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Politik

26. September 2016 | 03:56 Uhr

Krieg in Syrien : Beschädigte Schutzräume, Nächte voller Angst: Aleppo bebt unter Luftangriffen

vom

Keine Waffenruhe, aber Gewalt in Syrien - die Menschen kommen nicht zur Ruhe. Dutzende seien getötet worden.

Aleppo | Nach dem vorläufigen Scheitern diplomatischer Bemühungen für das Bürgerkriegsland Syrien hat das Regime schwere Luftangriffe auf die umkämpfte Stadt Aleppo geflogen. Mit mehr als 70 Bombardements bereiteten die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad am Freitag eine Bodenoffensive auf die Rebellengebiete im Ostteil der belagerten Stadt vor, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Dutzende Menschen seien getötet worden, unter ihnen auch Kinder.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat sich inzwischen auch zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Russland (auf Seite der Regierung) und den USA (auf Seite der nicht-islamistischen Aufständischen) entwickelt. Für Russland ist Syrien außenpolitisch sehr wichtig, da der Kreml quasi nur noch hier eine wichtige Rolle im Nahen Osten spielt.

Der schwere Beschuss der Rebellengebiete dauerte den zweiten Tag in Folge an. Baha al-Halabi, Aktivist in Aleppo, beschrieb die Situation als verheerend. Die ganze Stadt bebe als Folge der Einschläge. Die Armee habe Brandbomben und die international geächtete Streumunition eingesetzt.

Der in Aleppo lebende Jassin Abu Raid sagte der dpa: „Die Menschen sind hier nicht mehr sicher, nicht einmal mehr in Schutzräumen.“ Andere Bewohner gaben an, dass bei den letzten Bombenangriffen auch unterirdische Schutzräume zerstört worden seien. Rebellen verbreiteten in sozialen Netzwerken Durchhalteparolen wie: „Beschießt uns, hungert uns aus (...), egal was ihr macht, wir bleiben hier.“ Anwohner und ein Sprecher der zivilen Hilfsorganisation der Weißhelme sagten der Deutschen Presse-Agentur, alle Wege aus dem belagerten Ostteil der Stadt seien versperrt. In den Rebellengebieten Aleppos sollen sich noch mehr als 250.000 Menschen aufhalten.

Fünf Jahre Bürgerkrieg in Syrien - die Etappen

März 2011: Eine Demonstration in der Hauptstadt Damaskus setzt eine Protestwelle gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad in Gang. Die Regierung reagiert mit Waffengewalt.

August 2013: Mehr als 1400 Menschen sterben durch Chemiewaffen. Der UN-Sicherheitsrat fordert Damaskus zur Vernichtung der Waffen auf. Syrien beginnt danach mit der Zerstörung seiner Produktionsstätten.

September 2014: Die USA und Verbündete bombardieren erstmals Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordostsyrien.

Januar 2015: Nach monatelangen Gefechten mit der Terrormiliz haben kurdische Kämpfer die nordsyrische Stadt Kobane befreit. Es folgen weitere Niederlagen des IS gegen Kurden im Nordosten Syriens.

September 2015: Assads Verbündeter Russland beginnt Luftangriffe in Syrien: nach russischen Angaben auf IS-Stellungen, nach westlicher Darstellung auf gemäßigte Rebellengruppen.

November 2015: In Wien einigen sich die Teilnehmer einer Syrien-Konferenz, darunter der Iran und Russland, auf einen Friedensfahrplan, der eine Übergangsregierung vorsieht.

Ebenfalls November 2015: Nach den Anschlägen in Paris bombardiert Frankreich IS-Stellungen in Syrien. Deutschland schickt zur Unterstützung unter anderem Aufklärungs-Tornados. Rund 60 Staaten haben sich zu einem Bündnis gegen den IS zusammengeschlossen.

Januar 2016: In Genf beginnen Friedensgespräche. Sie werden nach der dritten Runde im April auf Eis gelegt.

Februar 2016: Die USA, Russland und wichtige Regionalmächte handeln in München eine Waffenruhe für Syrien aus, die jedoch vor allem in der nordsyrischen Großstadt Aleppo immer wieder gebrochen wird.

März 2016: Russlands Präsident Wladimir Putin befiehlt einen Teilabzug der russischen Soldaten aus Syrien. Syrische Regimetruppen erobern die historische Oasenstadt Palmyra vom IS zurück.

Juli 2016: Regierungstruppen kappen die letzte Versorgungsroute in die von Rebellen gehaltenen Stadtviertel von Aleppo und schneiden bis zu 300.000 Menschen von der Außenwelt ab. Rebellen durchbrechen drei Wochen später die Belagerung. Die humanitäre Situation in der umkämpften Stadt wird immer dramatischer.

August 2016: Kurdisch geführte Truppen erobern nach wochenlangen Kämpfen gegen den IS die Stadt Manbidsch im Norden Syriens. Zusammen mit Rebellen vertreibt die türkische Armee den IS aus dem Grenzort Dscharablus und greift auch ein von der Kurdenmiliz YPG angeführtes Bündnis an. Nach vier Jahren Belagerung übernimmt die syrische Armee die einstige Rebellenhochburg Daraja am Rande von Damaskus.

9./10. September 2016: Die USA und Russland einigen sich erneut auf einen Plan zur Durchsetzung der Waffenruhe sowie für eine politische Lösung des Konflikts. Zudem wollen sie in Syrien militärisch gegen die als Terroristen eingestuften Islamistengruppen kooperieren.

12. September: Mit dem Sonnenuntergang in Syrien tritt die Waffenruhe offiziell in Kraft.

16. September: Regierungstruppen und islamistische Rebellen liefern sich im Osten der Hauptstadt Damaskus trotzdem heftige Kämpfe.

17. September: Es wird bekannt, dass bei einem US-Luftangriff Dutzende syrische Soldaten gestorben sind. Lastwagen mit Hilfslieferungen der UN sitzen an der türkischen Grenze fest.

19. September: Syriens Armee erklärt die Waffenruhe für beendet. Südwestlich von Aleppo wird nach UN-Angaben ein Hilfskonvoi von Bomben getroffen, zwölf Menschen kommen ums Leben.

 

Am Donnerstagabend hatte die Regierung von Präsident Baschar al-Assad über Staatsmedien den Beginn einer Offensive in Aleppo angekündigt, um den Ostteil der Stadt zurückzuerobern.

In New York blieben die internationalen Bemühungen für eine Rückkehr zur Waffenruhe in dem Bürgerkriegsland am Donnerstagabend ohne Erfolg. Bei einem Treffen von mehr als 20 Außenministern am Rande der UN-Vollversammlung gelang es wieder nicht, sich auf eine neue Feuerpause zu verständigen, nachdem diese nach wenigen Tagen zusammengebrochen war.

Während US-Außenminister John Kerry sagte, er sei „frustrierter“ als am Tag zuvor, antwortete sein russischer Kollege Sergej Lawrow auf die Frage, ob es eine Vereinbarung gebe: „Nichts ist passiert.“ Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier berichtete von einer „sehr offenen, sehr kontroversen“ Diskussion innerhalb der Gruppe. Normalerweise ist das eine Umschreibung dafür, dass gegenseitig massive Vorwürfe erhoben wurden.

Die Gespräche sollten am Freitag und im Laufe der kommenden Tage aber fortgesetzt werden. Dabei geht es entscheidend auch um die Frage, ob Russland und die syrische Armee zum Verzicht auf Luftangriffe in bestimmten Gebieten Syriens, die nicht von Islamisten gehalten werden, bereit sind.

Im Osten Aleppos rief die syrische Armee die Menschen über die Staatsmedien dazu auf, Stellungen von „Terrorgruppen“ zu meiden. Die Militärführung meint damit die verschiedenen Gruppen von Aufständischen in der Stadt. Bürger, die den Ostteil der Stadt verließen, müssten keine Festnahmen oder Befragungen fürchten.

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erstellt am 23.Sep.2016 | 19:33 Uhr

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