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Politik

10. Dezember 2016 | 21:31 Uhr

Kanzlerin bei „Anne Will“ : Angela Merkel: „Nicht leichtgemacht nochmal anzutreten“

vom

Bei „Anne Will“ spricht Angela Merkel über ihre Entscheidung nochmal als Kanzlerin zu kandidieren.

Berlin | Da ist sie also. Erst erklärte Angela Merkel ihre Bereitschaft im Präsidium der CDU, dann der Presse, am Sonntagabend im Fernsehen, bei Anne Will. Sie will wieder Parteivorsitzende werden und Kanzlerin. Was treibt sie dazu? Im ARD-Talk gibt sie Einblicke: „Ich bin genauso das Volk, wie andere das Volk sind.“

Am Sonntagnachmittag verkündete Kanzlerin Angela Merkel, dass sie bei der Bundestagswahl 2017 für eine vierte Amtszeit kandidiert. Am Abend gab sie der Fernsehmoderatorin Anne Will ein ausführliches Interview dazu.

Sie habe es sich nicht leicht gemacht, sagt Merkel, und täglich überlegt, ob sie noch einmal antreten solle. Die Frage sei gewesen, was könne sie dem Land geben, und was bedeute das auch für sie persönlich. Für alternativlos halte sie sich nicht, so wie keinen anderen Menschen – auch wenn „fast berührend“ viele Menschen sie angesprochen hätten mit der Bitte, es noch einmal zu machen.

Sie hat sich nicht einmal umgezogen. Im roten Blazer ist sie unterwegs an diesem Tag der großen Bekanntgabe, bis zum abendlichen Auftritt vor der Kamera. Es ist der „richtige Zeitpunkt“, auf den sie so oft verwiesen hatte in der Vergangenheit. Und in der Tat, in der Defensive ist jetzt die SPD. Zwar verlor die Union zuletzt reihenweise Wahlen und Mandate. Fünf Landtagswahlen, fünf Schlappen, oft mit äußerst mageren Prozentwerten, teilweise hinter der AfD. Aber: Vor elf Jahren, als Merkel erstmals antrat, erreichten CDU/CSU 35 Prozent, die SPD 34. Heute sieht es in Umfragen so aus: Union 34, SPD 22. So schlecht ist die Bilanz der Kanzlerin unter diesem Gesichtspunkt nicht. Nun müssen die Sozialdemokraten sich stellen.

Trotzdem erfährt die Kanzlerin viel Gegenwind. Anne Will führt diejenigen an, die „Merkel muss weg“ auf der Straße rufen, nennt aber auch innerparteiliche Gegner. Auf die interne Kritik geht Merkel nicht ein, spricht stattdessen von Anfechtungen von links und rechts. „Ich bin in mir sicher, dass ich die Entscheidungen gewissenhaft, nach bestem Wissen und Gewissen gefällt habe“, wiederholt sie ihre bekannte Verteidigungslinie mit Blick auf ihre Flüchtlingspolitik.

Was ist mit den „Modernisierungsverlierern“?

Anne Will spricht Merkel auf das Wort „Modernisierungsverlierer“ an, das sich im Entwurf eines Leitantrags für den CDU-Bundesparteitag findet – oder fand, denn die Kanzlerin erwidert, dass sich das Wort nach langer Diskussion nicht mehr in dem Text finden werde. Gleichwohl gebe es Menschen, die abgehängt seien. „Wir haben immer Menschen gehabt, die unsere Unterstützung brauchten, aber es hat sich verändert“, sagt Merkel. Was sie genau tun will, sagt sie nicht.

Ob die Union konservativer werden müsse, fragt Will, um AfD-Wähler wieder einzufangen. „Nein, ich suche die Lösung dort, wo die CDU schon immer verankert war“, sagt Merkel. Gleichwohl müsse sie sich ändern, „weil sich ja auch die Welt immer ändert“. Und: „Meine Politik passe ich der Wirklichkeit an.“ Digitalisierung, Medienverhalten, Arbeitswelt, alles verändere sich rasch. „Wir sind dabei aber gut beraten mit der Politik von Maß und Mitte“, sagt Merkel. Festhalten werde sie aber an ihren Konstanten.

Anne Will arbeitet mit einem drängenden Timbre in der Stimme. Hart sind ihre Fragen dennoch nicht. Sie hätte erwartet, dass Merkel mit ihrem erneuten Antritt eine programmatische Botschaft verbinde, wirft sie ein. Die Kanzlerin spricht, das fällt auf, ein zweites Mal die Frage des Wohneigentums in Städten an, das sich junge Menschen nicht mehr leisten könnten. Neben Sachfragen gehe es aber – es folgt ein typischer Merkel-Satz – „auch um die Frage, ob Politik es hinbekommt, das, was wir Zusammenhalt unserer Gesellschaft nennen, Stadt und Land, Alt und Jung, diejenigen, die schon lange hier sind, und die, die dazu gekommen sind, die Fragen der Religionsfreiheit (...) – all diese Menschen zusammenzubringen.“

Eine konkrete Vision entsteht nicht, Anne Will fragt allerdings auch nicht nach, sondern will nun wissen, wann sich Merkel genau entschieden habe – und ob die US-Wahl eine Rolle gespielt habe. Die CDU-Chefin lässt durchblicken, dass sie sich täglich die Lage angeschaut habe – an einem einzelnen Ereignis will sie ihre Entscheidung aber nicht festmachen lassen, nennt auch Brexit und die Frage ihrer eigenen Kraft. Sie sagt auch: „Ich habe mich mehr mit der Zukunft befasst: Was werden das für nächste vier Jahre sein“ – auch, ob sie noch geistig rege genug sei.

Nun wird Anne Will doch etwas kiebig: Wenn man das Elitenthema sehe, das in den USA wahlentscheidend gewesen sei, müsse Merkel sich doch fragen, ob sie Teil der Lösung und nicht vielmehr Teil des Problems sei. Merkel reagiert durchaus frostig: Wer denn eigentlich definiere, dass die, die auf der Straße protestieren, das Volk seien und die anderen nicht. „Ich bin genauso das Volk, wie andere das Volk sind.“

Hat Merkel ihre Entscheidung frei getroffen?

Die Moderatorin fasst nach. Merkel habe aussteigen wollen, bevor sie ein Wrack sei, habe sie einmal gesagt – jetzt setzt die Kanzlerin auf Charme und kokettiert, nach einem Blick in den Spiegel habe sie befunden: „Ich finde, dass ich das noch nicht bin.“ Kraft und Gesundheit seien da, um trotz schwieriger Aufgaben und Differenzen noch etwas beitragen zu können, um Deutschland und Europa zu stärken.

Wieder will Will wissen, ob sie nicht besser hätte gehen sollen: Merkel sei der Lieblingsfeind der AfD – ob Merkel dem Land nicht diene, wenn sie weiche? Die Kanzlerin widerspricht, wenngleich mit begrenzter Überzeugungskraft: Sie wolle mit sachlicher Arbeit an Lösungen arbeiten, zum Beispiel dem Schutz der europäischen Außengrenzen.

Sei die Entscheidung wirklich frei gewesen, will die ARD-Journalistin abschließend wissen? Merkel, die doch so erfahren ist, wirkt bei dieser letzten Frage ratlos. „In der Politik ist man immer in der Situation, dass man abwägen muss“, weicht sie nichtssagend aus. Sie habe wieder antreten wollen, das sei das richtige Wort, aber dass sie es nicht hätte müssen – das vermeidet die Kanzerlin wortreich zu sagen. Sie zögert. Weicht aus. Druckst rum. Alle Fragen seien eingeflossen, immer habe sie sich auch fragen müssen, welche Erwartungen bestanden. Deutlicher wird mit jeder Sekunde: Sie will krampfhaft nicht sagen, dass sie sich für unverzichtbar hält.

Einigermaßen entbehrlich geriet der anschließende Gruppen-Talk, der ohne die Kanzlerin stattfand. Polit-Rentner Klaus Wowereit (SPD) meinte, Merkel sei schlagbar – mithilfe der Linkspartei sei sie es auch bereits in der Vergangenheit gewesen. Ein wenig überzeugender, aber umso sendungsbewussterer Psychotherapeut aus Halle an der Saale nennt die Kanzlerin narzistisch, weil sie so viele Ich-Botschaften sende. Das nervte sogar Wowereit, der erst noch meinte, ob Merkel antrete oder nicht, sei ihm als Sozialdemokrat zunächst einmal herzlich egal.

Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Landeschefin und Ministerpräsidentin im Saarland, verteidigte ihre Vorsitzende selbstredend. Zeit-Journalist Giovanni di Lorenzo warnte vor einfachen Lösungen und einer Arroganz der Eliten – und fragte klug, in welchem Schockzustand heute wohl diskutiert würde, wenn Merkel nicht mehr angetreten wäre. Die Welt sei an einem Scheideweg und Merkels Arbeit ungeheuer wichtig, hoffte di Lorenzo für einen Journalisten unverblümt parteiisch auf eine vierte Kanzlerschaft, bevor altbekannte Positionen über die Zweischneidigkeit von Politischer Korrektheit ausgetauscht wurden. Wirklich nötig war dieser Talk nicht.

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erstellt am 21.Nov.2016 | 07:45 Uhr

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