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Politik

07. Dezember 2016 | 19:27 Uhr

„Super Thursday“ : Darum geht es bei den Wahlen in Großbritannien

vom

Wird ein Muslim Bürgermeister in London? Marschieren die Schotten in Richtung Unabhängigkeit? Wollen die Briten den Brexit? Spannende Fragen bei den Regionalen- und Kommunalwahlen in Großbritannien.

London | Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn wird auf die Probe gestellt: Millionen Briten haben am Donnerstag über neue Regional- und Kommunalparlamente abgestimmt. Außerdem wurden in London und anderen Städten neue Bürgermeister gewählt. Umfragen prognostizieren deutliche Verluste für Corbyns Partei. In London allerdings war der Labour-Kandidat Sadiq Khan klarer Favorit - er könnte der erste muslimische Bürgermeister der Stadt werden.

In London geht es um einen neuen Bürgermeister, in Schottland, Wales und Nordirland werden Regionalparlamente bestimmt, in England zahlreiche Kommunalparlamente neu besetzt. Die Wahlergebnisse könnten ein erstes Stimmungsbild für die Brexit-Entscheidung im Juni sein.

Insgesamt waren über 40 Millionen Briten zur Wahl aufgerufen. Der Sender BBC sprach von einem Super-Donnerstag. Khan tritt für den Verbleib Großbritanniens in der EU ein, sein Gegenspieler Zac Goldsmith will den Brexit. Doch wie in anderen Landesteilen spielte das EU-Referendum auch in London nur eine Nebenrolle. Die beiden Kandidaten in der britischen Hauptstadt sind extrem unterschiedlich: Khan ist pakistanischer Abstammung und kommt aus einfachsten Verhältnissen, Goldsmith ist Sohn einer reichen Familie.

Insgesamt wurde mit einer geringen Wahlbeteiligung gerechnet. Es ging um die Regionalparlamente in Schottland, Wales und Nordirland, außerdem um über 2700 Sitze in Kommunalparlamenten. Erste Ergebnisse werden in der Nacht zum Freitag erwartet. Wer in London neuer Bürgermeister wird, könnte erst am späten Freitagabend feststehen.

Worauf kommt es heute bei den Wahlen an, was ist wichtig an diesem Donnerstag? Und: Spielt auch Brexit eine Rolle? Eine Übersicht:

London

Keiner der Kandidaten ist ein solch „bunter Vogel“ wie der bisherige Bürgermeister Boris Johnson - ein Populist mit markanter weiß-blonder Mähne, der sich besonders gerne auf dem Fahrrad ablichten lässt. Doch der Tory-Mann gibt jetzt den Anführer der EU-Gegner und tritt in London nicht mehr an.

Londons Bürgermeister Boris Johnson setzt sich einen Helm auf, bevor es in Tokio mit einem Fahrrad zu einer Veranstaltung geht.
Londons Bürgermeister Boris Johnson setzt sich einen Helm auf, bevor es in Tokio mit einem Fahrrad zu einer Veranstaltung geht. Foto: Franck Robichon
 

Dafür könnte mit dem Labour-Mann Sadiq Khan (45) erstmals ein Muslim Bürgermeister werden. Khan ist ein Bilderbuch-Kandidat: Die Familie kommt aus Pakistan, der Vater war Busfahrer, der Sohn arbeitete sich hoch. Umfragen sehen ihn deutlich vor dem Tory-Kandidaten Zac Goldsmith (41), Spross aus schwerreicher Familie. Sollte Khan nicht gewählt werden, wäre das ein schwerer Schlag für die Arbeiterpartei.

Labour

Ausgerechnet kurz vor den Wahlen hat die Partei eine „Antisemitismus-Debatte“ erfasst. Unter anderem fiel der ehemalige Londoner Bürgermeister Ken Livingstone durch schräge Hitler-Äußerungen auf. Dem Parteichef Jeremy Corbyn gelang es nicht, die Debatte rasch auszutreten. Doch in seiner Umgebung wird auch zirkuliert, parteiinterne Corbyn-Gegner hätten die Debatte bewusst geschürt - um ihm zu schaden.

Jeremy Corbyn.
Jeremy Corbyn ist Parteichef der britischen Labour-Partei. Foto: Andy Rain

Umfragen sagen Labour deutliche Verluste vor allem in Schottland und bei den Kommunalwahlen voraus. Dies könnte den Druck auf Corbyn erhöhen. 2012 konnte die Partei noch 800 Sitze hinzugewinnen - diesmal könnte sie bis zu 150 verlieren.

„Vorhersagen sind nicht so wichtig“, sagte Corbyn, als er seine Stimme in einem Wahllokal im Londoner Ortsteil Islington abgab.

Kommentatoren malen bereits einem Coup gegen den Parteichef nach der Abstimmung an die Wand. Der linke Corbyn wurde zwar im Spätsommer mit breiter Mehrheit per Mitgliederbefragung gewählt - stößt aber im Partei-Establishment auf Ablehnung, weil er „zu links“ sei.

Schottland

Hier geht es vor allem darum, ob die Schottische Nationalpartei SNP ihre beherrschende Stellung weiter ausbauen kann. Parteichefin Nicola Sturgeon, die Ministerpräsidentin in Edinburgh, schmiedet bereits neue Unabhängigkeitspläne. Erst 2014 war ein Referendum knapp gescheitert. Ein weiterer Aspekt: Laut Umfragen könnte Labour im hohen Norden hinter den Konservativen auf den dritten Platz zurückfallen.

SNP-Chefin Nicola Sturgeon vor ihrem Wahllokal im schottischen Glasgow.
SNP-Chefin Nicola Sturgeon vor ihrem Wahllokal im schottischen Glasgow. Foto: Robert Perry
 

Brexit

Am 23. Juni steht das historische EU-Referendum an, die Briten müssen dann entscheiden, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Überschattet das die Wahlen am Donnerstag? Die Antwort ist: Jein. Zum Beispiel London: Zwar ist Khan ein EU-Befürworter, sein Gegner Goldsmith ein Austritts-Mann. Doch das Thema steht deutlich im Hintergrund, die brennenden Themen sind überteuerte Immobilien und schlechter Nahverkehr.

Auch in Schottland ist Brexit eher Randthema. Die Parteien sind dort durchgängig ebenso europafreundlich wie die große Mehrheit der Schotten. Eines steht schon fest: Sollte Großbritannien aus der EU austreten, gibt es ein neues Schottland-Referendum.

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erstellt am 05.Mai.2016 | 16:41 Uhr

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