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Politik

27. Juli 2016 | 13:31 Uhr

Anschläge auf Flughafen und Metro : Explosionen in Brüssel: Was wir wissen – und was nicht

vom

Der IS bekennt sich zu den Terroranschlägen, unter den Verletzten ist mindestens eine Deutsche. Fragen und Antworten.

Was ist genau in Brüssel passiert?

Die aktuellen Ereignisse im Liveblog.

Am Flughafen und in der U-Bahn von Brüssel haben sich mehrere Explosionen ereignet. Nach Medienberichten gab es mindestens 31 Tote. Mehr als etwa 270 wurden verletzt.

Nach Angaben von Augenzeugen ereigneten sich am Dienstagmorgen gegen 8 Uhr zunächst am Flughafen Brüssel-Zaventem kurz nacheinander zwei Explosionen. Augenzeugen wollen zuvor außerdem Schüsse gehört haben. Eine Person habe etwas auf Arabisch gerufen, berichteten mehrere Menschen vor Ort der Nachrichtenagentur Belga.

Der niederländische Reporter Dennis Kranenburg war zufällig am Brüsseler Flughafen und berichtete im niederländischen Radio: „Wir kamen gerade an und wollten einchecken. Da war in etwa 30, 40 Meter Entfernung ein riesiger Lichtblitz. Große Brocken von der Decke fielen runter. Jeder fing an zu schreien und die Leute rannten weg.“

Weitere Augenzeugen haben dramatische Szenen bei den Explosionen am Brüsseler Flughafen Zaventem geschildert. „Alles stürzte herunter, Glas, es war ein unbeschreibliches Chaos“, sagte der 40-jährige Belgier Jef Versele aus Gent der Nachrichtenagentur PA. „Die Bombe kam von unten und ging durch das Dach, es war gewaltig. Ungefähr 15 Fenster in der Eingangshalle wurden einfach rausgesprengt.“ Jordy van Overmeir war aus Bangkok nach Brüssel geflogen und holte sein Gepäck, als er einen Knall hörte. „Ich dachte erst, da sei ein Koffer runtergefallen“, sagte er dem britischen Sender Sky News. „In der Ankunftshalle habe er Rauch gerochen und Glas und Blut gesehen.“ Dann ging ich aus dem Flughafen auf den Parkplatz und da sah ich Menschen mit Kopfverletzungen, weinende Menschen, mehr Blut und auf der Straße überall Glas.“

Nach den Explosionen fliehen die Menschen aus den Gebäuden des Flughafens Brüssel-Zaventem. Foto:Olivier Hoslet

Um 9.11 Uhr kam es in einer Metrostation im EU-Viertel von Brüssel zu einer Detonation. Die Explosion war in einer gerade eingefahrenen U-Bahn ausgelöst worden - im mittleren Wagen. Bilder vom Tatort zeigten einen völlig zerstörten Wagen. Bilanz hier: mindestens 20 Toten und 106 Verletzte. Stundenlang gibt es dann immer wieder Gerüchte über neue Anschläge - alles Fehlanzeige, zum Glück.

Nahe der Rue de la Loi soll sich gegen 11.30 Uhr eine weitere Explosion ereignet haben. Der Rundfunk RTBF berichtete kurz darauf unter Berufung auf Polizeikreise, es habe sich um eine kontrollierte Sprengung gehandelt - offenbar wurden verdächtige Gegenstände zur Detonation gebracht. Ob es sich dabei um weitere Sprengsätze und damit um mögliche weitere geplante Anschläge gehandelt hat, ist unklar. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Belga die Explosion nahe der Rue de la Loi gemeldet.

Eine dritte Bombe im Gebäude des Brüsseler Flughafens ist nach einem Bericht des belgischen Senders RTBF gefunden und entschärft worden. Der Verantwortliche eines Krankenhauses im nahe gelegenen Löwen sagte laut dem Sender VTM, die Sprengsätze am Flughafen seien mit Nägeln präpariert gewesen. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Belga wurde außerdem eine Kalaschnikow in der Abflughalle entdeckt.

Wie ist die Lage in Brüssel?

Das öffentliche Leben in Brüssel stand am Dienstag still. Der Flughafen ist auch am Mittwoch noch geschlossen, mehr als 1000 Flüge wurden umgeleitet. Die Ermittler untersuchen weiterhin den Tatort. Deshalb habe man die Schäden in der Abflughalle noch nicht abschätzen können. Am Mittwoch solle festgestellt werden, wann der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden könne.

Auf Anweisung der Polizei hin wurden am Dienstag sämtliche Bahnhöfe geschlossen. Die Bahngesellschaft SNCB rief Reisende auf, die belgische Hauptstadt bis auf weiteres nicht anzufahren. Betroffen waren auch die Thalys-Hochgeschwindigkeitszüge und die Eurostar-Verbindungen von Brüssel nach London.

Am Mittwoch ist der Bahnverkehr in Belgien wieder angerollt. Reisende müssten mit verstärkten Kontrollen rechnen, teilte die Bahngesellschaft SNCB-NMBS am Mittwoch mit. Nur der Bahnhof Brüssel-Schumann mitten im Europaviertel, die Station am Flughafen und einige kleinere Brüsseler Bahnhöfe blieben geschlossen.

Größere Einschränkungen gab es am Mittwoch nach wie vor beim öffentlichen Nahverkehr in der EU-Hauptstadt. Die Brüsseler U-Bahnen verkehrten nach Angaben der Betreibergesellschaft STIB-MIVB nur eingeschränkt, auf einigen Linien gar nicht. Unter anderem wird die Station Maelbeek bis auf weiteres nicht angefahren.

Der Schutz für die Zentralen von EU und Nato wird nochmals verschärft.


Die belgische Regierung hat vor einer womöglich noch immer existierenden Gefahr durch Attentäter in Brüssel gewarnt. „Wir fürchten, dass Personen noch auf freiem Fuß sind“, sagte Außenminister Didier Reynders dem Fernsehsender RTBF.

500 Soldaten werden zur Sicherung abgestellt, berichtet die Zeitung „La Libre“.

Trotz der tödlichen Terroranschläge setzen die Brüsseler Schulen ihren Unterricht am Mittwoch fort. Kindertagesstätten sollen hingegen geschlossen sein.

Wo genau gab es Explosionen?

Die Karte zeigt die Anschlagsorte und weitere wichtige Schauplätze in Brüssel im Überblick:

Wer hat sich zu den Anschlägen bekannt?

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat sich zu den Terroranschlägen von Brüssel bekannt. Das berichtete die dem IS nahestehende Nachrichtenagentur Amaq am Dienstagnachmittag. Kämpfer des Islamischen Staates hätten eine Serie von Bombenangriffen mit Sprenggürteln und -sätzen verübt, meldeten die arabischen und englischen Nachrichtenseiten von Amaq.

Angegriffen worden seien der Flughafen und die zentrale Metrostation Brüssels, hieß es. Mehrere IS-Kämpfer hätten sich selbst in die Luft gesprengt. Belgien wird in der Nachricht als Land beschrieben, das an der internationalen Koalition gegen den IS beteiligt sei.

Die Echtheit des Bekenntnisses konnte zunächst nicht überprüft werden. Die Nachrichtenagentur Amaq hat in der Vergangenheit immer wieder Stellungnahmen des IS verbreitet.

Wenig später bekennt sich die Terrormiliz Islamischer Staat in einem eigenen Statement zu den Anschlägen. Mehrere „Soldaten des Kalifats“ hätten mit Sprengstoffgürteln und Sprengkörpern den „Kreuzfahrerstaat Belgien“ angegriffen, heißt es in einer Stellungnahme der Extremisten im Internet. Die Terrororganisation droht mit weiteren Anschlägen

Erst am Freitag war in Brüssel einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom November in Paris festgenommen worden, der 26 Jahre alte Salah Abdeslam. Experten rechneten seither mit Vergeltungsaktionen. Der Terrorexperte Peter R. Neumann vom Londoner King's College sagt: „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Uns stehen wahrscheinlich ähnliche Anschläge noch bevor.“ Ob es aber tatsächlich einen Zusammenhang gibt, ist noch unklar. In Belgien läuft die Suche nach möglicherweise noch flüchtigen Terroristen auf vollen Touren. In den Medien kursierten Zahlen, wonach bis zu 30 Verdächtige auf freiem Fuß seien.

Wurde ein Atomkraftwerk evakuiert?

Nein. Aufregung gab es am Nachmittag um die Meldung, das belgische Atomkraftwerk Tihange sei evakuiert worden. Das hatte die belgische Nachrichtenagentur Belga unter Berufung auf den örtlichen Polizeichef berichtet. Tihange liegt 70 Kilometer von Aachen entfernt nahe der ostbelgischen Stadt Lüttich. Nach Angaben des Betreibers Electrabel wurde das AKW aber nicht evakuiert. Vielmehr sei verzichtbares Personal aus Sicherheitsgründen nach Hause geschickt worden, unterstrich das Unternehmen am Dienstag auf dem Kurzmitteilungsdienst Twitter.

 

 

Der Standort besteht aus drei Druckwasserreaktoren. Zuletzt waren dort 940 Mitarbeiter beschäftigt. Electrabel ist die belgische Tochter des Energiekonzerns Engie.

Was ist über die Opfer bekannt?

Die Toten und Verletzten der Anschläge kommen aus etwa 40 Ländern. Das meldet die Nachrichtenagentur Belga unter Berufung auf den belgischen Außenminister Didier Reynders.

Unter den Verletzten sind auch mehrere Deutsche, darunter ein schwer verletzter Mann. Das Auswärtige Amt schloss auch nicht mehr aus, dass Bundesbürger getötet wurden. Bislang war nur bekannt, dass eine deutsche Frau eine Rauchvergiftung erlitten hatte.

Es gibt eine Krisen-Hotline:

Deutsche Reisende werden gebeten, sich mit „erhöhter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit“ zu bewegen.

Unter +32 781 51 771 können sich Anrufer aus dem Ausland erkundigen, wie das Zentrum am Dienstag über den Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte. Die Mitarbeiter baten aber darum, möglichst über soziale Medien zu versuchen, Menschen zu kontaktieren.

Was sind die politischen Reaktionen?

Bundesjustizminister Heiko Maas reagierte als erster deutscher Politiker auf die Anschläge. Via Twitter verurteilte er das Attentat:

Kanzleramtschef Peter Altmaier hat Brüssel und der Europäischen Union nach den Terrorattacken deutschen Beistand versichert.

Regierungssprecher Steffen Seibert twitterte:

Bundespräsident Joachim Gauck meldete sich vom Staatsbesuch aus China zu Wort: „Deutschland steht angesichts dieser terroristischen Gewaltakte an der Seite Belgiens. Gemeinsam werden wir unsere europäischen Werte, Freiheit und Demokratie, verteidigen. Wir sind von den Ereignissen schockiert, teilen die Trauer des belgischen Volkes und fühlen den Schmerz der Familien und Freunde der Opfer nach.“

Belgiens Königspaar zeigt sich „schockiert“ über die Vorfälle am Brüsseler Flughafen und in der Metro. Das sagte ein Sprecher des Palastes der Nachrichtenagentur Belga. König Philippe (55) stehe im engen Kontakt mit der Regierung und den zuständigen Stellen.

Frankreichs Premierminister Manuel Valls hat den Opfern sein Mitgefühl ausgedrückt und erneut von „Kriegsakten“ gesprochen. „Ich möchte meine Solidarität gegenüber der belgischen Regierung, unseren belgischen Freunden ausdrücken, die heute Morgen in Brüssel offenkundig von mehreren Anschlägen getroffen wurden“, sagte er am Dienstag nach einem Treffen bei Präsident François Hollande im Élyséepalast. „Wir sind im Krieg. Wir erleiden in Europa seit mehreren Monaten Kriegsakte.“ Frankreichs Regierung hatte nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 immer wieder von einem Krieg gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gesprochen.

Großbritanniens Premierminister David Cameron hat das Sicherheitskabinett zusammengerufen, um über die mutmaßlichen Terroranschläge mit mehreren Toten in Brüssel zu beraten. „Ich bin schockiert und besorgt wegen der Ereignisse in Brüssel. Wir werden alles tun, was wir können, um zu helfen“, schrieb Cameron am Dienstag auf Twitter. Das Sicherheitskabinett werde noch am Vormittag zusammenkommen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Anschläge in Belgien als „barbarische Verbrechen“ verurteilt. Der Terrorismus kenne keine Grenzen und müsse daher in aktiver internationaler Zusammenarbeit bekämpft werden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau. Putin habe dem belgischen König Philippe sein Beileid ausgesprochen, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Unter den Opfern bei mehreren Explosionen in Brüssel seien nach ersten Erkenntnissen keine russischen Staatsbürger, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

Spaniens Außenminister José Manuel García-Margallo hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für die Explosionen in Brüssel verantwortlich gemacht. „Es handelt sich um eine koordinierte Aktion an verschiedenen Stellen der Stadt“, sagte der Minister am Dienstag dem Radiosender Cadena Cope. „Dieser Terrorismus ist wie ein Krebs, der sich über die ganze Welt ausbreitet.“ Der IS verfüge über Terrorzellen, die die Organisation in kürzester Zeit aktivieren könne. „Diese Gruppen brauchen keine große Vorbereitung, es genügt ein Befehl, und sie schlagen zu“, betonte García-Margallo.

Die österreichische Regierung bezeichnete die tödlichen Explosionen in Brüssel als heimtückische Terrorakte. „Diese Anschläge gegen die Zivilbevölkerung im Zentrum Europas tragen eine feige und barbarische Handschrift. Unser tiefes Mitgefühl und unsere Anteilnahme gilt den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden“, teilten Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) am Dienstag mit. Österreich zeige volle Solidarität mit Belgien. „Europa muss den Terror gemeinsam bekämpfen und seine demokratischen Werte entschlossen verteidigen“, hieß es von den Politikern.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat die Anschläge in Brüssel verurteilt. Sie zeigten einmal mehr das „globale Gesicht des Terrors“, sagte Davutoglu am Dienstag bei einer Versammlung vor Mitgliedern der islamisch-konservativen Regierungspartei in Ankara. „Ich bekunde der belgischen Regierung und seinem Volk mein Beileid und teile im Namen unseres Volkes das Gefühl der Solidarität.“

Der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka hat die Anschläge von Brüssel als „Angriff auf die Kernwerte von Demokratie und Freiheit“ verurteilt. Er sei schockiert über die Nachrichten aus Belgien und spreche den Angehörigen der unschuldigen Opfer sein Mitgefühl aus, sagte der Sozialdemokrat am Dienstag in Prag: „Erst vorige Woche haben wir in Brüssel gemeinsam mit der EU-Spitze über die Migrationskrise verhandelt, nun ist Belgien zum Opfer unmenschlichen Terrors geworden.“ Der belgischen Regierung versprach Sobotka Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus.

EU-Ratspräsident Donald Tusk: „Ich bin erschüttert über die Bombenanschläge am Airport Zaventem und im Europäischen Distrikt von Brüssel, die unschuldige Menschen das Leben gekostet und viele weitere verletzt haben. (...) Die EU (...) übernimmt Verantwortung, um Brüssel, Belgien und Europa als Ganzes gegen die terroristische Bedrohung zu helfen, der wir alle gegenüberstehen.“

US-Präsident Barack Obama sagte: „Die Gedanken und Gebete der amerikanischen Bevölkerung sind mit den Menschen in Belgien. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Welt zusammenstehen muss. Wir werden alles tun, was notwendig ist, um unseren Freund und Verbündeten Belgien dabei zu unterstützen, diejenigen vor Gericht zu bringen, die dafür verantwortlich sind.“

Was ist über die Attentäter bekannt?

Nach den Attentaten in Brüssel hat die Polizei mit Hochdruck nach den Tätern gefahndet. Einen Tag später sind mehr Details bekannt. Wer waren die Täter? Eine Übersicht:

Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw bestätigte auf einer Pressekonferenz in Brüssel, dass es sich bei den Selbstmord-Attentätern um das Bruderpaar Ibrahim und Khalid El Bakraoui handelt. Beide waren belgische Staatsbürger. Die Brüder waren wegen verschiedener Taten der Polizei bekannt, standen aber nicht unter Terrorverdacht.

Ein Polizeifoto zeigt die Verdächtigen am Flughafen in Brüssel.

Ein Polizeifoto zeigt die Verdächtigen am Flughafen in Brüssel.

Foto:Imago/Belga

Nach Angaben der Behörden wird nach einer ganzen „Reihe von Personen“ noch gesucht. Aus ermittlungstaktischen Gründen wollte Leeuw aber keine weitere Auskunft geben.

Nach belgischen Medienberichten richtet sich der Verdacht insbesondere gegen den mutmaßlichen Dschihadisten Najim Laachraoui, einen der mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate von Paris, wo im November 130 Menschen getötet wurden. Berichte, wonach der 24-Jährige in Brüssel festgenommen wurde, stellten sich als falsch heraus.

Der Staatsanwaltschaft zufolge sprengte sich Ibrahim El Bakraoui am Dienstag um 07.58 Uhr am Flughafen in die Luft. Auf dem Foto einer Flughafen-Überwachungskamera, das drei Verdächtige zeigt, wurde er als Mann in der Mitte identifiziert. Die beiden anderen Männer werden noch gesucht. Vermutet wird, dass einer ebenfalls getötet wurde, der zweite aber entkam.

Nach dem Hinweis eines Taxifahrers wurde im Brüsseler Schaerbeek ein Laptop mit Bakraouis Testament gefunden. In einer nahelegenen Wohnung wurden weitere 15 Kilogramm Sprengstoff und anderes Material zum Bau von Bomben entdeckt. Dort fand sich auch eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich zu den Anschlägen bekannt hat.

Etwa eine Stunde nach dem Anschlag auf dem Flughafen zündete Khalid El Bakraoui dann die Bombe in der U-Bahn-Station Maelbeek, mitten im Europaviertel der belgischen Hauptstadt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde er anhand der Fingerabdrücke identifiziert.  Der jüngere der beiden Brüder soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge von Paris genutzt wurde. Gleiches gilt für eine Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest, wo es bereits vor einer Woche bei einer Hausdurchsuchung zu einer Schießerei mit der Polizei kam. Ein mutmaßlicher Terrorist kam dabei ums Leben, zwei Verdächtige flüchteten.

Mohamed Abrini:

Als Terrorverdächtiger gesucht wird auch ein 31-Jähriger namens Mohamed Abrini. Er war zwei Tage vor den Attentaten mit Salah Abdeslam unterwegs. Am 11. November 2015 wurden die beiden an einer Tankstelle im französischen Ressons an der Autobahn in Richtung Paris gefilmt. Abrini saß am Steuer eines schwarzen Renault Clio, der dann bei den Anschlägen in Paris benutzt wurde. Belgien schrieb Abrini bereits Ende November öffentlich zur Fahndung aus.

Haben die Anschläge Auswirkungen auf Deutschland?

Die Sorge vor einem Anschlag auf deutschem Boden ist anhaltend hoch - aber das ist schon seit vielen Monaten so. Die Kontrollen an Deutschlands Grenzen zu Belgien und Frankreich werden nochmals verschärft. Auch an den großen Flughäfen und Bahnhöfen werden die Sicherheitsmaßnahmen wieder in die Höhe gefahren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt, es gebe bislang keine Hinweise auf einen „Deutschland-Bezug“ der Täter. Aber selbstverständlich wird geprüft, ob es Querverbindungen zur hiesigen Islamistenszene gibt.

Die Bundespolizei arbeitet an einem angepassten Sicherheitskonzept in Deutschland. „Reagiert wird auf jeden Fall“, sagte eine Sprecherin des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam am Dienstag. Details könne man derzeit allerdings noch nicht nennen.

Am Morgen hatte die Bundespolizei in Frankfurt am Main bereits angekündigt, die Kontrollen am größten deutschen Flughafen zu verschärfen.

Polizisten haben auf der B43 nahe dem Frankfurter Flughafen einen Kontrollpunkt eingerichtet.

Polizisten haben auf der B43 nahe dem Frankfurter Flughafen einen Kontrollpunkt eingerichtet.

Foto:dpa

 

 

Es gibt auch Auswirkungen für Reisende in Hamburg. Je vier Flüge von und nach Brüssel mit Brussels Airlines seien am Dienstag geplant gewesen, sagte eine Pressesprecherin. Die Fluggesellschaft teilte auf ihrer Webseite mit, dass alle Flüge am Dienstag gestrichen wurden.

Von den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld werden voraussichtlich bis auf weiteres keine Maschinen nach Brüssel starten. Letztlich sei das aber die Entscheidung jeder Fluggesellschaft, sagte ein Flughafensprecher am Dienstag in Berlin.

Die Deutsche Bahn hat den Zugverkehr zwischen Aachen und der belgischen Hauptstadt eingestellt. Züge von Frankfurt über Köln nach Belgien endeten schon in Aachen, sagte ein Bahnsprecher am Dienstag. Das werde voraussichtlich den ganzen Tag so bleiben.

Welche Konsequenzen ziehen andere Länder aus den Brüsseler Anschlägen?

Als Reaktion auf die mutmaßlichen Terroranschläge von Brüssel haben die Niederlande die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Das teilte die zuständige Anti-Terrorismusbehörde am Dienstag in Den Haag mit. Auf den Flughäfen Amsterdam Schiphol, Rotterdam und Eindhoven wurden extra Patrouillen der Grenzpolizei eingesetzt. Auch an der Grenze zu Belgien werde strenger kontrolliert.

Wie können Flughäfen vor Anschlägen geschützt werden?

Die Anschläge von Brüssel werfen erneut Fragen zur Sicherheit im Luftverkehr und speziell an den Flughäfen auf. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden die Kontrollen von Passagieren und Gepäck zwar enorm verschärft, sie richteten sich aber meist auf den Schutz des Flugbetriebs.

Die Terroristen von Brüssel schlugen am Dienstag vor den Sicherheitsschleusen zu, in der mit vielen Menschen gefüllten Terminalhalle ihre todbringenden Sprengsätze gezündet. Sie mussten dafür keine Sicherheitskontrolle passieren.

„Vor zu allem entschlossenen Einzeltätern kann man sich nicht schützen“, ist der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt überzeugt. Terminalgebäude gehören für ihn zum öffentlichen Raum wie Bahnhöfe oder Einkaufszentren, den man sicherheitstechnisch nicht vollständig abriegeln könne. Und selbst wenn dies am Flughafen gelinge, sei damit das Problem nicht gelöst: Die Terroristen konzentrieren sich nach seiner Einschätzung auf „weichere“ Ziele, wenn symbolträchtige Orte streng geschützt werden. Das habe man bereits bei den Anschlägen von Paris beobachten können, als die Terroristen nicht zum Eiffelturm oder ins Stadion de France kamen.

Im Flugbetrieb hat sich die Sicherheitssituation seit den Al-Kaida-Anschlägen von New York und Washington zumindest in Europa, den USA und einigen anderen Staaten enorm verbessert, stellt der Luftverkehrsberater Gerald Wissel fest. „Man weiß zwar nicht genau, was verhindert worden ist. Aber ich gehe schon davon aus, dass die Maßnahmen eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter haben.“ Trotz der für viele Passagiere nervigen Personenkontrollen sieht der Experte aber durchaus noch Lücken im System, etwa bei der Kontrolle der Fracht oder der Infrastruktur zur Bordverpflegung.

Die Erfolge beim Schutz des Luftverkehrs können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Polizei im öffentlich zugänglichen Raum der Flughäfen weiterhin vor allem auf ihre Beobachtungsgabe angewiesen ist. Das geschieht ganz klassisch über Streifen, aber natürlich auch über Video-Überwachung. Hier kommen Techniken des „Social Profiling“ zum Zuge, also der Versuch, auch mit Hilfe von Computerprogrammen und guter Beobachtungsgabe verhaltensauffällige Menschen aus der Masse der Besucher herauszufiltern.

Der in den USA tätige Sicherheitsexperte Rafi Sela aus Israel hält diesen Ansatz für vielversprechend. 80 Prozent der Leute könnten mit technischen Hilfsmitteln zuverlässig als harmlos erkannt werden, erklärte er in einem Interview im vergangenen Jahr nach dem Bombenanschlag auf ein russisches Passagierflugzeug im Sinai. Weitere zehn Prozent könnten mit ein paar Fragen abgeklärt werden, wie das am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv bereits geschehe. Ein Terrorist könne sein Verhalten nicht verstecken.

Wissel glaubt, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen wird. Damit sei allerdings eine Vielzahl von Problemen verbunden, die vom fehlenden Platz bis zur völlig ungeklärten Finanzierung reichten. Allein am Frankfurter Flughafen sind täglich im Schnitt 170.000 Passagiere, 80.000 Mitarbeiter und eine ungezählte Schar von Besuchern unterwegs.

Komplette Einlasskontrollen scheinen bisher schwer vorstellbar.

Vor fünf Jahren wurden am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten von einem islamistischen Attentäter erschossen. Die Bluttat des inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilten Einzeltäters fand auf der Auffahrt vor dem Terminal und damit außerhalb des Gebäudes statt.

Der deutsche Flughafenverband ADV warnt vor Schnellschüssen. Die Landseite der Flughäfen gehöre wie Bahnhöfe oder U-Bahn-Stationen zur sicherheitskritischen Infrastruktur und lasse sich ähnlich schwer schützen, sagt Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Eine Vorverlagerung der Sicherheitskontrollen hält er für technisch und baulich unmöglich, weil bei den meisten Flughäfen schon allein der erforderliche Raum dafür fehle. „Wir können die Flughäfen in Europa nicht in einen Zustand versetzen wie in Tel Aviv, wo jeder Besucher schon vor Betreten der Gebäude kontrolliert wird.“

Welche Folgen haben die Anschläge auf die Börse?

Der deutsche Aktienmarkt hat seine anfänglichen Kursverluste trotz der Terroranschläge in Brüssel deutlich eingedämmt. Der Dax, der zum Handelsstart um bis zu knapp 2 Prozent abgesackt war, konnte seine Verluste kurzzeitig sogar wettmachen - am Nachmittag stand er 0,56 Prozent tiefer bei 9892,85 Punkten.

Laut Händler Markus Huber vom Broker City of London Markets machten allerdings Sorgen die Runde, „dass dies der Anfang einer neuen Terrorwelle in Europa sein könnte“.

Zumindest seitens der Konjunktur bekam der Dax keinen Gegenwind: Sowohl das Ifo-Geschäftsklima als auch die vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelten Konjunkturerwartungen von Finanzexperten legten zu.  Der MDax der mittelgroßen Werte verlor zuletzt noch 0,50 Prozent auf 20.008,73 Punkte, und für den Technologiewerte-Index TecDax ging es um 0,25 Prozent auf 1590,84 Zähler nach unten. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 fiel um 0,87 Prozent auf 3022,14 Punkte zurück.

Im Dax sackten die Lufthansa-Aktien wegen der wieder verstärkten Terrorangst um 1,85 Prozent ab, im MDax büßten die Aktien des Flughafenbetreibers Fraport 2,50 Prozent ein. „Unsicherheit heißt an der Börse erst mal verkaufen“, sagte ein Börsianer. Das betreffe bei Terroranschlägen in einer ersten Reaktion vor allem die Reiseanbieter.

Der Euro fiel: Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1212 (Montag: 1,1271) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,8919 (0,8872) Euro.

Was heißt höchste Terrorwarnstufe?

Die Terrorwarnstufe in Belgien wurde auf die höchste Stufe (4) angehoben worden. Das teilte ein Sprecher von Innenminister Jan Jambon am Dienstag mit.

Insgesamt gibt es vier verschiedene Stufen:

Stufe 1 Die Gefahr wird als sehr gering eingeschätzt.
Stufe 2 Bei der Terrorwarnstufe 2 ist ein Anschlag „wenig wahrscheinlich“. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 befindet sich im Prinzip die Warnstufe für ganz Belgien auf Stufe 2.
Stufe 3 Die Terrorwarnstufe 3 bezeichnet eine „ernsthafte Bedrohung“. Sie gilt auch häufig vorübergehend oder an bestimmten Orten, beispielsweise anlässlich eines EU-Gipfels. Sie gilt dauerhaft im Umfeld der US-amerikanischen Botschaft sowie für jüdische und israelische Einrichtungen.
Stufe 4 Terrorwarnstufe 4 gibt an, dass die Gefahr „sehr ernst“ ist. Das war zuletzt im November 2015 der Fall. Eine Woche nach Anschlägen in Paris mit 130 Todesopfern hatte es damals konkrete Gefahrenhinweise für die Region Brüssel gegeben. Das öffentliche Leben kam für fünf Tage zum Erliegen. Auch nach dem Herabsetzen der Warnstufe blieb die Sicherheitslage angespannt.
Warum steht ausgerechnet Belgien im Visier der Terroristen?

Belgien, bekannt für Bier, Pralinen und das Manneken Pis, gilt plötzlich als Brutstätte islamistischer Terroristen. Das hat seine Gründe. Das kleine Nachbarland von Frankreich scheint ein idealer Rückzugsraum für französisch-sprachige Terrorverdächtige zu sein. Das Land bleibt zerrissen im Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen und hat ein Nebeneinander von Zuständigkeiten entlang der Polizeibezirke. Da fällt es leicht unterzutauchen.

Und der Brüsseler Stadtteil Molenbeek, aus dem einige der Attentäter von Paris stammen, hat seine eigenen Probleme. Jeder dritte dort ist außerhalb Europas geboren. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Jugendliche aus Einwandererfamilien sind für Gewalt-Propaganda der Gotteskrieger empfänglich.

 

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erstellt am 23.Mär.2016 | 12:02 Uhr

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