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Politik

10. Dezember 2016 | 02:16 Uhr

Nach Rede von Khizr Khan : Donald Trump: An diesem Fettnäpfen könnte er scheitern

vom

Trump hat gefühlt schon jeden beleidigt – doch der Angriff gegen Eltern eines toten muslimischen US-Soldaten eskaliert.

Washington | Er hat im Wahlkampf Muslime beleidigt, einen hoch dekorierten ehemaligen Vietnamkriegsgefangenen, diverse Frauen, mexikanische Immigranten, einen Latino-Richter und einen behinderten Journalisten: Donald Trump holzt gern - das ist nicht neu. Die meisten seiner Anhänger, so scheint es jedenfalls, haben sich bislang wenig daran gestört. Er könne auf New Yorks Fifth Avenue stehen und „jemanden erschießen“ und würde trotzdem keine Stimmen verlieren, hatte Trump noch im Januar geprahlt.

Aber das war, bevor Khizr und Ghazala Khan auf den Plan traten. Mit seiner bestenfalls völlig unsensiblen Reaktion auf die Kritik der Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten auf dem Parteitag der Demokraten hat Trump den möglicherweise größten öffentlichen Feuersturm seines bisherigen Wahlkampfes ausgelöst.

So nannte die „New York Times“ die Konfrontation einen unerwarteten und möglicherweise „ausschlaggebenden Flammpunkt“ bei der Präsidentschaftswahl im November. Bewahrheitet sich das, hätten ein gebürtiger Pakistaner und seine Frau bewirkt, was politische Gegner bisher nicht geschafft haben: zu zeigen, dass Trumps schrille antimuslimische Rhetorik nicht eine anonyme Gruppe trifft. Sie trifft einzelne Menschen.

Was genau ist passiert?

Es war einer der bewegendsten Momente auf dem Parteitag der Demokraten in der vergangenen Woche. Auf der Bühne standen die immer noch trauernden Eltern eines vor zwölf Jahren im Irak gefallenen muslimischen US-Soldaten. Der aus Pakistan stammende Vater Khizr Khan warf Donald Trump vor: Sie haben nichts und niemanden geopfert!
Es war einer der bewegendsten Momente auf dem Parteitag der Demokraten in der vergangenen Woche. Auf der Bühne standen die immer noch trauernden Eltern eines vor zwölf Jahren im Irak gefallenen muslimischen US-Soldaten. Der aus Pakistan stammende Vater Khizr Khan warf Donald Trump vor: Sie haben nichts und niemanden geopfert! Foto: Shawn Thew
 

Khizr Khan hatte am Donnerstag vergangener Woche mit seiner Frau an der Seite auf der Bühne in Philadelphia Trump angeklagt. Der republikanische Spitzenkandidat habe „bisher nichts und niemanden geopfert“, hielt er ihm vor. Und Trump solle nur mal nach Arlington gehen, sich auf dem Friedhof die Gräber von US-Soldaten anschauen - Soldaten aller Ethnien und Glaubensrichtungen.

Die Rede im Video:

Es war in der Tat ein massiver Angriff, und Trump gilt ohnehin als dünnhäutig. So holte er, anstatt klug zu schweigen, zum Gegenangriff aus - in einem am Sonntag (Ortszeit) ausgestrahlten Interview des Senders ABC unter anderem mit der Bemerkung, die Äußerungen seien wohl vom Redenschreiber seiner Rivalin Hillary Clinton verfasst worden.

Außerdem mokierte sich mit Rückgriff auf ethnische Stereotypen darüber, dass Khans Frau beim Auftritt in Philadelphia geschwiegen hatte - wie sie später erklärte, weil sie vor Trauer und Emotionen nicht habe sprechen können.

Und auch er habe eine Menge Opfer gebracht, sagte der Immobilienmogul und führte in diesem Zusammenhang seine beruflichen Errungenschaften an. Die Erniedrigung gebrochener Eltern, einer Mutter, die ihr Kind verloren hat - so etwas ist eine Kardinalsünde, und da gab es auch aus republikanischen Kreisen harsche Kritik.

Senator Lindsey Graham brachte es im Namen vieler auf den Punkt. „Es gab einmal einige Dinge, die in der amerikanischen Politik geheiligt waren“, zitierte ihn die „New York Times“. Dinge, die sich nicht gehörten, „wie die Eltern eines gefallenen Soldaten zu kritisieren, selbst wenn sie dich kritisieren. Wenn du Führer der freien Welt sein willst, musst du in der Lage sein, Kritik einzustecken. Und Herr Trump kann das nicht.“

Noch lässt sich schwer abschätzen, wie groß der Schaden ist, den sich Trump selber zugefügt hat. Aber der neue Wirbel entstand just, nachdem viele innerparteiliche Kritiker - wenn auch schweren Herzens - damit begonnen hatten, sich mit Trump abzufinden.

Während seine demokratische Rivalin Hillary Clinton zum Auftakt der heißen Wahlkampfphase mit einem Bus durch möglicherweise wahlentscheidende Staaten tourte, war Trump das ganze Wochenende mit Schadensbegrenzung beschäftigte - ohne den Schaden zu begrenzen. Im Gegenteil schien er sich immer tiefer in den Schlammassel zu reden und zu twittern - „als würde er irgendwie überhaupt nicht begreifen, was er da anrichtet“, sagte ein CNN-Kommentator geradezu fassungslos.

So nannte Trump zwar schließlich den Sohn der Khans einen Helden - aber um gleich einzuschränken, dass der Vater ihn auf dem Parteitag in Philadelphia „bösartig angegriffen habe.“ „Ist es mir nicht erlaubt zu antworten? Hillary hat (damals) für den Irakkrieg gestimmt, nicht ich!“

 

Da konnte denn auch der mächtige Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Paul Ryan, nicht mehr länger schweigen. Das Opfer, das Khans Sohn und die Eltern gebracht hätten, verdiene höchsten Respekt, sagte der Republikaner.

 

Auch der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, sprach sich in einer Mitteilung ebenfalls gegen einen Einreisestopp „gegen alle Mitglieder einer Religion“ aus. Alle Amerikaner sollten den selbstlosen Einsatzen von Patrioten wie Humayun Khan wertschätzen.

Die US-Streitkräfte hatten dem in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborenen Hauptmann Khan posthum die Auszeichnungen Purple Heart und Bronze Star Medal für seinen Einsatz im Irak verliehen. Er war bei dem Versuch gestorben, seine Kameraden vor einer Autobombe zu schützen. Wenn es nach Trump gegangen wäre, sagte Khizr Khan auf dem Parteitag, hätte sein Sohn nie in die USA kommen können.

Trumps Vize-Kandidat Mike Pence teilte mit, er und Trump glaubten beide, dass jeder Amerikaner die Khans, wie alle Familien gefallener Soldaten, in Ehren halten sollte. Dann schlug er einen Bogen zum politischen Gegner: „Aufgrund der desaströsen Entscheidungen von Barack Obama und Hillary Clinton ist der einst stabile Nahe Osten nun vom IS überrannt worden.“ Unter anderem durch den Aufnahmestopp von Migranten aus Ländern, die „durch Terrorismus kompromittiert“ seien, würden er und Trump die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass andere amerikanische Familien so dauerhaften Kummer erleiden wie die Familie Khan.

Hillary Clinton zählte bei einem Wahlkampfauftritt in Columbus (Ohio) vor Reportern frühere Beleidigungen Trumps gegen Gruppen sowie einzelne Menschen auf. „Dass er dann auch noch einen Angriff auf die Mutter von Hauptmann Khan startet“, sagte sie und fügte kopfschüttelnd hinzu: „Ich weiß nicht, wo bei ihm die Grenze ist.“

Nicht, dass die Khans jemanden gebraucht hätten, der für sie spricht. Sie sprachen für sich selbst. Trump wisse nicht, was da Wort Opfer bedeute, schrieb Ghazala Khan in einem Gastbeitrag für die „Washington Post“. Ihr Mann rief die amerikanischen Wähler in mehreren Fernsehinterviews auf, sich im November gegen Hass zu entscheiden. Trump habe eine „schwarze Seele“.

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erstellt am 01.Aug.2016 | 11:09 Uhr

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