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Politik

28. September 2016 | 08:52 Uhr

Abstimmung im Bundesrat : Härtere Strafen für illegale Autorennen gefordert

vom
Aus der Onlineredaktion

Schluss mit Milde: Härtere Strafen sollen künftig abschreckend wirken. Ein entsprechender Gesetzentwurf liegt bereits vor.

Berlin | Zwei getunte Limousinen stehen an einer Straßenkreuzung, die Fahrer spielen mit dem Gas. Breite Reifen, glitzernde Felgen, aerodynamische Karosserie. Dann springt eine Ampel auf Grün, die Autos rasen los. Bis zur nächsten Kreuzung. Schauplatz des Amateurvideos im Internet ist keine abgesperrte Rennstrecke - sondern eine öffentliche Straße irgendwo in Deutschland.

Solche PS-Kräftemessen enden immer wieder mit schweren Unfällen. Schwerverletzte und Tote sind oft die Folge illegaler Autorennen. Teilnehmer und Organisatoren solcher Aktionen kommen bislang mit vergleichsweise milden Sanktionen davon. Das soll sich nun ändern. Der Bundesrat stimmt am Freitag über eine entsprechende Gesetzesinitiative ab. Gibt die Länderkammer grünes Licht, muss sich der Bundestag damit beschäftigen.

„Wir haben in den letzten Monaten schlimme Fälle feststellen können, wo Autoraserei Leben von Menschen gefährdet oder auch Menschen zu Tode gekommen sind“, sagte der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) im Juli, als er mit Unterstützung aus Hessen den entsprechenden Gesetzesentwurf in den Bundesrat einbrachte. Er will illegale Rennfahrer schlimmstenfalls hinter Gitter bringen und ihnen den Führerschein abnehmen lassen. „Hier machen Leute Rennen und Wettbewerbe auf Kosten anderer“, betonte Kutschaty. Mit dem Leben anderer werde Russisches Roulette gespielt.

Kräftemessen mit schweren Folgen

In den vergangenen Monaten war es in Deutschland immer wieder zu Kräftemessen auf der Straße mit schlimmen Folgen gekommen. Im Juli waren zwei junge Männer mit ihren Wagen durch die Kölner Innenstadt gerast, kollidierten miteinander. Eine Beifahrerin wurde verletzt. Ein unbeteiligter 69 Jahre alte Fahrer eines Geländewagens starb im Februar in Berlin, weil sein Wagen von einem Rennteilnehmer gerammt wurde.

Die gesperrte Tauentzienstraße in Berlin nach dem tödlichen Autorennen von Anfang Februar.
Die gesperrte Tauentzienstraße in Berlin nach dem tödlichen Autorennen von Anfang Februar. Foto: Britta Pedersen
 

Auf dem Rücksitz eines rasenden Autos starb im Januar eine junge Frau in Ludwigshafen - zuvor krachte der Fahrer bei einem Rennen in einen Baum. Im vergangenen Jahr starben mindestens zwei unbeteiligte Menschen wegen illegaler Autorennen, zahlreiche wurden verletzt.

Tote und Verletzte bei illegalen Autorennen

August 2016: Ein Motorradfahrer kommt nach einem Zusammenstoß mit einem Porsche auf der Autobahn 66 in der Nähe von Frankfurt am Main ums Leben. Möglicherweise lieferten sich die beiden Fahrer ein Rennen, die Ermittlungen der Polizei dauern noch an.

August 2016: Ein 22-jähriger Autofahrer rast bei Überherrn im Saarland in eine Gruppe Jugendlicher auf dem Bürgersteig. Eine 14-Jährige wird getötet, ein 16-Jähriger schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Unklar ist, ob es sich um ein illegales Autorennen gehandelt hat. Es seien in der Nähe noch andere getunte Fahrzeuge gesehen worden, die beteiligt gewesen sein sollen.

Juli 2016: Wieder ein illegales Rennen in Köln. Bei einem Zusammenstoß zweier Autos wird eine Beifahrerin verletzt. Zuvor waren ein 23 und ein 24 Jahre alter Mann durch die Stadt gerast, hatten einander überholt und waren im Zickzack-Kurs auf einer mehrspurigen Straße um andere Autos herumgefahren, bis sie miteinander kollidierten.

Juni 2016: Im Berliner Ortsteil Charlottenburg verliert ein junger Mann bei einem Rennen die Kontrolle über sein Auto und rammt einen stehenden Bus. Der 20 Jahre alte Autofahrer wird aus seinem Wagen geschleudert und beim Aufprall schwer verletzt.

Mai 2016: Zwei Fahrer liefern sich ein Rennen in der Innenstadt von Hagen (Nordrhein-Westfalen). Bei einem Ausweichmanöver rammt einer der Raser unbeteiligte Autos. Fünf Menschen werden verletzt. Ein Sechsjähriger ist tagelang in Lebensgefahr, überlebt aber. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die beiden Raser Anklage erhoben. Der sechsjährige Junge ist inzwischen auf dem Weg der Besserung.

Februar 2016: In der Nähe der Berliner Gedächtniskirche fahren zwei junge Raser ein tödliches Rennen. Eines der Autos stößt mit einem Geländewagen zusammen, dessen 69 Jahre alter Fahrer stirbt. Die Staatsanwaltschaft hat im Juli Anklage wegen Mordes gegen die 24- und 27-Jährigen erhoben.

Januar 2016: Bei einem illegalen Rennen in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) verliert ein Fahrer die Kontrolle über seinen Wagen und prallt gegen einen Baum. Auf dem Rücksitz des Autos stirbt eine 22 Jahre alte Frau, zwei weitere Mitfahrer werden schwer verletzt.

Dezember 2015: In Karlsruhe liefern sich zwei Autofahrer ein Rennen, bis es zum Unfall kommt. Beide Wagen rammen mehrere unbeteiligte Autos. Sechs Menschen werden verletzt, zwei von ihnen schwer.

April 2015: Zwei junge Männer rasen durch Köln. Bei Tempo 100 verliert einer der beiden die Kontrolle über seinen Wagen. Eine 19 Jahre alte Radfahrerin wird tödlich verletzt.

April 2015: Während ein Radfahrer in Leverkusen bei Grün die Straße überqueren will, fahren zwei Raser viel zu schnell auf die Kreuzung zu. Einer erfasst den 20-Jährigen und verletzt ihn schwer.

März 2015: Bei einem Rennen fährt ein Raser in Köln über eine rote Ampel und rammt ein Taxi. Ein Fahrgast stirbt später an seinen schweren Verletzungen.

Geht es nach den Initiatoren des Entwurfs, soll nun aus einer Ordnungswidrigkeit ein Straftatbestand werden: Bisher drohen Teilnehmern illegaler Rennen 400 Euro Bußgeld und ein Monat Fahrverbot. „Wir wollen, dass solche Aktionen zukünftig richtig bestraft werden können“, sagte Kutschaty.

Zwei Jahre Haft und Führerscheinentzug

Menschen, die an unerlaubten Autorennen teilnehmen, sollen laut Entwurf künftig mit bis zu zwei Jahren Haft und einem Entzug der Fahrerlaubnis rechnen müssen. Wird dabei jemand schwer verletzt oder getötet, drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Ursprünglich waren im Gesetzesantrag bis zu drei Jahre Haft für Teilnehmer geplant. Ausschüsse im Bundesrat schwächten die Initiative in diesem Punkt aber ab. Das Bundesverkehrsministerium hatte sich bereits skeptisch zu den Plänen geäußert und vor allem verstärkte Polizeikontrollen angemahnt.

Polizeigewerkschaften begrüßten diesen Vorstoß zuletzt allerdings ausdrücklich. Es sei dringend notwendig, deutlich zu machen, dass es sich um ein „sehr schweres Vergehen“ handelt, das Leben unschuldiger Menschen gefährde, sagte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, im Juli. Härtere Strafen seien ein zwar deutlicher, aber dennoch notwendiger Schritt, sagte sein Amtskollege von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. Er sei wichtig, weil illegale Autorennen in der Vergangenheit immer wieder zu tödlichen Unfällen geführt hätten.

Der Kölner Professor für Physikdidaktik André Bresges, der die Raserszene untersucht, beobachtet zunehmend auch ältere Männer, die sich teure Wagen leisten können und an solchen Rennen teilnehmen. Typische Raser schalteten in Rennsituationen Risiken aus: „Er ist jetzt nur noch in seinem Auto, nur noch auf der Piste, will nur noch gewinnen - koste es, was es wolle“, beschrieb Bresges eine typische Situation.

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erstellt am 23.Sep.2016 | 07:12 Uhr

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