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Politik

04. Dezember 2016 | 21:26 Uhr

Präsidentenwahl 2016 in den USA : Alle gegen einen? Die Medien und Donald Trump

vom

Laut Trump wollen die Medien ihn zerstören. Solche Vorwürfe sind im Wahlkampf normal - aber Trump bringt es auf ein neues Extrem.

Wohl noch nie zuvor haben die Telefone bei der Zeitung „Arizona Republic“ so häufig geklingelt. Ungefähr alle zehn Minuten eine Abbestellung. Wüste Beschimpfungen, Drohungen. „Wir werden euch niederbrennen.“ „Du bist tot.“ „Man sollte euch vor ein Erschießungskommando stellen.“ Mi-Ai Parrish, die Herausgeberin der Zeitung im US-Staat Arizona, hatte einiges erwartet. Aber nicht das: „Da läuft es einem kalt den Rücken herunter.“

Traditionell wird der Wahlkampf in den USA um das Amt des Präsidenten zwischen zwei Kandidaten ausgefochten. Die Person wird derart in den Vordergrund gerückt, dass es mitunter nicht mehr nur um Sachthemen geht, sondern auch persönliche Anfeindungen keine Seltenheit sind.  Vor dem Wahlen 2016 hat die Medienschlacht bislang unbekannte Ausmaß angenommen.

Was das Blatt erfahren hat, ist der extreme Auswuchs einer Polarisierung, die Donald Trump in den vergangenen Wochen auf die Spitze getrieben hat. Die Medien als Lügner, Betrüger, Wahlmanipulatoren, Verschwörer in einem Bett mit Hillary Clinton - das ist für den Republikaner so etwas wie ein Wahlkampf-Mantra geworden, vor allem, seit vulgäre Äußerungen über Frauen und Belästigungsvorwürfe gegen ihn seine Umfrageergebnisse nach unten gedrückt haben.

Ende September hat sich die „Arizona Republic“ für die Wahl Clintons zur Präsidentin ausgesprochen. Es ist das erste Mal seit ihrer Gründung im Jahr 1890, dass sie einen demokratischen Bewerber unterstützt. Auch die texanischen Medien „Dallas Morning News“ und „Houston Chronicle“ wurden fahnenflüchtig, der „Cincinnati Enquirer“ und die „San Diego Union-Tribune“ - um nur besonders augenfällige Beispiele zu nennen.

Das Magazin „The Atlantic“ etwa hat zuvor nur zwei Mal Empfehlungen abgegeben, eine davon 1860 für Abraham Lincoln. Jetzt beschreibt es Trump als „Demagogen, Xenophoben, Sexisten, Lügner, einen, der von nichts etwas versteht“. Die Leser werden aufgerufen, „zur Verteidigung der amerikanischen Demokratie“ seine Opponentin zu wählen.

Mehr als 150 Zeitungen haben sich mittlerweile hinter Hillary Clinton gestellt, weitere andere sich zumindest gegen Trump ausgesprochen. Nicht alle Empfehlungen zugunsten von Clinton klingen glühend, manche sind viel stärker in ihrer Verurteilung von Trump als in ihrem Lob für seine Rivalin. Für den Republikaner erwärmen kann sich kaum eine Zeitung. Trump und seine Anhänger bestärkt das in ihrer Sicht, dass ihm die Medien „die Wahl stehlen“ wollen. Und darin, dass mindestens „80 Prozent der Reporter schlimme Widerlinge“ seien.

Vor allem auf die „New York Times“, die neben der „Washington Post“ mehrere Enthüllungsgeschichten über Trump veröffentlicht hat, und auf den Sender CNN ist der Republikaner schlecht zu sprechen: Sie seien „verlogene Loser“ (Verlierer).

Republikaner haben sich seit oft beklagt, dass die Medien im Land gegen sie voreingenommen seien. Nach einer jüngsten Umfrage sieht eine Mehrheit der Amerikaner - nicht nur Konservative - eine Benachteiligung von Trump. Tim Groseclose, Politikwissenschaftler an der George Mason University, meint, dass die Medien Wahlen in der Regel acht bis zehn Prozentpunkte in Richtung Demokraten bewegten.

Aber sogar die konservative Nachrichten- und Meinungswebseite „Daily Wire“ glaubt nicht, dass die Medien Schuld seien, wenn Trump verlieren sollte. Es treffe gewiss zu, dass sie „Trump hassen und wollen, dass Hillary gewinnt“. Aber sie seien zugleich der Grund, „weshalb Trump überhaupt noch im Rennen ist.“ Weil viele Republikaner nichts glaubten, was die Medien sagten, „kann Trump sagen, dass die Medien lügen, auch wenn sie nicht lügen“.

Tatsache ist, dass Trump jetzt die Hand beißt, die ihn einst fütterte. Ohne die Aufmerksamkeit, die ihm die Medien im Vorwahlkampf widmeten, wäre er wahrscheinlich nie Spitzenkandidat geworden, meinen viele Analysten. Die „New York Times“ rechnete im März vor, dass die Medien Trump freie Werbung im Wert von zwei Milliarden Dollar beschert hätten - so sehr riss man sich um ihn, um jedes knackige Zitat.

So hat es vielleicht auch etwas mit Schuldbewusstsein zu tun, dass meisten Medien schließlich auffallend scharf anzogen - als klar wurde, dass dieser Mann keine Episode sein könnte. Noch in keinem Wahlkampf hat es so viel Fact-Checking gegeben wie jetzt, also das Überprüfen von Behauptungen der Präsidentschaftskandidaten.

Lucia Graves, Kommentatorin für den „Guardian“, nennt Trump eine einzigartige Herausforderung für die Medien. „Sein Wahlkampf ist in der Tat etwas, an dem journalistische Objektivität ihre Grenzen erreicht, aber nicht, weil wir es gezielt auf ihn abgesehen haben. Es liegt schlicht keine Fairness darin, beide Seiten einer Geschichte zu präsentieren, wenn eine konstant Schund ist oder eine brennende Müllhalde.“ Doch ob die Medien gegenüber Trump voreingenommen sind oder nicht, spielt diesmal für den Ausgang der Wahl am Ende womöglich gar keine Rolle.

Hinzu kommt, dass im Wahlkampf digitale Wahlkampfhelfer eingesetzt werden - so genannte Social Bots. Wie US-Forscher herausfanden, erhielten Donald Trump und Hillary Clinton auf Facebook und Twitter zuletzt große Unterstützung durch versteckte Programme, die versuchten, in sozialen Netzwerken auf die öffentliche Meinung massiv Einfluss zu nehmen.

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erstellt am 28.Okt.2016 | 11:06 Uhr

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