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Panorama

08. Dezember 2016 | 03:15 Uhr

Tschernobyl 1986 und heute : Wie es 30 Jahre nach dem Super-Gau in der Sperrzone aussieht

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Explosion im Kernkraftwerk hatte verheerende Folgen für Tschernobyl, heute kann dort niemand mehr leben. shz.de zeigt Bilder.

Tschernobyl | Vor 30 Jahren, am 25. April 1986, kam es im ukrainischen Tschernobyl zur mutmaßlich größten Atomkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Und noch heute ragt das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl rund 75 Meter hoch in den Himmel der Ukraine. Frisch getünchte Bordsteine und das frühlingshafte Grün der Bäume und Gräser täuschen jedoch. Im Innern der Anlage lodert seit der Katastrophe ein „ewiges Höllenfeuer“: Etwa 200 Tonnen Uran, deren Radioaktivität ein Menschenleben auslöschen würde. Ein Betonmantel schützt die Umgebung vor dem Strahlengift. „Bei uns fehlte eine Sicherheitskultur“, sagt Sergej Paraschin heute.

Die Atomkatastrophe in Tschernobyl hatte auch Folgen für Westeuropa. Über den Kontinent verteilten sich radioaktive Partikel. Noch heute sind Pilze und Wildschweine auch in Deutschland belastet.

Paraschin war in der folgenschweren Nacht als Vertreter der Kommunistischen Partei im Kraftwerk und wurde später zum Direktor ernannt. Um 1.23 Uhr Ortszeit geriet damals ein Test außer Kontrolle, Reaktor vier explodierte. Der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall, trat ein. Wie die Region um Tschernobyl heute aussieht, hat ein Filmer mit einer Drohne aufgenommen.

<p>Das Kernkraftwerk nach seiner Zerstörung 1986.</p>

Das Kernkraftwerk nach seiner Zerstörung 1986.

Foto: Imago
 

Die Detonation wirbelte tagelang radioaktive Teilchen in die Luft, von der damaligen Sowjetrepublik breitete sich die abgeschwächte Wolke über Westeuropa aus. Zehntausende mussten die Region verlassen.

Mit ihrem rostenden Riesenrad wirkt die Geisterkulisse der eilig evakuierten Stadt Prypjat bei Tschernobyl heute wie ein Pompeji der atomaren Ära. 40 Prozent der Sperrzone sind aufgrund des Plutoniums mit 24.000 Jahren Halbwertzeit für immer verstrahlt. Der Rest soll in 30 bis 60 Jahren wieder besiedelbar sein. „Eine Rekultivierung ist aber wirtschaftlich nicht sinnvoll“, meint der Verwaltungsdirektor der Zone, Witali Petruk. Wie etwa der im Reaktor verbliebene lavaartige Kernbrennstoff gesichert werden kann, ist völlig unklar.

<p>Die Stadt Prypat wurde nach dem Atomunfall eilig evakuiert. Mit ihrem rostenden Riesenrad wirkt die Geisterkulisse heute wie ein Pompeji der atomaren Ära.</p>

Die Stadt Prypat wurde nach dem Atomunfall eilig evakuiert. Mit ihrem rostenden Riesenrad wirkt die Geisterkulisse heute wie ein Pompeji der atomaren Ära.

Foto: imago/ITAR-TASS
 

Doch die prowestliche Führung in Kiew hat große Pläne. Mächtige Solarkraftwerke sollten in der Sperrzone stehen, heißt es der Hauptstadt - auf 80 Quadratkilometern sei eine Stromerzeugung von 4000 Megawatt möglich. Experten schütteln den Kopf: Solche Projekte übersteigen derzeit die Kräfte des zweitgrößten Flächenstaats Europas, den eine Wirtschaftskrise sowie ein Krieg im Osten und die russische Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim auszehren.

<p>In Tschernobyl wird radioaktive Strahlung gemessen.</p>

In Tschernobyl wird radioaktive Strahlung gemessen.

Foto: Imago/ZUMA Press

Ex-Direktor Paraschin weist auf eine weitere Gefahr hin. „Bei Cäsium 137 ist gerade einmal die Halbwertszeit erreicht“, erinnert er. Allein im vergangenen Jahr seien bei Buschfeuern zwei Millionen Kubikmeter Holz verbrannt - da sei vorstellbar, wie viel Gift aufgewirbelt worden sei. Die Rückkehr seltener Tierarten wie Luchsen und Elchen in die Sperrzone führen Experten eher darauf zurück, dass dort kaum Menschen sind. Eine Idylle ist Tschernobyl nicht: Den Tieren schadet die Radioaktivität Untersuchungen zufolge erheblich.

<p>Die Radioaktivität in und um Tschernobyl schadet auch den Tieren, die dort leben. </p>

Die Radioaktivität in und um Tschernobyl schadet auch den Tieren, die dort leben.

Foto: Imago/ZUMA Press
 

Doch nicht nur die Nordukraine wurde 1986 verstrahlt. Die radioaktive Wolke traf vor allem das benachbarte Weißrussland, den Westen Russlands, dann verteilte sie sich Richtung Skandinavien und Westeuropa. Wie viele Menschen an den Folgen gestorben sind, ist umstritten. Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus.

<p>Alexandr Sirota zeigt ein Foto aus glücklichen Schulzeiten in Pripyat - vor der Katastrophe.</p>

Alexandr Sirota zeigt ein Foto aus glücklichen Schulzeiten in Pripyat - vor der Katastrophe.

Foto: Imago/ZUMA Press
 

Verwaltungschef Petruk ist jedoch insgesamt optimistisch. „In 30 Jahren hat sich die Lage hinsichtlich der radioaktiven Sicherheit verbessert“, sagt er. Petruk meint damit auch den neuen Schutzmantel, einen riesigen Stahlbogen, der derzeit im Bau ist. Die halbrunde Konstruktion soll 2017 über den Reaktor geschoben werden. Mit 100 Metern Höhe hätte die Pariser Kathedrale Notre Dame darunter Platz.

<p>Ein stählerner Sakrophag wird gebaut, um den explodierten Reaktor künftig zu verdecken.</p>

Ein stählerner Sakrophag wird gebaut, um den explodierten Reaktor künftig zu verdecken.

Foto: Imago/ZUMA Press
 

Der neue ukrainische Umweltminister Ostap Semerak unternahm vor wenigen Tagen seine erste Amtsreise zu dem Schicksalsort. Er inspizierte den Bau der neuen Hülle, die für die nächsten 100 Jahre die Ruine vor dem Eindringen von Wasser und dem Entweichen von Staub schützen soll. Etwa 40 Staaten beteiligen sich an den mehr als zwei Milliarden Euro Kosten für den dringend benötigten neuen „Sarkophag“. „Etwas mehr als 1400 Menschen arbeiten derzeit an der neue Hülle“, sagt Abteilungsleiter Pjotr Britan der Deutschen Presse-Agentur auf der gewaltigen Baustelle in Sichtweite des havarierten Reaktors. In einer spektakulären Aktion sollen am Ende etwa 29.000 Tonnen Stahl über den radioaktiv strahlenden Betonklotz gedrückt werden.

In Deutschland und anderen Staaten sorgte der Tschernobyl-Schock vor 30 Jahren für Angst und Unsicherheit. Die junge Ökobewegung erhielt Auftrieb. Als Reaktion richteten sogar konservative Regierungen Umweltministerien ein. Wegen Tschernobyl legte Italien 1987 seine AKWs still, Polen brach 1989 den Einstieg ab. Die Schweiz will ihre Reaktoren bis 2034 auslaufen lassen. Andere Länder wie die USA halten an der Kernkraft fest. Auch Japan steigt nicht aus, trotz Fukushima.

Die Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima war 2011 ähnlich katastrophal wie in Tschernobyl 25 Jahre zuvor. Die beiden Unfälle veränderten die Diskussion über die Atomkraft. Deutschland beschloss 2011 den Ausstieg.

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erstellt am 25.Apr.2016 | 16:43 Uhr

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