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Politik

04. Dezember 2016 | 23:27 Uhr

Polen : Abgeordnete stimmen für radikales Abtreibungsverbot - „Schwarzer Protest“

vom

Wird das Gesetz verschärft, droht Frauen gar eine Haftstrafe - auch, wenn sie vergewaltigt wurden.

Warschau | Die Gesetze für Abtreibung in Polen sind schon sehr streng - und könnten künftig noch weiter verschärft werden: Das polnische Parlament hat einen umstrittenen Gesetzesentwurf für ein Abtreibungsverbot in erster Lesung angenommen. Das Projekt der Bürgerinitiative „Stop Aborcji“ („Stoppt Abtreibungen“) wurde zur Überarbeitung in den Ausschuss weitergeleitet. Dafür stimmten im Warschauer Sejm 267 Abgeordnete, 154 waren dagegen, 11 enthielten sich. Das Gesetz sieht ein komplettes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen sowie Haftstrafen für Ärzte und Frauen vor. Die drohende Rechtsverschärfung führte in Polen zu Protesten. Frauen würden entmündigt, kritisieren Gegner.

Für ärmere und in ländlichen Regionen lebende Polinnen würde ein Abtreibungsverbot das Gesundheitsrisiko erhöhen. „Wenn diese armen Frauen keinen anderen Ausweg sehen, werden sie auf Hausmittel zurückgreifen“, sagt Krystyna Kacpura, Direktorin des Warschauer Bündnisses für Frauenrechte und Familienplanung.

Den Gesetzentwurf der Gegenbewegung „Ratujmy Kobiety“ („Lasst uns die Frauen retten“) lehnten die Abgeordneten ab. Die Initiative wollte das derzeit geltende Recht liberalisieren, das als eines der strengsten Europas gilt. Polinnen können nur abtreiben, wenn sie vergewaltigt wurden, das Leben der Mutter in Gefahr ist oder das Kind eine schwere Behinderung hat.

Kommt das Gesetz durch, ist auch das nicht mehr erlaubt. Doch es gibt heftige Proteste. „Wenn sie nicht auf uns hören wollen, dann sollen sie uns sehen“, sagen Mitglieder der Linkspartei Razem, die in sozialen Medien zum „schwarzen Protest“ („Czarny Protest“) aufgerufen haben. Weltweit schlossen sich Zehntausende Frauen und Männer an und posteten bei Facebook und Co. Fotos ihrer dunklen Montur. „Ich kann nicht glauben, dass wir darum kämpfen, über unsere eigenen Körper entscheiden zu dürfen“, twittert eine Frau zum Gesetzentwurf der Bürgerinitiative.

Regierungsangaben zufolge werden in Polen jährlich bis zu 1000 Schwangerschaften abgetrieben. Die Dunkelziffer liegt Frauenrechtlern zufolge sogar bei etwa 150.000. Ein Verbot werde daran nichts ändern. „Schon jetzt lassen viele Polinnen Abtreibungen lieber im Ausland vornehmen“, sagt Kacpura. Als Beispiele nennt sie Deutschland, Tschechien oder Holland - Länder in denen der Eingriff nicht verboten ist. „Dort fühlen die Frauen sich besser aufgehoben“, sagt die Frauenrechtlerin. „Und es ist günstiger.“ Daraus hat sich inzwischen ein ganzer Geschäftszweig entwickelt. „Viele Kliniken bieten einen Service auf Polnisch an“, sagt Kacpura. Doch diesen können sich nicht alle leisten.

Dabei ist es gerade das Wohl der Frauen, um das sich die Verbotsbefürworter ihrer Kampagne nach sorgen. „Schwangerschaftsabbrüche sind für Frauen eine Hölle“, sagt Karolina Pawlowska von der Initiative für das Abtreibungsverbot. „Schmerzlich wirken sie auf die Psyche und können auch physische Folgen für die Frau haben“, sagt die Unterstützerin der Initiative, die mit Fotos toter Embryos gegen Abtreibungen wirbt.

Frauenrechtler sehen darin eine Manipulation der Emotionen. „Es geht weder um das Wohl der Frauen noch um eine Reduzierung der Abtreibungen“, sagt Kacpura. Vielmehr sollten Traditionen und das klassische Familienmodell gestärkt werden. „Es geht um Macht und darum, unser Privatleben, das, was uns am Wichtigsten ist, zu kontrollieren.“ Dabei gehen die Abtreibungsgegner auch der Kirche zu weit. Nach anfänglicher Unterstützung rückte das Episkopat vom Totalverbot ab und distanzierte sich klar von Haftstrafen für Frauen.

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erstellt am 24.Sep.2016 | 16:50 Uhr

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