wurden jedoch bisher zu wenige Lager errichtet, um die Menschen bei einer Massenflucht ausreichend versorgen zu können. Zudem gibt es Befürchtungen, die Flüchtlinge könnten in die Schusslinie geraten.

Wer kämpft in Mossul gegen den IS?

Peschmerga: Die Kämpfer der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak kontrollieren große Teile des Umlands von Mossul. Sie sollen die Operation nach einer Absprache mit der Zentralregierung unterstützen, aber nicht in die Stadt selbst einrücken. Dafür dürften sie mehrere Orte im Umland von Mossul unter ihre Kontrolle bringen.

Irakische Armee: Das von den USA mit ausgebildete Militär soll die Offensive anführen und auch in die Stadt einrücken, vorneweg Spezialeinheiten, die schon andernorts gegen den IS gekämpft haben. An der Seite der Armee sollen auch Einheiten der Polizei kämpfen.

Internationale Koalition: Die Flugzeuge des von den USA geführten Bündnisses sind bereits seit mehr als seit zwei Jahren im Irak im Einsatz. Sie unterstützen die Mossul-Kampagne mit Luftangriffen.

Lokale Milizen: An der Seite der Armee kämpfen mehrere Tausend Mitglieder lokaler sunnitischer Milizen sowie von Stammeseinheiten. Sie sind unter anderem vom türkischen Militär ausgebildet worden.

Schiitische Milizen: Auch diese berüchtigten Milizen erklärten im Vorfeld, sie würden an dem Feldzug teilnehmen. Allerdings ist ihr Einsatz hochbrisant. Mossul ist im Irak die größte Hochburg der Sunniten. Diese lehnen einen Einsatz schiitischer Milizen ab. Sollte es dazu kommen, befürchten Beobachter einen Zerfall des Bündnisses.

Türkei: Das türkische Militär hat unweit von Mossul Soldaten stationiert, die sunnitische Milizen und Peschmerga ausbilden. Der Irak fordert den Abzug der Einheiten, was Ankara jedoch ablehnt.

PKK: Nordwestlich von Mossul sind auch Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK stationiert, die von der Türkei bekämpft wird. Sie könnten auf den Plan gerufen werden, wenn auch die türkischen Soldaten in die Operation eingreifen sollten.

 

30.000 Kämpfer sollen sich nach Medienberichten für die Offensive im Umland von Mossul positioniert haben und aus mehreren Richtungen auf die Stadt vorrücken. Anführen würden die Operation die irakische Armee und Polizei, erklärte Al-Abadi, der zugleich Oberbefehlshaber der Armee ist. Unterstützt werden sie nicht nur von sunnitischen Milizen, sondern auch von kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die jedoch nicht in die Stadt selbst einrücken sollen. Jets der US-geführten Koalition bombardieren die IS-Extremisten aus der Luft.

Rein zahlenmäßig ist dieses Bündnis der Terrormiliz damit klar überlegen, denn nach Schätzungen aus den Reihen der Peschmerga halten sich in Mossul und im Umland nur noch rund 4000 IS-Kämpfer auf. Doch diese sollen in der Großstadt nicht nur tiefe Gräben ausgehoben haben, sondern auch ein Tunnelsystem, um sich unbemerkt hin und her bewegen zu können. Gebäude und Straßen dürften sie mit Massen an Sprengfallen versehen haben. Wie schon in der Vergangenheit versuchen sie zudem, die Angreifer mit Selbstmordattentätern aufzuhalten.

Hintergrund: Die Stadt Mossul

Die nordirakische Wirtschaftsmetropole Mossul liegt rund 400 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bagdad am Ufer des Tigris. Neben großen Erdölraffinerien ist dort auch die Textilverarbeitung von wirtschaftlicher Bedeutung. Schon in seiner frühen Geschichte war das bedeutende Zentrum auf der Handelsroute zwischen Indien, Persien und dem Mittelmeer bekannt für Lederprodukte und feine Baumwollstoffe - der Stoff Musselin ist nach Mossul benannt.

Mossul ist ein Zentrum sunnitischer Araber. Der Ort war aber immer auch Heimat anderer Ethnien und Konfessionen wie Christen, Kurden, Turkmenen oder Jesiden. In der Hauptstadt der Provinz Ninawa sollen noch etwa 1,5 Millionen Menschen leben.

Mossul wird seit Jahren von Gewalt und Terror erschüttert. Nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Saddam Hussein im Jahr 2003 flohen zahlreiche Anhänger des gestürzten Regimes nach Mossul. Viele von ihnen verbündeten sich später mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), um gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad zu kämpfen.

Im Juni 2014 brachte der IS die Metropole unter seine Kontrolle und errichtete ein Terrorregime. Rund 30.000 Soldaten sollen vor 800 anrückenden militanten Islamisten geflohen sein.

In der Großen Moschee von Mossul rief der Anführer der IS-Miliz, Abu Bakr al-Bagdadi, Muslime weltweit auf, in die Region zu kommen und ihn beim Dschihad zu unterstützen. Es war der erste öffentliche Auftritt des selbst ernannten Kalifen.

Wie in anderen eroberten Regionen vernichteten die Extremisten auch in Mossul Dutzende historische Denkmäler. Im städtischen Museum wurden Jahrtausende alte Statuen aus assyrischer Zeit zerstört.

 

Genau dafür werden die Peschmerga seit mehreren Monaten von der Bundeswehr ausgebildet. Immer wieder rühmen die Kurden die von Deutschland gelieferte Panzerabwehrwaffe „Milan“, die Selbstmordangreifer aufhalten soll. Deutsche Soldaten schulen die Peschmerga zudem in der Entschärfung von tückischen Sprengfallen.

Dennoch droht eine blutige Schlacht, denn wenig spricht dafür, dass die Extremisten Mossul kampflos aufgeben werden. Im Gegenteil. Mossul ist die letzte Bastion des IS im Irak. Sollten die Extremisten von hier vertrieben werden, wären sie in dem Krisenland zwar nicht politisch, aber doch militärisch weitestgehend besiegt.

Auch symbolisch ist Mossul wichtig. Im Juni 2014 konnte der IS die Stadt mit nur wenigen Hundert Kämpfern einnehmen, weil die schlecht motivierte und von Korruption erschütterte irakische Armee kampflos Reißaus nahm - eine Schmach für das Militär und die Regierung in Bagdad. Kurz danach zeigte sich IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi bei einer Freitagspredigt in der Großen Moschee von Mossul das erste Mal öffentlich und ließ sich von seinen Anhängern als „Kalif“ huldigen.

In diesem Jahr bekam die irakische Armee schon einen Vorgeschmack darauf, was ihr in Mossul blüht. Als die Streitkräfte der Zentralregierung auf die IS-Hochburg Falludscha westlich von Bagdad vorrückten, dauerte es Monate, bis die Extremisten des IS, auf Arabisch Daesh genannt, vertrieben waren, obwohl die Stadt deutlich kleiner als Mossul ist.

Unklar ist, ob Mossuls Einwohner weiter den IS unterstützen werden - oder ob sie mit den irakischen Streitkräften kooperieren, so wie Al-Abadi es sich in seiner TV-Ansprache wünschte. Als die sunnitische Terrormiliz im Sommer 2014 einrückte, fand sie unter den Einheimischen starke Sympathie, schließlich ist Mossul die größte sunnitsche Stadt im Irak. Viele Sunniten fühlen sich von der Mehrheit der Schiiten im Land ausgegrenzt, was den Dschihadisten starken Zulauf bescherte und ihren Vormarsch überhaupt erst ermöglichte.

Geflüchtete Einwohner aus Mossul berichten jedoch, die Extremisten hätten in der Stadt stark an Rückhalt verloren, weil sie eine Terrorherschaft errichtet hätten. „Die Mehrheit der Menschen unterstützt Daesh nicht mehr“, sagt der 22 Jahre alte Abdulrahman, der nun in einem Flüchtlingscamp südöstlich von Mossul lebt. Dafür hat er eine simple Erklärung: „Das Leben unter Daesh ist die Hölle.“

zur Startseite

von
erstellt am 17.Okt.2016 | 14:10 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen