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Kommentar : AfD-Wahlprogramm: Um Dialoge zu führen, muss man nicht poltern

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Den Klimawandel gibt’s nicht, die Jugend verroht – und die Rechtspopulisten empören sich. Ein Kommentar.

Mal im Ernst, wie lange kann man seinen Puls eigentlich auf 180 halten? Die AfD zeichnet in ihrem Wahlprogramm erneut ein Deutschland knapp vor der unmittelbaren Vollkatastrophe – und bietet auf alles eine vermeintlich richtige Antwort. Jugendliche bereiten Sorgen? Na, dann setzen wir doch die Strafmündigkeit auf zwölf Jahre herab. Die Angst vor Kriminalität steigt? Dann können wir doch „eine Videoüberwachung mit Gesichtserkennungssoftware einsetzen“. Auch diese Sache mit dem angeblichen Klimawandel... Fake News! „Deutschland soll aus allen staatlichen und privaten ,Klimaschutz’-Organisationen austreten und ihnen jede Unterstützung entziehen“, fordert die AfD.

Und überhaupt: Die ewig nörgeligen Genderstarbefürworter*Innen versuchen, jeden zotigen Chauvi-Witz im Keime zu ersticken? Dann stellen wir doch glatt mal Gleichstellungsbeauftragte infrage und erklären den Equal Pay Day zu einer Propagandaaktion. Am allerschlimmsten jedoch: der Islam. Allein wie frauenfeindlich der ist! Passt nicht in die „Leitkultur“ der AfD.

Jaja, AfD. Deine Leitkultur kennen wir inzwischen aus den Aussagen von Björn Höcke. Um den Puls wieder etwas zu senken: Auch im AfD-Wahlprogramm stehen Vorschläge, die einer Diskussion würdig sind – die Frage zum Beispiel, warum eine Reihe von Menschen Angst vor der Zukunft hat, sei es aus finanziellen oder anderen Gründen. Auch eine kritische und sachliche Auseinandersetzung mit verfassungsfeindlichen Islam-Vereinen gehört dazu. Und nein: Wer einen offenen Diskurs mit Muslimen befürwortet, ist nicht dafür, sofort die Scharia einzuführen.

Diese Debatten werden fruchtbarer ablaufen, wenn sie ohne Populismus auskommen – denn die Spirale aus maximaler Provokation, Aufmerksamkeit und anschließendem Zurückrudern bringt keine Lösung, sondern nur sinnentleerte Empörung. Um Dialoge zu führen, muss man nicht poltern. Und im Handeln sollte man die Errungenschaften der Religionsfreiheit und des Klimaschutzes nicht über Bord kippen. Oder um es mit AfD-Worten auszudrücken: „Wir wollen unseren Nachkommen ein Land hinterlassen, das noch als unser Deutschland erkennbar ist.“

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erstellt am 10.Mär.2017 | 07:12 Uhr

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