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Politik

10. Dezember 2016 | 17:47 Uhr

IfW-Präsident Dennis J. Snower : Interview: Donald Trumps „America first“ gefährdet die Welt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

IfW-Präsident Snower warnt den designierten US-Präsidenten vor einer amerikanischen Abschottung und Isolationspolitik.

Kiel | Herr Prof. Snower, im Vorfeld der Wahl haben Sie mit Blick auf einen möglichen Erfolg von Donald Trump vor einer Tragödie gewarnt. Was nun?
Snower: Viele von Trumps Aussagen im Wahlkampf waren Kampfansagen an Grundprinzipien der globalen Ordnung, den Freihandel und die offene Gesellschaft. Die spannende Frage wird nun, wie viele dieser Aussagen er in praktische Politik umsetzen will und kann. Der Westen und die Mitglieder seiner eigenen Partei müssen alles dafür tun, eine amerikanische Abschottung und Isolation zu verhindern, denn dies geht immer mit Konflikten und Hass einher.

Der künftige Präsident nennt Klimawandel einen Hoax, hält wenig von der Nato und stellt die liberale Weltordnung in Frage. Was wird, wenn Trump solche Positionen zu Politik macht?
Es ist leider davon auszugehen, dass Trump Erfolge des Klimaschutzes rückgängig macht, um heimische Unternehmen aus der Stahl- und Kohleindustrie zu fördern. Im Nato-Verbund wird er vor allem von Deutschland höhere Beiträge fordern, was den deutschen Staatshaushalt belasten dürfte. Wenn Amerika sich wirklich aus der internationalen Politik zurückzieht, bedeutet dies große politische Instabilitäten rund um den Globus, vor allem im Mittleren Osten und im Umgang mit Nordkorea und Russland.

Trump hat nach seinem Wahlsieg erklärt, er wolle Gräben zuschütten und Präsident aller Amerikaner sein. Trauen Sie ihm?

Für das amerikanische Volk und die Stabilität der Weltwirtschaft ist Trumps Sieg eine Herausforderung. Er muss jetzt vor allem beweisen, dass er mehr kann als polarisieren und die Wut auf das Establishment schüren.

Die ökonomischen Botschaften des Kandidaten Trump klangen eher nach Abschottung als nach Welthandel. Was würde ein solcher Kurs bedeuten?

Trump hat in ökonomischen Fragen längst überwunden geglaubte Handelsbarrieren als neue Ideen für amerikanischen Wohlstand verkauft. Das Gegenteil wird passieren, wenn er seine Ankündigung von Zöllen, unbezahlbaren Subventionen und einem abgeschotteten Binnenmarkt wahr macht. Amerika wird ärmer werden, der weltweite Wohlstand durch weniger Handel zurückgehen.

Sehen Sie noch politische Kräfte in den USA, die Trump – bei aller Machtfülle, die ein US-Präsident hat – im Zaum halten können?
Auch Trump kann nicht ohne die Unterstützung des Kongresses regieren. Zwar haben dort die Republikaner die Mehrheit, aber viele seiner Parteigenossen sind mit Trumps politischen Forderungen nicht einverstanden. Trump wird also sicherlich Kompromisse eingehen müssen.

Welche politischen Folgerungen muss Europa aus der Entwicklung in den USA ziehen?
Die Spaltung der Gesellschaft vollzieht sich auch hier. Die Wähler der rechten Populisten in Deutschland, Frankreich oder Österreich machen ihrem Unmut Luft. Sie haben das Gefühl, ihr Schicksal und das ihrer Kinder nicht mehr aus eigener Kraft zum Positiven wenden zu können, sondern der Globalisierung und egoistischen Interessen von Konzernen und Banken hilflos ausgeliefert zu sein. Wir müssen daher für echte Chancengleichheit sorgen, Lobby-Interessen widerstehen und so dafür sorgen, dass die politische und wirtschaftliche Integration in Europa auch mit sozialer Integration einhergeht. Dazu zählt auch eine nachhaltige Bildungspolitik, die das lebenslange Lernen fördert, so dass alle Berufs- und Bevölkerungsschichten in hochwertigen Jobs von der Globalisierung profitieren können.

<p>Dennis Snower.</p>

Dennis Snower.

Foto: IFW
 

Dennis J. Snower ist amerikanischer Staatsbürger, seit 2004 Präsident des renommierten Instituts für Weltwirtschaft in Kiel sowie Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre an der Universität Kiel. Geboren 1950 in Wien, wuchs  Snower dort bis zu seinem 17. Lebensjahr auf. Snower studierte in Oxford (England)  und an der Universität Princton im US-Bundesstaat New Jersey, arbeitete später an der Universität Maryland und am Birkbeck College der University of London. Zu Snowers Forschungsschwerpunkten zählen die Beschäftigungspolitik und die Arbeitslosigkeit.

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erstellt am 09.Nov.2016 | 20:05 Uhr

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