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Politik

06. Dezember 2016 | 11:09 Uhr

US-Präsidentschaftswahl : Bringt Hillary Clintons Krankheit Donald Trump ins Weiße Haus?

vom
Aus der Onlineredaktion

Ihre Lungenentzündung macht Clinton auch politisch zu schaffen. shz.de erklärt, was die Gesundheit der Kandidaten mit dem Ausgang der US-Wahl zu tun hat.

Washington | Die „Oktober-Überraschung“ dieser Präsidentschaftswahlen kam bereits im September. Der Schwächeanfall Hillary Clinton an Ground Zero wirbelt nun den amerikanischen Wahlkampf gründlich durcheinander. Plötzlich geht es nicht mehr um die unsägliche Bigotterie eines National-Chauvinisten, der Diktatoren bewundert, und mit Rassismus auf Stimmenfang geht, sondern um die körperliche Fitness der 68-jährigen Clinton für das wichtigste Amt der Welt.

Der Wahlkampf in den USA ist stark auf die Personen ausgerichtet. Daher wird er zwischen den Kontrahenten auch häufig persönlich ausgetragen. Wichtige Sachthemen geraten dabei in Vergessenheit und Wähler laufen Gefahr, in erster Linie nach Sympathiewerten zu stimmen.

In den USA gehört es zur politischen Tradition, die Gesundheit der Kandidaten für das Weiße Haus genauestens unter die Lupe zu nehmen. Deshalb veröffentlichen Bewerber in der Regel ihre vollständigen Krankheitsakten. Für Clinton rächte sich die Geheimniskrämerei, die sie um ihren Gesundheitszustand betrieben hat zunächst. Weil Donald Trump nicht mehr als ein kaum Ernst zu nehmendes Attest vorgelegt hatte, mauerte auch sie mit ihren Informationen.

„Ich habe nicht geglaubt, dass es eine große Sache ist“

Jetzt wurde bekannt, dass Hillary Clinton Mitte der Woche wieder in den US-Wahlkampf einsteigen will. Das teilte ihr Sprecher Brian Fallon mit. Sie selbst sagte am Montagabend in einem Interview des Senders CNN, sie fühle sich schon sehr viel besser und wolle so bald wie möglich wieder Wahlkampfauftritte absolvieren. Zugleich wies sie Vorwürfe zurück, ihre Erkrankung verschwiegen und nicht transparent gehandelt zu haben. „Ich habe nicht geglaubt, dass es eine große Sache ist.“

Clintons Sprecher hatte zuvor gesagt: „Ich glaube, wir hätten besser mit der Situation umgehen können. Wir hätten schneller mehr Informationen herausgeben können.“ Man sei aber so mit Clintons Wohl beschäftigt gewesen, dass die Öffentlichkeit zu kurz gekommen sei. Fallon kündigte an, in Kürze würden zusätzliche medizinische Informationen über Clinton veröffentlicht. Man wolle das auch tun, um allen Fragen in Bezug auf die Ereignisse vom Sonntag zu begegnen. Was in New York geschehen sei, habe nicht das Geringste mit Clintons Erkrankung von 2012 zu tun. Auch das werde das zu veröffentlichende Material belegen.

2012 war bei Clinton ein Blutgerinnsel infolge einer Gehirnerschütterung festgestellt worden. Der Demokratin macht im Wahlkampf auch der Vorwurf zu schaffen, sie sei zu verschlossen und nicht vertrauenswürdig. Die späten Informationen vom Sonntag lieferten ihren Kritikern neue Nahrung.

Krankhafter Ehrgeiz und schwere Krankheit?

Es besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse daran, zu erfahren, ob Clintons Gehirnerschütterung nachhaltige Folgen hatte. Sachlich aufklären ließen sich auch die beiden früheren Thrombosen, die sie 1998 und 2009 erlitt.

Statt den Verschwörungstheorien von Breitbart und Co. frühzeitig das Wasser abzugraben, nährte Clintons Team diese mit der fehlenden Transparenz nach ihrem plötzlichen Verschwinden. Die Kandidatin ist wieder einmal selber ihre ärgste Gegnerin. Hillary leidet nicht an einer tödlichen Krankheit, sondern krankhaftem Ehrgeiz, der keine Schwäche zulässt.

Dafür spricht die Fahrlässigkeit, mit einer Lungenentzündung zu einer anstrengenden Veranstaltung zu gehen, statt das Bett zu hüten. Clinton projiziert damit nicht das Image einer „eisernen Lady“, sondern einer zerbrechlichen älteren Dame. Das ist Wasser auf die Mühlen des Rechtspopulisten, der ihr scheinheilig „gute Besserung“ wünscht. Tatsächlich wird Trump in der heißen Phase des Wahlkampfs alles tun, die Spekulationen über eine bedrohliche Krankheit Hillarys anzuheizen.

In den sozialen Netzwerken wird er dafür vielfach kritisiert.

 

Krankheiten öffentlich machen und zum Wesentlichen zurückkehren

Bei aller Schadenfreude muss der Kandidat aufpassen, den Bogen nicht zu überspannen. Schon jetzt sieht er sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine gehörige Portion Sexismus in den Wahlkampf zu injizieren. Frauen, so die kaum versteckte Aussage Trumps, seien eben nicht stark genug für den Job im Weißen Haus.

<p>Ein Schild mit der Aufschrift „Ausnahmesweise sorgt sich Trump um die Gesundheit einer Frau“ bei Protesten gegen die Eröffnung des neuen Trump Hotels in Washington.</p>

Ein Schild mit der Aufschrift „Ausnahmesweise sorgt sich Trump um die Gesundheit einer Frau“ bei Protesten gegen die Eröffnung des neuen Trump Hotels in Washington.

Foto: dpa
 

Dabei weiß die Öffentlichkeit genauso wenig über Trumps Gesundheit. Der Liebhaber frittierter Hühnerschenkel, fettiger Fritten und anderer Fastfood-Delikatessen hat sich sein Attest von jemanden ausstellen lassen, der so seriös wirkt wie die Doktoren am Hippie-Strand von Venice, die für ein paar Dollar ein Attest für medizinisches Marihuana verschreiben.     

Da beide Kandidaten im fortgeschrittenen Lebensalter sind, sollten sie ihre Krankenakten vollständig der Öffentlichkeit zugänglich machen, und zu dem zurückkehren, worum es wirklich geht: Einen Wettstreit, wer die beste Qualifikation, das solideste Urteilsvermögen und das passendste Temperament hat, an der Spitze der Supermacht zu stehen.  

Umfragen: Clinton führt mit drei Punkten

Am 8. November wird in den USA gewählt. Wo steht das Rennen zwischen der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton und Donald Trump laut den jüngsten Umfragen, besonders in den wichtigen Swing States?

In landesweiten Umfragen führt Clinton im Durchschnitt mit drei Punkten Vorsprung. Eine Erhebung des Senders ABC News und der „Washington Post“ sieht sie bei 51 Prozent, während Trump auf 43 Prozent kommt. In einer Umfrage der „LA Times“ und der Universität von Kalifornien liegen beide dagegen gleichauf bei 44 Prozent.

Noch unklar ist, ob sich Clintons jüngste Erkrankung, der Umgang damit sowie ihre umstrittenen Aussagen über Trump-Anhänger negativ auf ihre Umfragewerte niederschlagen. Dafür ist es noch zu früh, die Befragungen decken den Zeitraum vor diesen Vorfällen ab. Die Website RealClearPolitics addiert die Ergebnisse von aktuellen Umfragen auf eine Summe von derzeit 209 Wahlmännern für Clinton und 154 für Trump, 175 sind noch nicht zuzuordnen. Die Mehrheit ist bei 270 erreicht.

Die sogenannten Swing States, die anders als die meisten Staaten nicht schon auf eine Partei festgelegt sind, sind für den Wahlausgang entscheidend. In Florida ist das Rennen derzeit sehr eng; Trump liegt dort durchschnittlich mit 0,2 Prozentpunkten vor Clinton, nachdem die 68-Jährige lange geführt hatte. In Iowa und North Carolina ist die Situation ähnlich ausgeglichen. In Ohio führt Clinton mit im Schnitt drei Punkten, in Nevada sind es zwei.

Bei fast allen Wahlen der vergangenen Jahrzehnte waren auch Staaten besonders umkämpft, die es 2016 bislang nicht sind. Hier führt Clinton jeweils vor Trump: Colorado (zwischen 10 und 14 Punkten vorne), Michigan (5-7), Pennsylvania (5-8), Virginia (1-12) und Wisconsin (3-8).

Manche Umfragen haben eine Fehlermarge von bis zu fünf Punkten. Viele Institute betonen, dass starke Schwankungen und Änderungen möglich sind, der Wahlausgang also trotz mancher derzeit klarer Datenlage noch offen ist.

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erstellt am 13.Sep.2016 | 10:34 Uhr

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