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Politik

05. Dezember 2016 | 19:41 Uhr

Obdachlose in HH : „Ich erniedrige mich nicht, ich schnorre“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Betteln ist in Hamburg nicht verboten – und ist vielerorts zu einem Teil des Stadtbilds geworden. Doch die Zahl aggressiver Bettler geht zurück.

Hunger, Hund und Hanf – dafür erbitten Bettler in Hamburg eine milde Gabe. Unterernährt oder krank sehen die wenigsten aus – Geld brauchen sie trotzdem. Kalle zeigt auf der Reesendammbrücke nahe dem Rathaus die Rechnung, die er am Morgen beim Tierarzt bezahlen musste. Untersuchung und Wurmkur für seine kleine schwarze Hündin „Killer“ kosteten gut 70 Euro. Der 55-Jährige hofft, dass er das Geld in ein bis zwei Tagen zusammengebettelt hat.

Als obdachlos gilt, wer keinen festen Wohnsitz hat. Wie viele Menschen dies in Deutschland genau sind, wird in keiner Bundesstatistik erfasst. Es gibt nur Schätzungen von Wohlfahrtsverbänden dazu. Als Ursachen gelten unter anderem Arbeitslosigkeit, Schulden, Scheidung oder Tod des Partners, Krankheit oder fehlende Schulbildung.   

In der Mönckebergstraße hält eine etwa 70 Jahre alte Frau die Hand auf. Sie hat auf ein blaues Schild den klassischen Spruch „Ich habe Hunger“ geschrieben. Aber auch sie ist nicht völlig mittellos. In ihrer slowakischen Heimatstadt Kosice bekomme sie eine kleine Sozialhilfe, sagt sie in einfachen Worten. Die versucht sie nun zusammen mit ihrem Mann in der Einkaufsstraße aufzubessern.

Manke sammelt Geld für Marihuana – aus medizinischen Gründen, sagt der arbeitslose 27-Jährige.
Manke sammelt Geld für Marihuana – aus medizinischen Gründen, sagt der arbeitslose 27-Jährige. Foto: dpa
 

Rund um die Europapassage, eines der größten Shopping-Center Hamburgs, bitten Roma um Geld. Ein älterer Mann – mit Handzeichen gibt er sein Alter mit 67 an – liegt auf dem Boden. Er zeigt auf sein Herz und auf Medikamente, die er nehmen muss. Neben ihm liegt eine Krücke. In Bulgarien habe er elf Kinder, gibt er zu verstehen. In der Nähe sitzen mehrere Romafrauen, ältere und jüngere, die den Passanten alle die gleiche Sorte von Pappbecher hinhalten. Ein junger Mann geht an Krücken auf die Leute zu.

„Große Städte ziehen viele an, die auch ein Stückchen vom Kuchen abhaben wollen“

„Betteln ist in Hamburg nicht verboten“, heißt es unisono von den Behörden. Nur gegen „aggressives Betteln“ schreite die Polizei ein, betont ein Sprecher. Als Beispiel nennt er die „Klemmbrett-Masche“. Dabei werden Passanten mit der Bitte um eine Unterschrift für einen guten Zweck abgelenkt, während ein Komplize des Sammlers den Interessenten bestiehlt. Anfang des Jahres sorgten die „Klemmbrett-Sammler“ für Beunruhigung in der Hamburger Innenstadt, seit dem Sommer hat die Polizei aber keinen einzigen Fall mehr registriert.

Das City Management bestätigt, dass es wieder ruhiger geworden ist. „Mit unseren heimischen Bettlern haben wir überhaupt keine Probleme“, beteuert Sprecherin Brigitte Erler. Im Gegenteil. Es gebe sogar Geschäftsleute, die den Mitternachtsbus der Diakonie unterstützten, der Obdachlosen Hilfe bringe. Auch die Sprecherin des Bezirksamts Mitte bekundet Verständnis: „Große Städte ziehen viele an, die auch ein Stückchen vom Kuchen abhaben wollen“, sagt Sorina Weiland.

Tatsächlich geht es eher um „Kuchen“ als das Brot im eigentlichen Sinne. Einer, der das mit entwaffnender Ehrlichkeit einräumt, ist Manke. Er sitzt fast jeden Tag vor dem Hauptbahnhof und zeigt eine große Tafel mit der Aufschrift „Brauche Geld für Gras!“, daneben eine kleine rote Hanfpflanze. Der kleine Glasstiefel, in dem er die Münzen sammelt, ist längst nicht voll. Aber immer wieder wollen Touristen Bilder von oder mit ihm und seinem Schild machen.

Entschlossenes Vorgehen gegen die „Bettelmafia“

Manke ist nach eigenen Angaben kein Bettler. „Ich erniedrige mich nicht, ich schnorre“, betont er. Er brauche jeden Tag vier Gramm Marihuana – aus medizinischen Gründen. „Ich bin manisch-depressiv.“ Von seinem Arbeitslosengeld könne er sich die 20 bis 40 Euro teure Tagesdosis nicht leisten. Der 27-Jährige hofft darauf, dass Cannabis als Medikament schon bald legalisiert und von der Krankenkasse bezahlt wird.

Vielleicht würde Manke sogar bei der CDU auf Verständnis stoßen, die das passive Betteln als Teil des Stadtbilds akzeptiert. Etwas völlig anderes sei aber die gewerbsmäßige Bettelei, erklärt der Bürgerschaftsabgeordnete David Erkalp. Die osteuropäischen Betteltrupps bedrängten immer wieder Passanten. Er fordert ein entschlossenes Vorgehen gegen die „Bettelmafia“.

Die Deutsche Bahn und die Hamburger Hochbahn tun das bereits und haben ihr Sicherheitspersonal auf bestimmten S- und U-Bahnlinien verstärkt. Am Hauptbahnhof achten gemeinsame Streifen von Landes- und Bundespolizei auf Bettler. Es gebe keine vermehrten Beschwerden, sagt Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum. Aber in sozialen Netzwerken seien die Bettler ein Thema. Darauf reagiere das Unternehmen.

Von mafiösen Strukturen weiß Stephan Karrenbauer von der Obdachlosen-Zeitschrift „Hinz & Kunzt“ nichts. Auszuschließen sei das aber auch nicht. „Wo Armut ist, ist immer auch Ausbeutung“, sagt er. Berichte über einen Bettler-Boss, der abends mit einem dicken Auto das Geld einsammele, hält er für unglaubwürdig. „Ich hab's noch nie gesehen.“ Zum Dezember rechnet Karrenbauer mit einer erneuten Zunahme der Bettler, ganz ohne Organisation. Die Adventszeit sei für sie einfach „Hochsaison“.

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erstellt am 21.Sep.2016 | 20:05 Uhr

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