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Politik

11. Dezember 2016 | 05:15 Uhr

SOS-Kinderdörfer : Helferin in Syrien: „Die Kinder brauchen Frieden“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Bild von Omran ging um die Welt. Im Interview schildert eine Helferin den Kinder-Alltag in Syrien.

Katharina Ebel ist Nothilfe-Koordinatorin der SOS-Kinderdörfer in Syrien. Wo genau sich die 37-Jährige derzeit in dem Bürgerkriegsland aufhält, kann sie aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Auch ein Foto von ihr an dieser Stelle wäre zu gefährlich. Im Interview spricht sie über die Arbeit mit traumatisierten Kindern, die doppelte Belastung der Mitarbeiter vor Ort und den Einsatz von Giftgas.

Frau Ebel, vor ein paar Tagen ging ein Bild von einem kleinen Jungen aus Aleppo um die Welt. Er saß verletzt und mit leerem Blick in einem Krankenwagen. Sein Bruder ist nach einem Luftangriff gestorben, das Haus seiner Familie zerstört. Das Foto steht sinnbildlich für den Alltag dort. Wie glauben Sie, können Sie diesen Kindern wieder Hoffnung geben?
Was wir derzeit versuchen, ist den Kindern Sicherheit zurückzugeben und sie zu stabilisieren. Psychologen und Sozialarbeiter bieten den Kindern Kunsttherapie und therapeutische Aktivitäten in einem geschützten Umfeld – sogenannten Child Friendly Spaces. Wir versuchen, ihnen einen geregelten Alltag wiederzugeben, dadurch, dass wir zum Beispiel Schulen eröffnen und sie dort wieder hinschicken. Das sind Sachen, die man jetzt gerade machen kann.

Was genau verstehen Sie unter geschütztem Umfeld?
Das können Sie sich wie eine Kita vorstellen. Das kann beispielsweise in einem Flüchtlingslager ein Zelt oder ein Container sein oder auch ein Raum, der hergerichtet wurde. Die Kinder kommen den Tag über hin und können spielen, erhalten Essen und werden betreut. Das geht gut in Gebieten, in denen keine Bomben fallen. In Aleppo ist allerdings nichts auf Dauer sicher. Gerade die letzten Nächte waren mit sehr, sehr vielen Bombenangriffen hart. Die Child Friendly Spaces, die wir aufbauen, sind erstmals außerhalb von Aleppo. Je länger die Kinder dort zur Ruhe kommen, umso größer ist die Chance, dass die Traumata nicht zu große Auswirkungen haben und die Kinder wieder ins Leben zurückfinden. Das ist in vielen Fällen schwer.

Ihr Alltag ist emotional schwer zu verarbeiten. Gibt es eine Geschichte, die Ihnen besonders ans Herz gegangen ist?
Kürzlich wurde hier ein drei Monate altes Baby abgegeben. Nicht, weil die Mutter tot oder irgendwie bösartig ist, sondern weil sie schlichtweg nicht mehr in der Lage ist, sich darum zu kümmern. Viele Menschen hier sind von der Flucht und vom Krieg so traumatisiert, dass sie nicht mehr in der Lage sind, einen normalen Alltag zu durchstehen. Sie sind nicht mehr in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen, sie zu waschen und schon gar nicht ihnen Liebe zu geben. Das Trauma macht sie emotional stumpf. Viele verbringen ihre Tage damit, vor sich hinzustarren. Auch Kinder. Das ist hart mit anzusehen. Die Kinder brauchen den Frieden.

Glauben Sie an eine diplomatische Lösung, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier sie vorantreiben will, für Aleppo? Zuletzt hatte er eine Luftbrücke für die umkämpfte Stadt angeregt.
Ehrlich gesagt, ich bin pessimistisch, dass es zu einer kurzfristigen Lösung kommt. Eine Luftbrücke ist natürlich positiv, weil sie kurzzeitig das Leid der Menschen lindert. Aber wenn ich sehe, dass zusätzlich die Türkei in den Konflikt eingreift… Die Menschen in Syrien hoffen auf jede noch so kleine Chance auf Frieden.

Eine vom Sicherheitsrat in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss, dass Syriens Regierung im April 2014 und im März 2015 in der nordwestlichen Provinz Idlib Chlorgas eingesetzt hat. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) benutzte demnach im August 2015 nahe Aleppo Senfgas. Es heißt, der syrische Regierungschef Assad lässt auch derzeit Giftgas einsetzen. Bekommen Sie davon etwas mit?
Das ist schwer nachzuprüfen. Die Menschen reden darüber, aber unsere Leute in Aleppo konnten davon selber nicht berichten. Allerdings verteilen sie sich nicht über die komplette Stadt. Ich bin da sehr vorsichtig, weil dieser Krieg auch ein Propagandakrieg ist.

Sind Sie der Meinung, dass der Sicherheitsrat stärker mit Sanktionen in Syrien eingreifen sollte, wie es nun Großbritannien und Frankreich fordern?
Ich bin mir nicht sicher, ob Sanktionen Menschenleben schützen. Dass mehr Druck auf alle Beteiligten ausgeübt werden muss, dieses grauenhafte Töten zu beenden, ist jedoch wünschenswert.

Wie erleben Ihre Mitarbeiter die Situation vor Ort?
Sie müssen sich vorstellen, dass unsere Mitarbeiter aus Aleppo stammen. Und sie leben weiterhin in der Stadt. Das macht es doppelt schwer. Sie sind extrem selbst betroffen, obwohl sie alles tun, um zu helfen. Ein Kollege sagte mir neulich: „Bis vor kurzem war meine Tochter okay und kam mit den Bomben und dem Beschuss halbwegs klar. Seitdem aber eine Bombe direkt neben ihrem Kindergarten hochgegangen ist, wird sie panisch, wenn sie die Geräusche hört. Sie schaut jetzt auf uns. Wenn wir stark sind, versucht sie es auch.“ Die Situation in Aleppo ist nicht vorhersagbar. Ob sie in ein bestimmtes Gebiet fahren können, um zu helfen, wissen sie immer erst ganz kurz vorher. Und es bleibt immer ein Risiko. Zudem haben sie immer Angst um ihre Familien. Ich habe eine Mitarbeiterin dabei, die hochschwanger ist und trotzdem ihre Arbeit machen will. Alle sind extrem hoch motiviert, stehen „unter Strom“, wollen ständig helfen.

Inwieweit stoßen Sie als Hilfsorganisation an Ihre Grenzen?
Wir stoßen an Grenzen, wenn es um Sicherheit geht. Gegen Bomben kann man nun mal nichts machen. Wir stoßen sicherlich auch an Grenzen, was den Zugang zu allen Gebieten angeht. Mit manchen Gruppierungen können wir einfach nicht arbeiten, weil sie unseren neutralen Status nicht akzeptieren würden und wir unsere Leute damit gefährden würden. Nichtsdestotrotz machen wir keinen Unterschied, wer zu welcher Religion gehört oder wer zu welcher politischen Partei gehört. Das ist die Neutralität, die uns auch schützt.

Machen Sie sich Sorgen um Ihr eigenes Leben?
Eigentlich nicht. Sobald ich das tun würde, würde ich gehen. Nicht ganz Syrien ist im Krieg. Es gibt Front Lines. Und Aleppo ist eine große Front Line. Aber es gibt auch Gebiete wie in Damaskus, da läuft das öffentliche Leben fast normal. Drei Kilometer weiter haben Sie allerdings wieder Gebiete, in denen gekämpft wird.

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erstellt am 02.Sep.2016 | 15:33 Uhr

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