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Politik

05. Dezember 2016 | 13:45 Uhr

Sprengstoff im Plattenbau : Fahndung nach Bombenbauer in Chemnitz

vom

Schwerbewaffnete Polizisten platzen mitten in die Samstagsruhe. Sie stürmen ein Haus in einem Chemnitzer Plattenbauviertel, wo Menschen aller Schichten leben. Dort ist es weit gefährlicher als erwartet. Die Polizei rät den Bürgern: »Seid vorsichtig.»

Die Straßen sind wie leer gefegt im Fritz-Heckert-Viertel im sächsischen Chemnitz. Die Plattenbauten südwestlich vom Zentrum sind weiträumig abgesperrt, im Nieselregen stehen an jeder Ecke Polizeifahrzeuge.

In der Siedlung patrouillieren Beamte, mit Maschinenpistolen bewaffnet und schwarz gekleidet. Zwischen den fünfstöckigen Wohnblöcken: gepflegte Grünflächen und Spielplätze. Nur einige Jugendliche sitzen dort und verfolgen auf ihren Smartphones, was passiert. In einem Haus soll ein Sprengstoffanschlag vorbereitet worden sein. Gesucht wird ein 22-jähriger Syrer aus der Siedlung, ein mutmaßlicher Islamist.

«Wir haben einen Knall gehört, als mein Mann gerade nach Hause kam», berichtet eine 64-Jährige. Ihr 66-jähriger Mann sei dann über den Balkon in die Wohnung geklettert, weil der Hauseingang abgesperrt war.

Die Explosion am Mittag schreckt viele Anwohner auf, aber das Landeskriminalamt (LKA) gibt kurz darauf Entwarnung. Es war nur das Spezialeinsatzkommando, das die Tür zu einer verdächtigen Wohnung mit Gewalt öffnen musste.

Angetroffen haben die Beamten niemanden. «Es wurde keine Bombe gefunden», sagt LKA-Sprecher Tom Bernhardt mittags den Journalisten. Klar ist auch: Dem Hauptverdächtigen, Dschaber al-Bakr, ist die Flucht gelungen.

Stunden später finden die Ermittler bei der Durchsuchung der Räume aber doch Sprengstoff - hunderte Gramm, hochbrisant und gefährlich. Zur Sicherheit werden noch mehr Menschen aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. «Das ist kein Spaß mehr», sagte LKA-Sprecher Bernhardt. «Wir tun alles, um das Risiko zu minimieren und dass niemanden etwas passiert.» Für die Aufnahme der Bewohner standen Busse bereit, die meisten kamen aber bei Freunden und Verwandten unter, wie eine LKA-Sprecherin sagt.

Die ersten Einsatzkräfte waren schon nachts in dem ruhigen Wohngebiet angerückt, nach einem Hinweis des Verfassungsschutzes auf eine «ernste Gefahr». Medienberichte, wonach ein deutscher Flughafen Anschlagsziel sein sollte, bestätigen die Behörden aber zunächst nicht.

Tagsüber lassen sich die meisten Bewohner der Siedlung nicht blicken. Teilweise werden sie von Beamten nach Hause begleitet. Sie stoppen auch eine Frau, die vom Einkaufen kam und zurück zu ihrem vierjährigen Sohn will. «Die Leute sind sehr gefasst und ruhig», berichtet ein Anwohner.

In dem typischen Neubaugebiet der DDR-Zeit sind die Wohnblocks saniert und gepflegt. «Es ist kein sozialer Brennpunkt», sagt eine Polizeisprecherin. In den fünfstöckigen Häusern lebten Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, von der Oma bis zum Flüchtling.

Im Hauseingang eines Gebäudes am Rand der Siedlung, an die ein Wäldchen grenzt, stehen Polizisten mit Maschinenpistolen. Es ist der Aufgang, in dem der Gesuchte wohnte. Es dämmert schon, als LKA-Sprecher Bernhardt sagt: «Es ist gut, dass Sprengstoff gefunden wurde. Den hat der Tatverdächtige nicht dabei - und wir Hinweise auf konkrete Substanzen.»

Allerdings bleibt an diesem Tag viel Ungewissheit - und eine konkrete Gefahr. Dies räumt auch die Polizei auf Twitter ein und schreibt nachmittags, nach stundenlanger vergeblicher Suche: «Die Fahndung nach dem Tatverdächtigen läuft. Derzeit wissen wir aber nicht, wo er sich befindet und was er bei sich trägt. Seid vorsichtig.»

Polizei Sachsen auf Twitter

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erstellt am 08.Okt.2016 | 18:54 Uhr

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