zur Navigation springen

Politik

03. Dezember 2016 | 10:43 Uhr

Anschlag im Zug : Axt-Attentäter von Würzburg: Schummelte er sich nach Deutschland?

vom

Kommt der 17-Jährige doch nicht aus Afgahnistan? Es gibt erhebliche Zweifel an ersten Erkenntnissen.

Würzburg | Wer war der Axt-Attentäter von Würzburg? Immer mehr Details werden bekannt. Doch es gibt auch viele Zweifel. Eine entscheidende Frage: War der 17-Jährige vielleicht gar nicht Afghane?

Der 17-Jährige war am Montagabend mit einer Axt und einem Messer auf Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg-Heidingsfeld losgegangen. Er verletzte vier Menschen schwer und einen leicht. Inzwischen hat sich der IS zu dem Anschlag bekannt.

Eine Spurensuche in Pakistan, Afghanistan und mithilfe des Videos, das der junge Mann aufgenommen hat:

In Deutschland kommt die Vermutung auf, der Zug-Attentäter von Würzburg könne Pakistaner sein. Wieso?

Unter Berufung auf Sicherheitskreise hatten Medien berichtet, dass es Zweifel an der Herkunft des 17-jährigen Flüchtlings gebe. Man habe zum Beispiel ein pakistanisches Dokument in seinem Zimmer gefunden. Demnach könnte der junge Mann sich als Afghane ausgegeben haben, um in Deutschland leichter Asyl zu bekommen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass der Attentäter Pakistaner war und sich nur als Afghane ausgegeben hat?

Das passiere durchaus, heißt es aus dem pakistanischen Innenministerium. Jährlich verließen rund 500.000 Pakistaner ihre Heimat, um in einem anderen Land in besseres Leben zu finden. Viele würden sich mit Hilfe von Menschenschmugglern auch nach Europa durchschlagen. Allerdings werden Pakistaner dort grundsätzlich als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen und schnell wieder zurückgeschickt (rund 90.000 Pakistaner allein im Jahr 2014). Weil in Afghanistan wieder Krieg herrscht und Flüchtlinge von dort ein höheres Schutzbedürfnis haben, werden afghanische Asylanträge öfter befürwortet. Es ist für Pakistaner leicht, sich als Afghanen auszugeben, weil in den Nachbarländern teilweise die gleichen Sprachen gesprochen werden.

Gibt es auch Gegenargumente zu der Pakistan-Theorie?

Viele Afghanen besitzen pakistanische Dokumente, zum Beispiel weil sie eine Weile in Pakistan gelebt haben. Der junge Attentäter könnte sich dort als Flüchtling aufgehalten haben. Viele Millionen Afghanen sind in den vergangenen Jahrzehnten vor Krieg nach Pakistan geflohen.

Derzeit leben immer noch rund 1,5 Millionen registrierte und geschätzt eine Million unregistrierte Afghanen dort. Im Frühjahr stammten bis zu 20 Prozent der afghanischen Flüchtlinge in Europa aus den Flüchtlingslagern im Iran oder in Pakistan.

Was lässt sich aus dem Video des Axt-Attentäters über seine Identität sagen?

Der Attentäter spricht eine der beiden Haupt-Landessprachen Afghanistans, Paschtu. Diese Sprache wird auch in Pakistan gesprochen, vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan. Sprache und Vokabular des Videos scheinen aber eher auf eine afghanische Herkunft zu deuten. Die Indizien: Der Akzent klingt ostafghanisch, als stamme der junge Mann zum Beispiel aus Laghman oder Nangarhar; letzteres grenzt an Pakistan. Außerdem ist sein Paschtu recht rein.

Viele pakistanische Paschtunen mischen Urdu-Vokabeln (Urdu ist die Landessprache Pakistans) und englische Worte in ihre Sprache.

Afghanische Paschtunen mischen bisher kaum mit anderen Sprachen.

In dem zwei Minuten und 20 Sekunden dauernden Video sind die einzigen Nicht-Paschtu-Worte „airport“ und „target“ und „Fawj“ für Armee in Urdu. Einige arabische Vokabeln werden tagtäglich auch in afghanischem Paschtu verwendet.

Welche Reaktionen gibt es in Pakistan und Afghanistan?

Aus dem pakistanischen Außenministerium heißt es am Mittwoch, man sei sich bewusst, dass es Fragen zur Identität des Mannes gebe. Man habe aber noch keine offizielle Bitte um Ermittlungen erhalten. In Afghanistan heißt es auf vielen Webseiten und in Medien, der Akzent des Mannes sei pakistanisch. Für das Land ist das nicht untypisch: Es gibt eine Tendenz, Pakistan für Probleme verantwortlich zu machen.

Unterdessen hat sich Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (CDU) erstmals zu dem Vorfall geäußert. Er sagte während einer Pressekonferenz, dass es sich bei dem Attentäter um einen Einzeltäter handele, der sich durch die Propaganda der Terrormiliz Islamischer Staat „angestachelt“ gefühlt habe. Das Bekennervideo enthalte keine Hinweise auf eine Anordnung des IS, sagte de Maizière am Mittwoch in Berlin. „Es ist vielleicht auch ein Fall der im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror liegt“, sagte de Maizière. Er sprach von einem „brutalen Akt wahlloser Gewalt“. Nicht bei allen Opfern stehe fest, ob sie überleben würden.

„Die Hintergründe der Tat müssen weiterhin aufgeklärt werden“, sagte der Minister. Er sprach sich für mehr Videoüberwachung, mehr Polizei, und besseren Schutz der Polizeibeamten aus. Er betonte, der Staat tue alles, um Anschläge zu verhindern. „Aber eine Garantie gibt es aber trotzdem leider nicht.“

Wann sich der junge Mann radikalisierte und inwieweit er tatsächlich mit dem IS vernetzt war, ist bislang unklar. Den Sicherheitsbehörden war er nie aufgefallen. Das Bekennervideo war am Dienstag vom IS-Sprachrohr Amak im Internet veröffentlicht worden. „Im Namen Gottes, ich bin ein Soldat des IS und beginne eine heilige Operation in Deutschland“, bekennt der junge Mann darin.

Die Klärung der Identität des Attentäters stützt sich nach Angaben des Innenministeriums auf Gesichtsvergleiche des Bundeskriminalamtes (BKA). Außerdem hätten Zeugen auf dem Video klar erkannt, dass dieses in Würzburg aufgenommen wurde, sagte der Sprecher des Innenministeriums.

zur Startseite

von
erstellt am 20.Jul.2016 | 11:19 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen