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Politik

08. Dezember 2016 | 10:58 Uhr

„Nicht als Nachbarn“ : Jérôme Boateng kann über Gaulands Äußerung nur lachen

vom

Der AfD-Vize sorgt mit einer fremdenfeindlichen Äußerung für massive Kritik – rudert aber wieder zurück. Frauke Petry entschuldigt sich bei Jérôme Boateng.

Wieder einmal hat die AfD mit einer fremdenfeindlichen Äußerung für Empörung gesorgt. Knapp zwei Wochen vor Beginn der Fußball-EM sagte AfD-Vize Alexander Gauland in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) über Nationalspieler Jérôme Boateng: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Wenig später ruderte der AfD-Vize dann zürück und AfD-Chefin Frauke Petry bemüht sich um Schadensbegrenzung. Fans solidarisieren sich beim EM-Test gegen die Slowakei mit Boateng.

Und den möchte man nicht als Nachbarn? Jérôme Boateng nach dem Sieg gegen Argentinien mit dem WM-Pokal. /Archiv
Und den möchte man nicht als Nachbarn? Nationalspieler Jérôme Boateng nach dem Sieg gegen Argentinien mit dem WM-Pokal. Foto: Andreas Gebert
Der in Berlin geborene Boateng ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Er ist Stammspieler des FC Bayern und Leistungsträger in der Deutschen Nationalmannschaft.

Der Nationalspieler selbst hat sich gelassen über das umstrittene Zitat des AfD-Vizevorsitzenden Alexander Gauland zu seiner Person geäußert. Er könne darüber nur lachen. Boateng fügte am Sonntagabend in der ARD allerdings hinzu: „Ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt.“

Politiker von CDU und SPD wiesen diese Äußerung ebenso entschieden zurück wie Fußballoffizielle. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte im Kurznachrichtendienst Twitter: „Einfach nur niveaulos und inakzeptabel. Wer so redet, entlarvt sich selbst - und das nicht nur als schlechter Nachbar.“

CDU-Vize Julia Klöckner twitterte: „Lieber Boateng als Gauland als Nachbarn.“

Der auch für Sport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte der „Bild“-Zeitung: „Jérôme Boateng ist eine herausragende Stütze unserer Nationalmannschaft und ein absoluter Musterprofi. Jeder Deutsche kann sich glücklich schätzen, solche Leute zu haben, als Teamgefährte, deutscher Staatsbürger und als Nachbar.“

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel, sagte der Zeitung, es sei „einfach geschmacklos“, die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft „für politische Parolen zu missbrauchen“. Boateng sei „ein herausragender Spieler und ein wunderbarer Mensch, der sich übrigens auch gesellschaftlich stark engagiert und für viele Jugendliche ein Vorbild ist“.

Dem stimmte auch Nationalmannschaftskollege Benedikt Höwedes auf Twitter zu. Dort schrieb er: „Wenn du für Deutschland Titel gewinnen willst, brauchst du Nachbarn wie ihn.“

Auch der Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff wandte sich gegen Gaulands Äußerung: „Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir mit solchen Aussagen konfrontiert werden. Sie bedürfen keiner weiteren Kommentierung, die Personen diskreditieren sich von alleine.“

„Diskriminierungen jeder Art haben im Sport und in unserer Gesellschaft nichts verloren und verdienen die Rote Karte“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, am Sonntag auf der Internetseite der Bayern. Ligapräsident Reinhard Rauball und DFL-Geschäftsführer Christian Seifert erklärten, die Äußerungen dienten „vor allem dazu, auf gefährliche Weise gezielt Vorurteile zu bedienen und auf dem Rücken eines prominenten Fußball-Spielers Politik zu machen“.

Gauland weist Vorwürfe zurück

Nach zahlreichen Medienberichten und massiver Kritik über seine Äußerung in der FAS reagiert Gauland am Sonntag. Der AfD-Vize weist in einer Mitteilung den Vorwurf zurück, Jérôme Boateng fremdenfeindlich beleidigt zu haben. „Ich habe nie, wie die FAS insinuiert, Herrn Boateng beleidigt. Ich kenne ihn nicht und käme daher auch nicht auf die Idee, ihn als Persönlichkeit abzuwerten“, teilte Gauland mit. Er behauptet nun, er habe in einem vertraulichen Hintergrundgespräch die Einstellung mancher Menschen beschrieben, „aber mich an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert“. Gauland lobt in seiner Stellungnahme Boatengs „gelungene Integration“. Selbstverständlich könne man stolz auf unsere Nationalmannschaft sein. „Ich wünsche allen Spielern viel Glück für die Europameisterschaft.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nimmt Stellung

Die FAS widerspricht der Darstellung Gaulands in einer Stellungnahme. Die betreffenden Journalisten hätten Gauland am Mittwoch zum Gespräch getroffen und die Äußerungen des AfD-Politikers inklusive der umstrittenen Passage aufgezeichnet. „Beide Kollegen haben die Passage aufgezeichnet, ihre Aufzeichnungen stimmen überein. Wie in früheren Gesprächen auch bestand Herr Gauland nicht auf einer Autorisierung von Zitaten. Herr Gauland stufte nur den Teil des Gesprächs, in dem er sich über AfD-Führungspolitiker äußerte, als Hintergrund ein und bat, daraus nicht zu zitieren. Daran hat sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gehalten.“

Frauke Petry entschuldigt sich

Die Parteivorsitzende der rechtspopulistischen AfD, Frauke Petry, entschuldigte sich bei Boateng und verwies auf Erinnerungslücken ihres Stellvertreters: „Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“

Der rheinland-pfälzische AfD-Landesparteichef Uwe Junge betonte die Bedeutung des Nationalspielers. „Der in Berlin geborene deutsche Staatsbürger Boateng ist einer unserer WM-Helden. Idole wie er sind wichtige Wegbereiter für die Akzeptanz von integrierten Einwanderern“, schrieb Junge am Sonntag in einer schriftlichen Mitteilung.

Im Netz reißt die Kritik - auch aus der Politik - trotzdem nicht ab. Eine Auswahl:

 

Fans solidarisieren sich mit Boateng

Beim vorletzten EM-Test der Nationalmannschaft gegen die Slowakei haben auch Fans in Augsburg auf die Gauland-Aussage reagiert. An der Stadionbande hängten sie ein Transparent mit der Aufschrift „Jerome sei unser Nachbar!“ auf. Sie malten noch ein Herz dazu.

Bekenntnis zu Boateng beim Länderspiel in Augsburg.
Bekenntnis zu Boateng beim Länderspiel in Augsburg. Foto: dpa
 

Erst in der vergangenen Woche hatten sich Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung abschätzig über Jugendfotos der deutschen Nationalspieler auf Packungen der Kinderschokolade geäußert. Darauf zu sehen sind unter anderem auch Jérôme Boateng und Ilkay Gündogan.

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erstellt am 30.05.2016 | 00:00 Uhr

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