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Ombudsstelle für Heimkinder in Not : Die jüngste Anruferin war acht Jahre alt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Keine Heizung, zu wenig zu essen und sogar ein sexueller Übergriff: Die Bürgerbeauftragte Samiah El Samadoni zieht Bilanz.

„Sie war überfällig, und wir haben bislang nur die Spitze des Eisbergs erreicht“: Diese Bilanz zieht Schleswig-Holsteins Bürgerbeauftragte Samiah El Samadoni ein Jahr, nachdem das Land in ihrem Haus zusätzlich eine Ombudsstelle für die Kinder- und Jugendhilfe eingerichtet hat. Das Angebot war eine Reaktion auf die Missstände in den „Friesenhof“-Heimen und kommt offensichtlich an: 194 Eingaben sind innerhalb der ersten zwölf Monate bei der neuen Beschwerde- und Beratungsstelle eingegangen.

In 24 Fällen ging es um konkrete Konflikte mit Heimen oder Wohngruppen, in acht um Auseinandersetzungen mit dem Jugendamt. Wenn auch vor allem Eltern die Ombudsstelle in Anspruch nehmen, so haben sich doch auch 21 Heimkinder und -jugendliche selbst dort gemeldet. „Das spricht dafür, dass man uns wirklich finden kann“, schlussfolgert El Samadoni. Die jüngste Anruferin war erst acht Jahre alt. Sie beklagte sich darüber, dass sie für ein Fehlverhalten mit einem Besuchsverbot bei einer Freundin bestraft werden sollte. Was in diesem Fall laut El Samadoni aber „im pädagogischen Kontext erklärbar“ war und in ähnlicher Form auch in einer normalen Familie denkbar sei.

Das ist keineswegs bei allen Hilfesuchenden so. In einem Fall steht der Vorwurf eines sexuellen Übergriffs in einer Einrichtung im Raum. Gegen den Beschuldigten läuft inzwischen ein Strafverfahren. Fragwürdige pädagogische Maßnahmen, körperliche Züchtigung, Anschreien ohne ersichtlichen Grund, zu wenig zu essen, keine Heizung, Schimmel in der Unterkunft: So breit ist die Palette der Hilferufe, die Heranwachsende bei der Beschwerdestelle absetzten. Auch sei es um Handy-Verbote oder ignorierte Freizeitwünsche gegangen oder um Weigerungen, auf Anordnung des Jugendamts die Einrichtung zu wechseln.

Oder ums genaue Gegenteil. Die Bürgerbeauftragte berichtete von einem 15-Jährigen, der unbedingt woanders wohnen wollte, weil in seinem Heim weit draußen auf dem Lande keinerlei Gleichaltrige lebten. El Samadoni deckte hier ein weiteres Defizit auf: Ihrer Einschätzung nach hat sich der Jugendhilfe-Träger nicht genug bemüht, dem autistisch veranlagten Jungen den Besuch einer regulären Schule zu ermöglichen.

Ein anderes Beispiel aus den Erlebnissen der Beauftragten: Ein Zwölfjähriger habe unter Dauerkonflikten mit einem Betreuer gelitten. Als Hauptgrund stellte sich laut El Samadoni heraus: Der Mann – ein ehemaliger Bundeswehrsoldat – hatte Probleme mit den langen Haaren des Zwölfjährigen. Die Ombudsstelle erreichte, dass eine andere Kraft für den Jungen zuständig wurde – und dass dem Ex-Soldaten „deutlich gemacht wurde, dass der Haarschnitt der persönlichen Freiheit unterliegt“. Trotz des Konflikts ist der Kurzhaar-Verfechter in der Einrichtung geblieben. „Andere Bewohner konnten gut mit ihm“, schilderte die Beauftragte. Mehrheitlich hätten sie für den Verbleib gestimmt. „Auch wieder ein gutes Beispiel für Partizipation“, findet El Samadoni.

Zwölf der gemeldeten Vorwürfe waren so gravierend, dass die Ombudsstelle nicht nur selbst aktiv wurde, sondern zusätzlich die Heimaufsicht einschaltete. „Wenn wir dadurch auch nur einen Fall zusätzlich aufgreifen können, spricht das für diese neue Stelle“, sagte Sozialministerin Kristin Alheit. Die SPD-Politikerin kündigte weitere Schritte zur Stärkung der Jugendhilfe an. So will das Land dieses Jahr Modellprojekte mit insgesamt 500.000 Euro unterstützen, die sich gezielt um Kinder und Jugendliche kümmern, die an die Grenzen der „normalen“ Jugendhilfe stoßen.

Die Ombudsstelle selbst, die mit zwei Juristen und einer Sozialpädagogin besetzt ist, will ihre Erreichbarkeit in diesem Jahr weiter verbessern. El Samadoni kündigte dazu einen Internet-Auftritt und eine Präsenz in sozialen Netzwerken an. Zudem plant sie offene Sprechtage in Heimen.

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erstellt am 07.Mär.2017 | 08:10 Uhr

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