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Politik

03. Dezember 2016 | 05:41 Uhr

Flugzeugabsturz über Ukraine : Ermittler: Malaysia-Airlines-Flug 17 wurde mit russischer Rakete abgeschossen

vom
Aus der Onlineredaktion

Jetzt haben die Angehörigen Gewissheit: Es war eine russische Rakete, die das Passagierflugzeug abschoss.

Utrecht | Mehr als zwei Jahre nach dem Abschuss der Passagiermaschine mit Flugnummer MH17 über der Ost-Ukraine weisen die strafrechtlichen Ermittler auf die Verantwortung Russlands. Die Maschine mit 298 Menschen an Bord sei 2014 mit einer russischen Buk-Rakete abgeschossen worden, erklärten die internationalen Ermittler am Mittwoch in Nieuwegein bei Utrecht.

Seit dem Absturz 2014 hatten sich die Ukraine und Russland gegenseitig für den Abschuss verantwortlich gemacht. Unklar war, von welchem Gebiet aus die Rakete abgefeuert wurde. Teile der Ostukraine werden von prorussischen Separatisten kontrolliert. Immer wieder gibt es Spekulationen um russische Soldaten in der Ukraine.

Die Rakete wurde den Ermittlern zufolge von pro-russischen Rebellen in der Ost-Ukraine abgefeuert und die mobile Abschussrampe anschließend nach Russland zurückgebracht. „Das können wir überzeugend beweisen“, sagten die Ermittler. Die Erkenntnisse stützten sich auf die Auswertung von Satellitenbildern und Informationen der Geheimdienste.

<p>Radardaten im Bereich des MH17-Flugzeugabsturzes lieferten den Beweis.</p>

Radardaten im Bereich des MH17-Flugzeugabsturzes lieferten den Beweis.

Foto: dpa

Moskau wies hingegen erneut jegliche Verantwortung scharf zurück und beschuldigte stattdessen die Ukraine. Neue russische Radardaten zeigten, dass das Flugzeug nicht vom Gebiet der prorussischen Separatisten aus beschossen worden sei, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch. Er sprach von „unwiderlegbaren Beweisen“. Russland hat in der Zeit seit der Tragödie widersprüchliche Angaben zum möglichen Hergang gemacht. Gezielt wurden immer kurz vor Veröffentlichung offizieller Berichte neue angebliche Beweise in Umlauf gebracht.

Angehörige wurden schon am Morgen von der Staatsanwaltschaft informiert

Das Flugzeug vom Typ Boeing 777 war am 17. Juli 2014 mit einer russischen Luftabwehrrakete vom Typ Buk vom Gebiet der pro-russischen Rebellen aus im Süden des Ortes Snischne abgeschossen worden, wie die Ermittler mitteilten. Namen von Verdächtigen nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Ermittlungen seien auch noch nicht abgeschlossen.

Hintergrund: Das Flugabwehrraketensystem Buk

Das Flugabwehrraketensystem Buk („Buche“) wurde in der sowjetischen Armee 1979 eingeführt. In unterschiedlichen Varianten ist es in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bis heute im Einsatz. Eine komplette Einheit besteht aus dem Kommandofahrzeug, einem Suchradar und mehreren Raketenfahrzeugen. Letztere verfügen über eigene Leitradare und können damit begrenzt unabhängig agieren. Die Bedienung des Systems gilt als schwierig. Eine mehrmonatige intensive Ausbildung gilt nach Angaben von Experten als Minimum, um das Kriegsgerät zu beherrschen.

Die für den Abschuss der malaysischen Boeing MH17 infrage kommende Modifikation M1 zerstört Ziele in einer Höhe von bis zu 22 Kilometern und ist innerhalb von fünf Minuten feuerbereit. Die Raketen explodieren in mehreren Metern Entfernung vor dem anvisierten Ziel. Die dabei entstehenden Splitter durchlöchern die Außenhaut des Flugzeugs, was zum Absturz führt. Die Abschusswahrscheinlichkeit mit einer Rakete beträgt bei Flugzeugen bis zu 96 Prozent.

Bei dem Abschuss waren alle 298 Menschen an Bord getötet worden. Die Angehörigen waren von der Staatsanwaltschaft bereits am Morgen über die ersten Ergebnisse informiert worden. Bei der strafrechtlichen Untersuchung arbeiten Malaysia, die Ukraine, Belgien und die Niederlande mit. Die niederländische Staatsanwaltschaft leitet die Ermittlungen, da aus diesem Land die meisten Opfer stammten.

Bereits die technische Untersuchung im Oktober 2015 hatte ergeben, dass die Maschine von einer Buk-Flugabwehrrakete russischer Herstellung abgeschossen worden war.

Bundesregierung begrüßt Ermittlungsergebnisse

Die Bundesregierung hat die Ermittlungsergebnisse als großen Schritt vorwärts begrüßt. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, sagte am Mittwoch in Berlin, die Ergebnisse seien glaubwürdig sowie sehr sorgfältig und ernsthaft recherchiert. Allerdings seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

Mit den Ergebnissen sei man „den Verantwortlichen näher gekommen“, aber es fehlten noch Erkenntnisse, „um Ross und Reiter zu nennen“, sagte Schäfer. Jetzt gehe es darum zu ermitteln, wer dafür strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden könne. Auswirkungen auf den sogenannten Minsk-Prozess, an dem neben Russland und der Ukraine auch Deutschland und Frankreich beteiligt sind, erwarte er nicht.

Das tragische Schicksal von Flug MH17 ist kein Einzelfall. Schon mehrfach sind zivile Flugzeuge ins Visier von Militärs oder Rebellen geraten. Beispiele:

Chronologie: Abschüsse von Zivilmaschinen

Oktober 2001: Nach einem versehentlichen Raketentreffer explodiert eine russische Tupolew 154 in elf Kilometern Höhe über dem Schwarzen Meer. Keiner der 78 Insassen überlebt. Die ukrainische Armee hatte auf der Halbinsel Krim eine Übung veranstaltet.

Oktober 1998: Im Ostkongo schießen Rebellen mit einer tragbaren Boden-Luft-Rakete eine Boeing 727 der Congo Airlines ab. 41 Menschen sterben, darunter viele Kinder.

September 1993: Eine Rakete abtrünniger Rebellen trifft eine georgische Passagiermaschine beim Landeanflug. Nur 24 der 132 Menschen an Bord überleben. Einen Tag zuvor hatten Rebellen eine Maschine über dem Schwarzen Meer abgeschossen. Bilanz: 27 Tote.

Juli 1988: Eine iranische Linienmaschine wird auf dem Weg nach Dubai über dem Persischen Golf von der Rakete eines US-Kriegsschiffs getroffen. Alle 290 Menschen an Bord sterben, die USA sprechen von einem tragischen Irrtum.

September 1983: Ein südkoreanischer Jumbo-Jet wird wegen angeblicher Verletzung des damaligen sowjetischen Luftraums von einem Kampfjet über dem japanischen Meer abgeschossen. Alle 269 Insassen sterben.

Juni 1980: Eine italienische DC-9 stürzt nördlich von Sizilien ins Meer. Die 81 Menschen an Bord sterben. Erst 1997 wird bekannt, dass die Maschine in einen Luftkampf zwischen französischen, libyschen und US-Militärjets geraten war und von einer Rakete getroffen wurde.

 
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erstellt am 28.Sep.2016 | 14:50 Uhr

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