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Politik

05. Dezember 2016 | 01:27 Uhr

Nach Anschlag in Nizza : Interview mit Nizan Nuriel: „Wir müssen uns an Terrorattacken gewöhnen“

vom

Israel gilt aus traurigen Gründen als Spezialist in Sachen Terrorismus. Ein ehemaliger Anti-Terror-Berater der Regierung fordert von der westlichen Welt ein Umdenken in Sachen Menschenrechte und Sicherheit.

Tel Aviv | Anschläge mit Autos gibt es in Israel und dem palästinensischen Westjordanland regelmäßig. Lastwagen mit sensibler Fracht, wie Chemikalien, dürfen in Israel nur auf bestimmten Straßen fahren. Der ehemalige Direktor des israelischen Stabs zur Terrorbekämpfung im Büro des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, Nizan Nuriel, befürchtet Nachahmer nach dem Anschlag von Nizza. Die Ereignisse im Liveblog.

Was ist die Strategie hinter einem scheinbar wahllosen Anschlag wie in Nizza?

Ich denke, dass der „Islamische Staat“ Botschaften verbreiten will, wo immer und wann immer er kann. Die Botschaft lautet: Auch wenn wir im Irak und in Syrien Boden verlieren, sind wir immer noch stark genug, um jede Art von Terroranschlag durchzuführen. (Anmerkung der Redaktion: Der IS hat sich bis Freitag Mittag nicht zu dem Anschlag bekannt.)

Selbst wenn ihr uns am Boden besiegt, werdet Ihr für eine lange Zeit einen hohen Preis zahlen. Und um diese Art von Attacke durchzuführen, brauchen wir keinen langen Vorbereitungsprozess.

Sehen Sie eine direkte Verbindung zwischen dem Attentäter von Nizza und dem IS?

Du brauchst nur Menschen, die bereit sind zu sterben. Davon haben sie eine Menge. Der Fahrer hat keine besondere Anweisung von irgendwem erhalten. Er hat alles, was er braucht, um den Terroranschlag durchzuführen. Er hat die Ziele. Er hat sein eigenes Fahrzeug. Und Munition zu bekommen, ist aktuell kein großes Problem in Europa.

Warum wählt der Attentäter einen Lastwagen?

Die Idee, mit dem eigenen Auto Menschen zu töten, ist nichts Neues. Mit einem Fahrzeug kann man viele Opfer verursachen. In Israel sind es meistens kleine Autos. Aber wir hatten in der Vergangenheit auch schon den Fall, dass ein palästinensischer Terrorist einen israelischen Bus von der Straße in eine Schlucht gestürzt hat. Es gab 16 Tote.

Wieso zielen die Terroristen neben Flughäfen vor allem auf sogenannte weiche Ziele?

Sie wollen Angst schaffen und so viele Opfer wie möglich haben. Das war der Grund, warum sie ein Fußballspiel angreifen wollten, das war der Grund, warum sie einen Nachtclub attackiert haben. Jeder Ort, wo Menschen anstehen oder sich Menschenmengen bilden, ist ein weiches Ziel.

Wie könnten die Behörden einen solchen Anschlag verhindern?

Grundsätzlich muss man sagen, dass es keine 100-prozentige Lösung für alle Arten von Szenarien gibt. Bei einer Veranstaltung wie in Nizza sind Kontrollpunkte der Polizei an der Hauptstraße eine Möglichkeit. Manche Bereiche können für Lastwagen geschlossen sein.

Es gibt auch eine Technologie, die ermöglicht, Lastwagenmotoren von außen abzuschalten. In Israel sind Lastwagen, die sensible Fracht wie Chemikalien transportieren, nur auf bestimmten Straßen erlaubt. Wenn sie diese verlassen, schalten wir den Motor ab. Für eine Lizenz zum Transport dieser Fracht ist der Einbau der Technologie eine Bedingung.

In Israel gibt es Kontrollen an jedem Einkaufszentrum. In Deutschland wird dagegen der Datenschutz hochgehalten. Muss Europa in Sachen Sicherheit grundsätzlich Umdenken?

Ich denke die meisten europäischen Staaten müssen die Entscheidung treffen, was zuerst kommt: Menschenrechte oder das Recht zu leben. So lange sie darüber diskutieren, werden sie nichts entscheiden. Und ich habe das Gefühl, ohne irgendwen zu kritisieren, dass sie noch nicht bereit dafür sind. Man kann diese Sicherheitsvorkehrungen nicht treffen, ohne den Alltag ein bisschen zu beeinflussen.

Was erwarten Sie für die Zukunft?

Ich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass Terrorismus für immer um uns sein wird. So wie wir uns an Kriminalität gewöhnt haben, müssen wir uns an Terrorattacken gewöhnen. Das einzige Ansinnen, das wir haben können, ist, ihn auf einem möglichst niedrigen Level zu halten. Die Terroristen werden versuchen, jeden Monat einen großen Anschlag wie diesen zu haben. Eine der Herausforderungen ist, dass nach einem Anschlag wie in Nizza Menschen versuchen, dieses Szenario nachzuahmen. Sie haben gesehen, wie einfach es ist. Es kann überall stattfinden, nicht nur in Europa, auch etwa in den USA oder Kanada.

ZUR PERSON: Nizan Nuriel (56) wurde 1997 stellvertretender Befehlshaber der Armeedivision im Gazastreifen. 2001 wurde er zum Militär-Attaché an der israelischen Botschaft in Washington ernannt. 2006 war er bei der israelischen Armee verantwortlich für die Front im zweiten Libanon-Krieg. Von 2007 bis 2012 war er Direktor des israelischen Stabs zur Terrorbekämpfung im Büro des Ministerpräsidenten.

Hintergrund: Wie groß ist die Terrorgefahr in Deutschland?

Wieder ein Anschlag im Nachbarland: Die verheerende Attacke von Nizza wirft auch Fragen zur Sicherheitslage in der Bundesrepublik auf. „Die grundsätzliche Gefährdungsbewertung für Deutschland ist unverändert“, erklärte das Bundesinnenministerium dazu am Freitag. Europa sei insgesamt ein Gefahrenraum für islamistischen Terrorismus. „Die Anschläge in unseren Nachbarstaaten zeigen uns, wie real die Gefahr islamistischer Terrorakte in Europa ist.“ Auch Deutschland stehe weiter im Fokus islamistischer Terroristen.

Die jüngsten Attacken in Paris, Brüssel, Istanbul und nun in Nizza zeigen laut Innenressort Szenarien, vor denen Geheimdienste und Polizei immer wieder warnen: zeitversetzte Anschläge durch Kleinstgruppen an verschiedenen Orten, brutales Vorgehen von Terroristen, Attacken auf „weiche Ziele mit hohen Opferzahlen und einem gewissen Symbolwert“.

Fachleute aus dem Sicherheitsapparat betonen immer wieder, dass auch in der Bundesrepublik ein Anschlag nicht auszuschließen ist. Gefahrenquellen gibt es viele: Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten, Einzeltäter, die sich im Stillen radikalisieren und aus dem Nichts zuschlagen, Schläfer von Terrororganisationen - oder kleine Teams, die für einen Anschlag gezielt ins Land eingeschleust werden.

Die Lage ist in Deutschland schon seit Monaten enorm angespannt. Hinter den Kulissen fahren die Behörden nach jeder Attacke in der direkten Nachbarschaft die Sicherheitsvorkehrungen hoch, prüfen die - enorm wachsende - Zahl an eingehenden Gefahrenhinweisen und nehmen die Islamisten-Szene und „Gefährder“ besonders in den Blick.

 
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erstellt am 15.Jul.2016 | 12:46 Uhr

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