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Politik

09. Dezember 2016 | 04:58 Uhr

Prozess in Bremervörde : Gericht setzt Prozess um mutmaßliche Unfall-Gaffer aus

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Auto rast in eine Eisdiele, Schaulustige sammeln sich und behindern die Einsatzkräfte. Ein Fall fürs Gericht.

Bremervörde | Bei einem Unfall mit zwei Toten in einer Eisdiele in Bremervörde wurden die Einsatzkräfte im Sommer 2015 massiv von drei Gaffern bei ihrer Arbeit behindert. Die drei Männer sollen die Rettungskräfte massiv gestört haben, einer soll auch versucht haben, die Bergung der Leichen zu filmen. Zwei Polizisten waren bei der Auseinandersetzung leicht verletzt worden. Heute sollte eigentlich der Prozess beginnen, doch er wurde vorerst ausgesetzt.

Sie beobachten, filmen oder fotografieren bei schweren Unfällen. Viele Gaffer nehmen dabei in Kauf, Rettungskräfte zu behindern. Die Zahl der Schaulustigen mit gezücktem Handy nimmt zu. Niedersachsen fordert härtere Strafen. Bisher können Beamte gaffen höchstens als Ordnungswidrigkeiten ahnden.

Die Jugendrichterin Swantje Gerdes-Franski schloss sich am Donnerstag einem entsprechenden Antrag der Verteidigung an. Es sei notwendig, noch weitere Hintergründe zu klären, sagte die Richterin. Die Staatsanwaltschaft hatte sich zuvor ebenfalls dafür ausgesprochen. Das Gericht muss nun einen neuen Prozesstermin festlegen. Die drei Brüder im Alter von 20, 26 und 35 Jahren sind angeklagt wegen Bedrohung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung und versuchter Nötigung. Das Gericht wird einen neuen Prozesstermin anberaumen.

Bei dem Unfall war eine Autofahrerin an einer Kreuzung geradeaus direkt in eine Eisdiele gefahren. Dabei kamen ein zweijähriger Junge und ein 65 Jahre alter Mann ums Leben. Sechs Menschen wurden verletzt - einige von ihnen schwer. Die inzwischen 60 Jahre alte Autofahrerin steht vom 17. November an wegen fahrlässiger Tötung und fährlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Bremervörde.

Starker Drang, dabei zu sein

Neugier ist den Menschen in die Wiege gelegt, Sensationslust offensichtlich auch. „Ich vermute, es ist ein tiefgründiger Trieb oder Instinkt“, sagt der emeritierte Psychologie-Professor der TU Dortmund, Bernd Gasch. Bereits im alten Rom habe es etwa bei Kämpfen viele Zuschauer gegeben. „Es muss einen besonderen Reiz haben“, erklärt Gasch, der sich mit Notfallpsychologie beschäftigt hat. Auch heute bedeute es für viele Menschen wohl einen Lustgewinn, das Geschehen am Unfallort aus nächster Nähe zu beobachten. Für viele Schaulustige sei der Drang, dabei zu sein und zu filmen, stark.

Das bringt sie nun vor Gericht: Drei Männer behindern in Bremervörde nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte. /Archiv
Das bringt sie nun vor Gericht: Drei Männer behindern in Bremervörde nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte. /Archiv Foto: Theo Bick
 

Meldungen über Schaulustige, die Helfer behindern, gibt es inzwischen bei nahezu jedem größeren Unfall. Ein besonders drastischer Fall ereignete sich im Mai im nordrhein-westfälischen Hagen. Rund 150 Gaffer liefen an der Unfallstelle herum. Polizei und Feuerwehr wurden massiv bei ihrer Arbeit behindert.

„Das Problem wird größer“, sagt der Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Schaulustigen, die Rettungskräfte und Polizei behindern, deutlich zugenommen.

Malchow erklärt sich die große Zahl der Gaffer unter anderem mit der Verbreitung des Smartphones. „Die Menschen wollen Geschichtenerzähler sein“, sagt er. Ihm zufolge stellen viele Schaulustige Fotos und Videos der Unfälle ins Internet - ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer. Um eine möglichst gute Geschichte zu bekommen, sei es manchen egal, ob sie am Unfallort die Rettungskräfte behindern.

Für die Polizei bedeutet die Entwicklung einen enormen Aufwand. Bei fast allen großen Unfällen auf Autobahnen werden inzwischen Sichtschutzwände aufgebaut, bei vielen Unfällen braucht es mehr Personal, etwa um Platzverweise auszusprechen.

Niedersachsen fordert härtere Strafen

Die Politik hat ebenfalls reagiert. Als Konsequenz aus den Vorfällen in Bremervörde hat Niedersachsen im Mai eine Gesetzesinitiative im Bundesrat eingebracht. Die Länderkammer startete daraufhin einen Vorstoß. Nach dem Gesetzentwurf soll das Behindern von Rettungskräften mit Geld- und Haftstrafen bis zu einem Jahr geahndet werden. Dabei soll „behindern“ alles umfassen, was Einsätze erschwert - also auch bloßes Sitzen- oder Stehenbleiben.

Schärfere Sanktionen soll es nach dem Willen des Bundesrats auch für sensationsgieriges Fotografieren und Filmen geben. „Die Gesetzeslage muss der Realität von Smartphones und Facebook angepasst werden“, sagt die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) im Juni im Bundesrat. Eine Lücke gebe es, was Getötete bei Unglücken angeht. Wer von einer gestorbenen Person eine Bildaufnahme mache und verbreite, „die diese zur Schau stellt“, solle mit bis zu zwei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe bestraft werden können. Der Gesetzentwurf ist inzwischen beim Bundestag eingegangen, wann er beraten wird, steht noch nicht fest.

Die Polizei begrüßt die Initiative. Es sei wichtig, dies als Straftatbestand aufzunehmen, sagt Malchow. Bislang könnten Beamte höchstens Ordnungswidrigkeiten ahnden, etwa wenn Schaulustige sich den Anweisungen der Polizei widersetzen. Gaffen an sich bleibt allerdings erlaubt. „Stehenbleiben und gucken ist nicht verboten“, erklärt der GdP-Vorsitzende.

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erstellt am 29.Sep.2016 | 12:12 Uhr

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