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Politik

11. Dezember 2016 | 09:08 Uhr

US-Präsidentschaftskandidat : Historisch: Keine Zeitung empfiehlt, Donald Trump zu wählen

vom
Aus der Onlineredaktion

Selbst traditionell republikanische Blätter raten zu Hillary Clinton. Unterdessen bringt Trump seine Partei weiter gegen sich auf.

Washington | Der Zähler auf der Webseite des „Mother Jones“-Magazins steht auf Null. Genau soviel Zeitungen haben sich auf ihren Meinungsseiten für den Republikaner ausgesprochen. Ein Novum in der Geschichte von Präsidentschaftswahlkämpfen, bei denen es in den USA zur Tradition der meisten Verlagshäuser gehört, eine Präferenz auszudrücken.

Donald Trump ist auch innerhalb seiner Partei sehr umstritten. Zuletzt sorgte ein Video des US-Präsidentschaftskandidaten für Aufsehen, das ihn einige Stimmen kosten dürfte: Darin äußerte er sich sexistisch und respektlos gegenüber Frauen.

Die Heimatzeitung George W. Bushs in Texas, „Dallas Morning News“, rät ihrer konservativen Leserschaft erstmals seit 1940 nicht für den Bewerber der Republikaner zu stimmen und stattdessen Hillary Clinton zu wählen. „Wir haben es uns mit dieser Entscheidung nicht leicht gemacht“, schreibt das Blatt und erinnert daran, „das letzte Mal vor dem Zweiten Weltkrieg einen Demokraten unterstützt zu haben.“

Woraufhin die „Houston Chronicle“ in ihrer Empfehlung für Clinton ketzerisch fragt: „Wird es in Texas überhaupt irgendeine namhafte Zeitung geben, die Donald Trump empfiehlt?“ Bisher nicht. Aber auch andernorts brechen Titel mit tendenziell republikanischen Meinungsseiten mit ihrer Geschichte.

Der „Cincinnati Enquirer“ in Ohio hat fast ein ganzes Jahrhundert lang Republikaner zur Wahl ins Weiße Haus empfohlen. „Das ist keine traditionelle Wahl“, erklären die Kommentatoren, warum sie die Dinge diesmal anders sehen. „Und dies sind keine traditionellen Zeiten“.

Auch die „Arizona Republic“ bricht mit ihren Gewohnheiten, die bis 1890 zurückreichen. Noch länger ist es her, dass sich der „San Diego Union Tribune“ für einen Demokraten aussprach: 148 Jahre.

Andere konservative Meinungsseiten, die sich einfach nicht zu Clinton durchringen konnten, brachten ihren Dissens mit einer Wahlempfehlung zugunsten des Libertäten Gary Johnson zum Ausdruck. Zu letzter Gruppe gehören die „Detroit News“, die „Chicago Tribune“, der „Union Leader of Manchester“, das „Winston-Salem Journal“ und der „Richmond Times-Dispatch“.

Und dann gibt es ein paar Titel, die normalerweise keine Empfehlungen abgeben, diesmal aber nicht wortlos zuschauen wollen. Zum Beispiel das Massenblatt „USA Today“, das seine Leserschaft eindringlich warnt: „Widerstehen Sie dem Sirenenlied dieses gefährlichen Demagogen. Wählen Sie auf keinen Fall Donald Trump“.

Das einflussreiche Magazin „The Atlantic Monthly“ mischte sich in seiner 160-jährigen Geschichte genau zwei Mal in den Wahlkampf ein. Einmal zugunsten Abraham Lincolns, der als Kandidat gegen die Sklaverei antrat. Ein zweites Mal intervenierte das Magazin zugunsten Lyndon B. Johnson, vor dessen erzkonservativen Widersacher Barry Goldwater die Kommentatoren warnten.

Während vieles für Hillary spreche sei die Hauptmotivation für die Empfehlung „unsere Sorge mit dem Bewerber der Republikaner, Donald J. Trump“. Der Hochstapler sei der am meisten „unqualifizierte Kandidat einer großen Partei in der 227-jährigen Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft“. Die Wähler sollten ihn „in Verteidigung der amerikanischen Demokratie zurückweisen und seine Opponentin wählen“.

Während Wahlempfehlungen von Zeitungen in der Regel keine Auswirkung auf die Entscheidungen ihrer Leserschaft haben, könnte das nach Ansicht des Medienforschers Jack Pitney vom Claremont McKenna College in Kalifornien diesmal anders sein. „Der kumulative Effekt dürfte bei moderaten Republikanern Eindruck hinterlassen.“

Gewiss auch bei den Fans des Rechtspopulisten, die reihenweise ihre Heimatzeitungen abbestellten. Bei der „Arizona Republic“ gingen sogar anonyme Todesdrohungen ein. „Sie haben keine Vorstellungen, was die Leute uns alles an den Kopf geworfen haben“, berichtet auch der Chefredakteur des „Cincinnati Enquirers“, Peter Bhatia.

Auf zwei Titel, die sich bisher noch nicht erklärt haben, kann sich Trump bestimmt verlassen: Die Postille „New York Observer“ seines Schwiegersohns Jared Kushner und das notorische Klatschblatt „National Enquirer“.

Streit zwischen Trump und seiner Partei

Unterdessen ist der Streit zwischen Trump und führenden Vertretern seiner eigenen Partei eskaliert. Trump warf dem mächtigen Republikaner Paul Ryan und anderen am Dienstag vor, seinen Wahlkampf zu torpedieren. Ryan, der Vorsitzender des Abgeordnetenhauses ist, hatte sich am Vortag von dem Kandidaten losgesagt.

Im Kurznachrichtendienst Twitter setzte Trump gleich mehrere Botschaften ab, in denen er seiner Wut freien Lauf ließ. Ryan nannte er eine „schwache und erfolglose Führungsfigur“. Abtrünnige Republikaner seien viel problematischer als seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton, klagte er weiter. „Sie greifen einen von allen Seiten an. Sie wissen einfach nicht, wie man gewinnt. Ich werde es ihnen zeigen.“ Die Loyalität im demokratischen Lager sei viel größer.

 

Er machte deutlich, dass ihm nichts daran gelegen ist, die Risse zu kitten. „Es ist so schön, dass mir die Fesseln abgenommen wurden, und ich jetzt so für Amerika kämpfen kann, wie ich es will.“

Unterdessen kamen aber selbst aus seinem innersten Zirkel missfällige Töne. New Jerseys Gouverneur Chris Christie kritisierte Trump für seine frauenverachtenden Äußerungen aus dem geleakten Video. „Solches Gerede und solche Unterhaltungen sind selbst im Privaten einfach unzumutbar“, sagte Christie. Er erklärte aber auch, er werde weiter hinter Trump stehen. Christie gehört neben New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani zu den engsten Vertrauten des Kandidaten.

Ryan ist als Vorsitzender des Repräsentantenhauses der derzeit mächtigste Republikaner. Der 46-jährige haderte schon in der Vergangenheit mit Trump. Immer wieder kritisierte er ihn scharf, sprach ihm im Juni aber dennoch die Unterstützung zu. Zumindest offiziell hat er diese noch nicht zurückgenommen.

Ryans Bemerkungen wurden in amerikanischen Medien nun so interpretiert, als habe er die Präsidentschaftswahl schon verloren gegeben. Ihm scheint es nun vor allem darum zu gehen, die republikanische Mehrheit im Kongress zu halten. Mehrere republikanische Senatoren müssen wegen Trump um ihre Wiederwahl bangen, darunter Ex-Präsidentschaftskandidat John McCain.

Die zweite Kammer des Kongresses wählt mit der Präsidentenwahl am 8. November 34 Sitze neu, die für sechs Jahre besetzt werden. Die Demokraten müssten den Republikanern nur vier der zur Wahl stehenden 34 Senatorensitze abnehmen, um die Mehrheit zu haben.

Das dritte TV-Duell zwischen den Kandidaten Hillary Clinton und Donald Trump findet am 19. Oktober statt. Alle Infos rund um den US-Wahlkampf können Sie in unserem Liveblog verfolgen:

 
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erstellt am 12.Okt.2016 | 08:40 Uhr

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