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Politik

27. März 2017 | 02:38 Uhr

Vor 100 Jahren : Ende der Kolonie Deutsch-Südwestafrika: Der vergessene Völkermord

vom

Vor 100 Jahren ging die deutsche Kolonialherrschaft im heutigen Namibia zu Ende. Offiziell anerkannt ist der Völkermord an Zehntausenden Herero und Nama immer noch nicht.

Windhuk | Die Truppen von Kaiser Wilhelm II. sollten ihre Munition nicht vergeuden. Nicht für aufständische Schwarze. Also trieben deutsche Soldaten in den Jahren 1904/05 im heutigen Namibia Zehntausende Männer, Frauen und Kinder des Herero-Volks einfach in die Wüste. Sie schütteten Gift in die wenigen Wasserquellen, schnitten die Fluchtwege ab und ließen die Leute elend verdursten. Das heutige Stammesoberhaupt der Herero, Chief Vekuii Rukoro, nennt das Verbrechen an seinem Volk den „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Die meisten Historiker sehen das genauso.

Die deutschen Kolonien und „Schutzgebiete“ wurden vom Deutschen Kaiserreich am Ende des 19. Jahrhunderts erworben und nach dem Ersten Weltkrieg gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 aufgegeben. Die sogenannten „deutschen Schutzgebiete“ waren 1914 das an Fläche viertgrößte Kolonialreich nach dem britischen, französischen und russischen Weltreich. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es etwa an fünfter Stelle nach den niederländischen Kolonien. Nach der Niederlage 1918 verlor Deutschland durch den Versailler Vertrag offiziell alle Kolonien. Die Entente teilten die Kolonien als Mandatsgebiete so unter sich auf.
Großbritannien Deutsch-Ostafrika, Teile Kameruns und Westtogo
Frankreich Kamerun und Osttogo
Belgien Ruanda und Burundi (ehemals Teil Deutsch-Ostafrikas)
Portugal Kionga-Dreieck (ehemals Teil Deutsch-Ostafrikas) – kein Mandatsgebiet
Australien Großteil Deutsch-Neuguineas
Japan Kiautschou (fiel 1922 wieder an China), die Marianen, Karolinen, Marshall-Inseln und Palau
Neuseeland Samoa
Südafrikanische Union: Deutsch-Südwestafrika (als Mandatsgebiet South West Africa fortgeführt) Deutsch-Südwestafrika (als Mandatsgebiet South West Africa fortgeführt)
Australien, Neuseeland und Großbritannien zusammen Nauru

Nach 1945 war Deutschland allerdings so mit der Verarbeitung der Nazi-Verbrechen beschäftigt, dass die Kolonialzeit verdrängt wurde. „Die extreme Brutalität des deutschen Kolonialismus wurde vergessen“, sagt Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg.

Die Bundesregierung vermeidet das Wort Völkermord bis heute. Sie spricht stattdessen vage von Deutschlands „besonderer Verantwortung“ gegenüber Namibia. Doch jetzt, 100 Jahre nach dem Ende der Kolonie Deutsch-Südwestafrika am 9. Juli 1915, werden neue Forderungen laut, den Genozid an den Herero und Nama anzuerkennen und auch Wiedergutmachung zu leisten.

Bestärkt wird dies durch die Tatsache, dass die deutsche Politik einen anderen Völkermord - den der Türken an den Armeniern 1915 - zum 100. Jahrestag im April nach langen Debatten doch noch beim Namen nannte. Bundesweit werden jetzt Stimmen für einen Appell „Völkermord ist Völkermord!“ gesammelt.

Die ehemalige SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul - eine der ersten Unterzeichnerinnen - fordert: „Wir dürfen nicht nur andere auffordern, Position zu beziehen, sondern müssen das auch selber tun.“ Die Opposition aus Linkspartei und Grünen will das Thema erneut auf die Tagesordnung des Bundestags setzen. Aber auch so gibt es bei der Bundesregierung schon Bewegung.

Gespräche zwischen Auswärtigem Amt und Namibia laufen - wegen möglicher Entschädigungen, aber auch, um eine „gemeinsame Sprache“ zu finden. Ziel ist es, das Thema endgültig zu klären. Minister Frank-Walter Steinmeier muss sich dabei an den eigenen Worten messen lassen: 2012, als SPD-Fraktionschef, hatte er mit dem Wort Völkermord in Bezug auf Namibia kein Problem.

Die Sache ist eigentlich auch klar. In seinem Schießbefehl vom 2. Oktober 1904 machte der damalige Generalleutnant Lothar von Trotha keinen Hehl aus den Absichten der deutschen „Schutztruppe“: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.“ Noch in der gleichen Woche schrieb Trotha nach Berlin: „Ich glaube, daß die Nation (der Herero) als solche vernichtet werden muß“.

Die Deutschen machten die Sache gründlich. Experten gehen davon aus, dass 65.000 von 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama getötet wurden. „Die Vernichtung der aufständischen Stämme wurde in Deutschland offen propagiert“, sagt Historiker Reinhart Kössler, der Leiter des Arnold-Bergstraesser-Instituts in Freiburg. „Dieser Völkermord war öffentlich angekündigt.“ Nach Ansicht mancher Historiker war die Brutalität der Kolonialzeit ein Vorläufer für den Holocaust, die systematische Ermordung von Millionen Juden. „Die Vernichtungsstrategie und die Rassengesetze weisen eine große Ähnlichkeit auf“, sagt Zimmerer.

Den beiden heutigen Stammesoberhäuptern, Vekuii Rukoro und Chief Dawid Fredericks von den Nama, sind die Gepräche auf Regierungsebene nicht genug. Sie fordern, dass sie in die Verhandlungen einbezogen werden. „Wenn wir nicht Teil der Gespräche sind, werden wir die Ergebnisse nicht akzeptieren“, sagt Rukoro. Die Nama und Herero misstrauen der vom Ovambo-Stamm dominierten Regierung.  Finanziell wird es für das reiche Deutschland dabei wohl nicht um große Beträge gehen. Es gibt heute schätzungsweise etwa 300.000 Herero und Nama in Namibia. Sie wollen das Geld, auf das sie hoffen, in die Entwicklung ihrer Regionen stecken. Vor allem aber wollen sie, dass Deutschland den Völkermord an ihren Ahnen eingesteht.

Dazu gehöre, die Gräueltaten in Deutschland nicht mehr unter den Teppich zu kehren, fordert Rukoro. Der Herero-Chef fragt: „Wieso gibt es in Deutschland kein zentrales Denkmal, um der namibischen Opfer zu gedenken?“

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erstellt am 03.Jul.2015 | 14:02 Uhr

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