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Panorama

03. Dezember 2016 | 14:49 Uhr

Karte und Chronologie : Wie passt der Mord an Peggy zu den Verbrechen des NSU?

vom

Der Mord an Peggy passierte während der NSU-Mordserie. Das Trio hielt sich nicht weit weg vom Fundort der Leiche auf.

Bayreuth | Der Mord an Peggy könnte zu den Verbrechen des Nationalistischen Untergrunds (NSU) zählen. Darauf deuten neue DNA-Spuren des Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt hin, die an einem Gegenstand, wohl einem Stofffetzen, am Fundort der Leiche von Peggy entdeckt wurden. Wie sie dorthin gelangten, ist unklar. Sowohl zeitlich, als auch räumlich passen der Mord an Peggy und die NSU-Verbrechen zusammen.

Am 7. Mai 2001 verschwand Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule. Erst mehr als 15 Jahre später wurden Knochenteile gefunden, die „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen. Ein Pilzsammler hatte die Überbleibsel eines Skeletts im Juli in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla entdeckt.

Uwe Böhnhardt könnte etwas mit dem Mord an Peggy zu tun haben.  /Archiv
Uwe Böhnhardt könnte etwas mit dem Mord an Peggy zu tun haben.  /Archiv Foto: Bundeskriminalamt
 

15 Banküberfälle, zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge zwischen 2000 und 2007 werden dem NSU zugerechnet. Die Mordserie beginnt im Jahr 2000. Der Blumenhändler Enver Semsik in Nürnberg ist das erste Opfer der Terrorzelle, bestehend aus Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Es folgen neun weitere Morde. Das letzte Todesopfer ist die Polizistin Michèle Kiesewetter. In die Zeitreihe der Morde und Verbrechen könnte auch die Tat an Peggy passen.

Datum Morde/Verbrechen
September 2000 Die Mordserie beginnt: Mundlos und Böhnhardt erschießen den türkischen Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg.
Mai 2001 Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule.
Juni 2001 Der Türke Abdurrahim Özüdogru wird in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg erschossen. Sein Landsmann Süleyman Tasköprü stirbt in Hamburg.
August 2001 Mord an dem Gemüsehändler Habil Kilic in München.
Februar 2004 In Rostock wird der Imbiss-Verkäufer Mehmet Turgut erschossen.
Juni 2004 Eine Nagelbombe explodiert in der Kölner Keupstraße. Mehr als 20 Menschen werden verletzt, einige lebensgefährlich.
Juni 2005 Mord an dem Imbiss-Inhaber Ismail Yasar in Nürnberg. Wenige Tage später stirbt der Grieche Theodoros Boulgarides in seinem Münchener Schlüsseldienst.
April 2006 In Dortmund wird der türkischstämmige Kioskbetreiber Mehmet Kubasik erschossen. Zwei Tage später treffen tödliche Schüsse Halit Yozgat in seinem Kasseler Internet-Café.
April 2007 Die Täter erschießen in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter. Ihr Kollege wird schwer verletzt.
November 2011 Sparkassen-Überfall in Eisenach. Böhnhardt und Mundlos verstecken sich in einem Wohnmobil. Den Ermittlern zufolge erschießen sie sich, als die Polizei sie entdeckt. Zschäpe zündet die gemeinsame Wohnung in Zwickau an, kurz darauf stellt sie sich in Jena.

 

Rätselhaft an den Verbrechen ist: An keinem der 27 Tatorte wurde eine DNA-Spur der mutmaßlichen Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden. Dafür zahlreiche anonyme Spuren, die bisher nicht zugeordnet werden konnten. Auch an den Tatwaffen waren keine Spuren von Böhnhardt und Mundlos.

Ein Rätsel ist auch, wie die DNA von Böhnhardt an Peggys Fundort kommt. Die Theorie, eine DNA-Verunreinigung könnte die Ursache sein, ist mittlerweile verworfen worden. So schließt die Rechtsmedizin der Uni Jena eine zufällige Übertragung von DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt auf die sterblichen Überreste des Mädchens am eigenen Institut aus. Im Juli seien ausschließlich Skelettreste des Mädchens untersucht worden.

Die Spurensicherung am Fundort der toten Peggy in einem Waldstück in Süd-Thüringen und die Untersuchung der dort gefundenen Spuren seien nicht von der Jenaer Rechtsmedizin durchgeführt worden. „Insofern ist eine etwaige zufällige Übertragung von DNA zwischen beiden Fällen durch das Institut ausgeschlossen“, hieß es.

Die Rechtsmedizin Jena hatte nach eigenen Angaben im November 2011 die Obduktion des Leichnams von Böhnhardt vorgenommen, nicht aber die Spurensicherung am ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach und die dort gesichteten Spuren.

Die Feststellung der Rechtsmediziner spricht weder dagegen, noch dafür, dass Uwe Böhnhardt etwas mit dem Mord an Peggy zu tun hat. Der Fundort der Leiche schon. Und zwar dafür. Er liegt auf der Karte zwischen Nürnberg, wo 2001 das erste Mal vom NSU-Trio gemordet wurde, und Zwickau, wo Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe eine gemeinsame Wohnung gemietet hatten. Zudem soll das Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt und Mundlos verbrannten, laut „Bild“-Zeitung damals auf einem Lichtenberger Campingplatz, also Peggys Heimatort gesehen worden sein. Die Herkunft wurde allerdings nie ermittelt.

 

Ein weiteres Indiz dafür, dass der Mord an Peggy möglicherweise in die Chronologie der NSU-Verbrechen passt, könnte sein, dass es einen weiteren Zusammenhang zwischen toten Kindern und Vorwürfen zu Kindesmissbrauch im Komplex „Nationalsozialistischer Untergrund“ gibt.

Am 6. Juli 1993 verschwand in Jena ein neun Jahre alter Junge. Zwölf Tage später wurde seine Leiche in einem Gebüsch am Ufer der Saale gefunden. Unter Verdacht geriet ein Mann, der zwanzig Jahre später wegen seiner mutmaßlichen Rolle als Waffenbeschaffer beim NSU-Prozess in München aussagen musste, ein Schulfreund des späteren mutmaßlichen Terrormörders Böhnhardt und Mitglied derselben kriminellen Jugendgang in Jena.

Damals bezichtigte er bei der Polizei Uwe Böhnhardt, das Kind ermordet zu haben. Die Tötung des Jungen ist bis heute nicht aufgeklärt. Der Vorgang findet sich in den Akten des NSU-Prozesses.

Ein anderes Beispiel ist Tino Brandt. Er war es, der in den 1990er Jahren die harte rechtsextreme Szene in Thüringen organisierte, auch die „Kameradschaft“ von Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe. Vor zwei Jahren wurde Brandt wegen Missbrauchs von Kindern in 66 Fällen sowie Förderung der Prostitution zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Brandt war außerdem jahrelang Geheimdienst-Informant des Thüringischen Verfassungsschutzes.

Der einstige Thüringer Neonazi-Anführer Tino Brandt sagt im NSU-Prozess aus. /Archiv

Der einstige Thüringer Neonazi-Anführer Tino Brandt sagt im NSU-Prozess aus. /Archiv

Foto: dpa
 

Es gebe zudem weitere Hinweise auf missbrauchte Kinder um den NSU, sagt Rechtsanwalt Yavuz Narin, der die Familie eines der ermordeten NSU-Opfer vertritt. Einige davon fänden sich in den Prozessakten.

Darunter ein Mann, der in der Szene als Sprengstoffexperte galt und Zeuge im NSU-Prozess war. In seiner Vernehmung räumte er ein, einmal einen Job verloren zu haben, weil an seinem Arbeitsplatz von ihm gezeichnete Collagen von zerstückelten Kindern gefunden worden seien.

Und schließlich fanden sich auf einer Festplatte, die im Brandschutt der Fluchtwohnung des NSU-Trios in Zwickau gefunden wurden, Dateien mit Kinderpornografie. Das war im NSU-Prozess schon einmal Thema. Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der ebenfalls Opfer-Angehörige vertritt, will es erneut dazu machen. Er kündigte einen Beweisantrag an, um herauszufinden, „wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat - Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei“.

(mit dpa)

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erstellt am 14.Okt.2016 | 16:27 Uhr

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