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Politik

05. Dezember 2016 | 19:41 Uhr

Krieg in Syrien : Ärzte: Luftangriff auf nordsyrische Stadt Aleppo trifft Klinik

vom

Die Lage für Zivilisten in Aleppos Rebellengebieten wird immer dramatischer. Erneut fallen Bomben auf eine Klinik. Kinder müssen dem Tod überlassen werden, weil es an medizinischer Versorgung fehlt.

Aleppo | Bei Luftangriffen im Norden Syriens ist nach Angaben von Aktivisten und Ärzten eines der letzten Krankenhäuser in den Rebellengebieten der umkämpften Großstadt Aleppo bombardiert worden. Die Klinik im Nordosten der Stadt sei von mindestens zwei Fassbomben getroffen worden, erklärte ein Mediziner am Samstag.

Aktivisten berichteten von weiteren Angriffen. Die Rettungshelfer der Weißhelme meldeten, das Krankenhaus sei nun völlig außer Betrieb.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, bei den Angriffen auf das Viertel der Klinik sei ein Zivilist getötet worden. Mehrere Menschen wurden demnach verletzt.

Hintergrund: Die belagerte Stadt Aleppo

Als größte Stadt des Landes besitzt Aleppo im syrischen Bürgerkrieg einen hohen strategischen und symbolischen Wert. Einst lebten hier mehr als zwei Millionen Menschen. Die Altstadt mit ihrer Zitadelle gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Nach jahrelangem Krieg ist nicht nur dieses Bauwerk stark zerstört. Aleppo gilt als die am heftigsten umkämpfte Stadt in Syrien. Während das Regime den Ostteil der Stadt beherrscht, kontrollieren Rebellen den Westen.

Im Juli hatten Regimeeinheiten mit russischer Luftunterstützung die letzte Versorgungsroute in die Stadt gekappt und bis zu 300 000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Eine vollständige Eroberung Aleppos könnte zu einem Wendepunkt in dem verheerenden Bürgerkrieg werden.

 

Der Hilfsorganisation Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft (Sams) zufolge handelt es sich bei der getroffenen Einrichtung um die größte von acht Kliniken in Aleppos Rebellengebieten. Das Gebäude mit dem Codenamen M10 und ein anderes Krankenhaus im von Regimegegnern beherrschten Osten der Stadt waren bereits am Mittwoch getroffen worden. Danach musste der Betrieb größtenteils eingestellt werden.

Aleppo hatte in den vergangenen Tagen die heftigsten Bombardierungen der syrischen und russischen Luftwaffe seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 erlebt. Die Armee startete zugleich eine Offensive. Kritiker werfen Syrien und Russland vor, absichtlich Krankenhäuser ins Visier zu nehmen. Beide Länder weisen den Vorwurf zurück und erklärten, sei kämpften in Syrien gegen Terroristen.

Seit vergangenem Sonntag starben in Aleppo fast 340 Menschen, darunter 106 Kinder, wie das UN-Nothilfebüro OCHA mitteilte. Die strategisch und symbolisch wichtige Großstadt gehört zu den umkämpftesten Gebieten im syrischen Bürgerkrieg. Regimekräfte kontrollieren den Westen Aleppos, Rebellen den Osten.

Dort sind bis zu 300.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Es mangelt in den Rebellengebieten akut an Nahrung, Wasser und medizinische Material. Nach einem Angriff auf ein Wasserkraftwerk ist die Wasserversorgung größtenteils zusammengebrochen.

OCHA zufolge sind im Osten Aleppos nur noch fünf Kliniken in Betrieb. Kinder mit geringen Überlebenschancen würden dem Tod überlassen, weil es an medizinischer Versorgung fehle, erklärte die Hilfsorganisation.

Eine Chronologie des Syrien-Kriegs:

Fünf Jahre Bürgerkrieg in Syrien - die Etappen

März 2011: Eine Demonstration in der Hauptstadt Damaskus setzt eine Protestwelle gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad in Gang. Die Regierung reagiert mit Waffengewalt.

August 2013: Mehr als 1400 Menschen sterben durch Chemiewaffen. Der UN-Sicherheitsrat fordert Damaskus zur Vernichtung der Waffen auf. Syrien beginnt danach mit der Zerstörung seiner Produktionsstätten.

September 2014: Die USA und Verbündete bombardieren erstmals Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordostsyrien.

Januar 2015: Nach monatelangen Gefechten mit der Terrormiliz haben kurdische Kämpfer die nordsyrische Stadt Kobane befreit. Es folgen weitere Niederlagen des IS gegen Kurden im Nordosten Syriens.

September 2015: Assads Verbündeter Russland beginnt Luftangriffe in Syrien: nach russischen Angaben auf IS-Stellungen, nach westlicher Darstellung auf gemäßigte Rebellengruppen.

November 2015: In Wien einigen sich die Teilnehmer einer Syrien-Konferenz, darunter der Iran und Russland, auf einen Friedensfahrplan, der eine Übergangsregierung vorsieht.

Ebenfalls November 2015: Nach den Anschlägen in Paris bombardiert Frankreich IS-Stellungen in Syrien. Deutschland schickt zur Unterstützung unter anderem Aufklärungs-Tornados. Rund 60 Staaten haben sich zu einem Bündnis gegen den IS zusammengeschlossen.

Januar 2016: In Genf beginnen Friedensgespräche. Sie werden nach der dritten Runde im April auf Eis gelegt.

Februar 2016: Die USA, Russland und wichtige Regionalmächte handeln in München eine Waffenruhe für Syrien aus, die jedoch vor allem in der nordsyrischen Großstadt Aleppo immer wieder gebrochen wird.

März 2016: Russlands Präsident Wladimir Putin befiehlt einen Teilabzug der russischen Soldaten aus Syrien. Syrische Regimetruppen erobern die historische Oasenstadt Palmyra vom IS zurück.

Juli 2016: Regierungstruppen kappen die letzte Versorgungsroute in die von Rebellen gehaltenen Stadtviertel von Aleppo und schneiden bis zu 300.000 Menschen von der Außenwelt ab. Rebellen durchbrechen drei Wochen später die Belagerung. Die humanitäre Situation in der umkämpften Stadt wird immer dramatischer.

August 2016: Kurdisch geführte Truppen erobern nach wochenlangen Kämpfen gegen den IS die Stadt Manbidsch im Norden Syriens. Zusammen mit Rebellen vertreibt die türkische Armee den IS aus dem Grenzort Dscharablus und greift auch ein von der Kurdenmiliz YPG angeführtes Bündnis an. Nach vier Jahren Belagerung übernimmt die syrische Armee die einstige Rebellenhochburg Daraja am Rande von Damaskus.

9./10. September 2016: Die USA und Russland einigen sich erneut auf einen Plan zur Durchsetzung der Waffenruhe sowie für eine politische Lösung des Konflikts. Zudem wollen sie in Syrien militärisch gegen die als Terroristen eingestuften Islamistengruppen kooperieren.

12. September: Mit dem Sonnenuntergang in Syrien tritt die Waffenruhe offiziell in Kraft.

16. September: Regierungstruppen und islamistische Rebellen liefern sich im Osten der Hauptstadt Damaskus trotzdem heftige Kämpfe.

17. September: Es wird bekannt, dass bei einem US-Luftangriff Dutzende syrische Soldaten gestorben sind. Lastwagen mit Hilfslieferungen der UN sitzen an der türkischen Grenze fest.

19. September: Syriens Armee erklärt die Waffenruhe für beendet. Südwestlich von Aleppo wird nach UN-Angaben ein Hilfskonvoi von Bomben getroffen, zwölf Menschen kommen ums Leben.

 

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erstellt am 01.Okt.2016 | 18:21 Uhr

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