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Politik

08. Dezember 2016 | 11:00 Uhr

Flüchtlinge : Frankreich räumt „Dschungel von Calais“ – Registrierung beginnt friedlich

vom

Tausende Flüchtlinge sollen ihr Elendslager verlassen und auf verschiedene Orte in Frankreich verteilt werden.

Calais | Mit einem beispiellosen Kraftakt räumt Frankreich von Montag an das große Flüchtlingslager in Calais. Vom „Dschungel“ genannten Lager aus sollen die Migranten zu Aufnahmezentren in ganz Frankreich gebracht werden.

In dem am Ärmelkanal gelegenen Calais sammeln sich seit Jahren Migranten, die illegal nach Großbritannien gelangen wollen. Immer wieder versuchen sie, etwa mit querliegenden Baumstämmen den Verkehr zu stoppen, um an Bord von Lastwagen zu klettern, die auf dem Weg nach England sind. Doch das soll nun ein Ende haben.

Nach Ausschreitungen in der Nacht hat am Montagmorgen die Registrierung der Migranten aus dem wilden Flüchtlingscamp begonnen. „Das ist ein wichtiger Tag. Der Staat macht eine beträchtliche Anstrengung“, sagte der Sprecher des Pariser Innenministeriums Pierre-Henri Brandet.

Vor dem Registrierzentrum in der Nähe des „Dschungel“ genannten Camps warteten mehrere hundert Menschen. Sie sollen dort befragt werden, bevor sie auf ganz Frankreich verteilt werden. Ein Asylverfahren findet dort noch nicht statt. Den Menschen sollen zwei Regionen vorgegeben werden, zwischen denen sie wählen können. Ausgenommen sind der Großraum Paris und Korsika.

Wie schlimm ist es im „Dschungel von Calais“?

Das Flüchtlingslager von Calais ist Frankreichs größter Slum. Hinter Chemiefabriken und einer Autobahn leben nach offiziellen Angaben etwa 6500 Menschen. Sie kommen aus armen Ländern wie Äthiopien, Eritrea, Afghanistan und dem Sudan. Die Zahlen gehen weit auseinander. Hilfsorganisationen sprachen im Sommer sogar von mehr als 10.000 Migranten, die sich dort aufhalten.

Im „Dschungel von Calais“ leben viele Menschen, die gerne nach Großbritannien möchten, weil sie sich dort eine bessere Zukunft versprechen. Auch die Sprache wäre für sie einfacher zu beherrschen, die meisten sprechen kein Französisch. Doch die Grenze sei dicht, meint die Präfektin des Départements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio.

Mehrere Migranten kamen auf dem Weg auf die Insel bereits ums Leben. Großbritannien ist nicht weit, nach Dover sind es nur rund 40 Kilometer. Calais hat einen großen Fährhafen, der Kanaltunnel ist nahe.

In Calais sammeln sich schon seit Jahren Migranten, die illegal den Ärmelkanal überqueren wollen. Die Lage verschärfte sich mit der internationalen Flüchtlingskrise.

Auf Brachland entstand von 2015 an das Lager aus Zelten, Hütten und inzwischen auch Wohncontainern. Diese wurden vom Staat eingerichtet und sollen zunächst weitergenutzt werden. In diesen Behelfsbauten können rund 1500 Menschen untergebracht werden.

 
Ein Flüchtling läuft in Calais durch das verwahrloste Camp. /Archiv
Ein Flüchtling läuft in Calais durch das verwahrloste Camp. /Archiv Foto: Stephanie Lecocq
Etwa 6500 Menschen sollen im Flüchtlingscamp von Calais in Nordfrankreich leben.
Etwa 6500 Menschen sollen im Flüchtlingscamp von Calais in Nordfrankreich leben. Foto: Thibault Vandermersch
 

Im «Dschungel von Calais» leben tausende Menschen unter unwürdigsten Bedingungen. /Archiv
Im „Dschungel von Calais“ leben tausende Menschen unter unwürdigsten Bedingungen. /Archiv Foto: Thibault Vandermersch
 

Man setze darauf, dass sich die Menschen freiwillig melden, sagte Brandet. „Keiner wird gezwungen, sich in einen Bus zu setzen.“ Seit langem arbeiteten die Behörden mit Hilfsorganisationen zusammen, um die Menschen davon zu überzeugen, das Lager zu verlassen. Es sei nicht geplant, die Zelt- und Hüttensiedlung, in der zuletzt etwa 6500 Menschen illegal lebten, noch am Montag einzureißen.

Ausschreitungen von Polizisten zurückgedrängt

Vor der Räumung des Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais ist es zu Krawallen gekommen.
Vor der Räumung des Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais ist es zu Krawallen gekommen. Foto: Etienne Laurent
 

In der Nacht war es dem Sprecher zufolge zu einigen Zusammenstößen gekommen, als Migranten versucht hatten, auf eine nahegelegene Autobahn zu gelangen. Sie seien von der Polizei zurückgedrängt worden. Aus aus einer Gruppe von mehreren Dutzend Menschen flogen Steine auf Polizisten, die dann Tränengas einsetzten. Es habe keine Verletzte gegeben.

Die Räumung soll etwa eine Woche lang dauern, im Einsatz sind nach offiziellen Angaben rund 1250 Polizisten.

Selbst von Behördenseite wird eingeräumt, dass die Auflösung der Hütten- und Zeltstadt vor den Toren von Calais risikoreich ist. „Es wird am Montag sehr viele Menschen geben. Die Flüchtlinge denken, dass es nicht genug Platz gibt“, sagte die Präfektin des Départements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio. Der Eindruck sei jedoch nicht richtig, denn 7500 Aufnahmeplätze stünden zur Verfügung. Buccio sagte, die Flüchtlinge seien rechtzeitig informiert worden. Sie setzt darauf, dass sich die Menschen freiwillig in einer neu eingerichteten Halle bei der Einwanderungsbehörde melden. Sie könnten dann zwischen zwei Regionen in Frankreich wählen. „Wir werden diese Menschen aufnehmen“, sagte sie.

Foto: dpa-Infografik
 

Der Staat hatte aber bereits mehrfach deutlich gemacht, dass für eine menschenwürdige Unterbringung ein Asylantrag gestellt werden muss. Wer kein Recht auf Asyl hat, soll ausgewiesen werden.

Unter den Flüchtlingen gibt es laut Buccio einen Bewusstseinswandel, denn die Lage am Ärmelkanal habe sich in den vergangenen Jahren grundsätzlich geändert. „Die Grenze zu Großbritannien ist dicht. Es ist sehr gefährlich, Kurs auf das Vereinigte Königreich zu nehmen, einige Migranten haben ihr Leben dabei verloren.“ Die Behörden stellen sich darauf ein, bereits am ersten Tag bis zu 3000 Menschen in Bussen von Calais aus in andere Orte zu bringen. 60 Busse seien im Einsatz, sagte Serge Szarzyncki, Leiter des Sozialdienstes vom Département. Auch an den folgenden Tagen seien Dutzende Busse im Einsatz.

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erstellt am 24.Okt.2016 | 10:45 Uhr

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