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Panorama

07. Dezember 2016 | 09:39 Uhr

Plakataktion in Mecklenburg-Vorpommern : Wie Eltern mit Smartphone ihrem Kind schaden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Besonders Kleinkinder brauchen Blickkontakt und die Ansprache, sonst kommt es zu Entwicklungsverzögerungen.

Kiel/Schwerin | Ein Kind im Kinderwagen lacht vergnügt in Richtung Mutter. Doch die lacht nicht zurück. Offenbar erzählt ihr am anderen Ende der „Leitung“ gerade jemand etwas Unerfreuliches. Für das Kleinkind eine Herausforderung: Es kann Mimik und Tonfall der Mutter nicht einordnen – sein Lachen erstirbt.

Immer mehr Eltern sind ständig mit dem Smartphone zugange und tauchen in die digitale Welt ab. Sie checken schon beim Frühstück ihre Mails, starren aufs Display, wenn sie den Nachwuchs aus der Kita abholen oder der Jüngste sein Bauwerk im Sandkasten präsentieren will. Das Signal, das sie versenden, ist fatal: „Das Smartphone ist wichtiger als ihr.“ Doch besonders die ganz Kleinen leiden darunter, wenn Mama und Papa ständig aufs Display schauen.

Deshalb hat Mecklenburg-Vorpommern eine Aufklärungskampagne gestartet. „Heute schon mit ihrem Kind gesprochen?“, heißt es auf Plakaten, die in Kitas und an Litfasssäulen hängen und Mütter und Väter zeigen, die mit allen kommunizieren, nur nicht mit ihren Kind am Esstisch oder im Kinderwagen.

„Kinder wollen geliebt, getröstet und unterstützt werden. Das geht nur mit direkter Kommunikation und Aufmerksamkeit. Nebenher auf dem Smartphone tippen ist dabei nicht möglich“, sind sich die Experten einig. Bemerkt die Mutter aber auf dem Spielplatz erst nach dem fünften Rufen der Tochter, dass sie beim Lesen einer Mail vergessen hat, die Schaukel anzuschubsen, und streichelt der Vater häufiger über sein Smartphone als dem Sohn über den Kopf, dann fühlen sich Kinder vernachlässigt. Mit den Plakaten will man gezielt junge Eltern ansprechen und dafür werben, Auszeiten vom Smartphone zu nehmen und den Kindern uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch Schleswig-Holsteins Sozialministerin Christin Alheit (SPD) ist überzeugt: „Keine App kann eine Eltern-Kind Liebe ersetzen. Und dafür sind der direkte Austausch und eine persönliche Ansprache eine essentielle Basis.“

Astrid Kerl-Wienecke vom Netzwerk „Frühe Hilfen“ Frankfurt, die eine ähnliche Plakataktion in der hessischen Metropole organisierte, weist Eltern darauf hin, dass Kleinkinder „überhaupt nicht einschätzen können, mit wem die Mutter spricht und warum sie dabei lacht, aufgeregt, traurig oder böse ist. Kinder denken, das hat etwas mit ihnen zu tun.“

Vieles an Kommunikation laufe von Anfang an über Blickkontakt und geteilte Aufmerksamkeit. Wenn Eltern ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt seien, vergäben sie wichtige Gelegenheiten, das aufzugreifen, was ihr Kind gerade beobachtet und seine Handlungen sprachlich zu begleiten. Es kann zu Sprachverzögerungen kommen, wenn wegen WhatsApp, Messenger, Facebook nicht nur das Spielen und Lachen, sondern auch das Sprechen zu kurz kommt.

Das Problem: Junge Frauen mit Kindern nutzen Smartphones am häufigsten. Das fand 2015 eine Untersuchung von Yahoo heraus. Demnach machen junge Mütter mit 31 Prozent den größten Teil der Smartphone-dominanten User aus, die den größten Teil ihrer digitalen Zeit auf Mobilgeräten verbringen. In Norwegen fühlen sich einer Umfrage zufolge elf Prozent der Mädchen und Jungen wegen des Internets von ihren Eltern vernachlässigt. In Schweden leidet jedes dritte Kind darunter, dass sich seine Eltern mehr mit dem Handy als mit ihm beschäftigen. Fehlende Aufmerksamkeit, so wurde dort von Wissenschaftlern festgestellt, kann Depressionen auslösen. In Deutschland ein ähnliches Bild: Einer Studie des Antivirus-Herstellers AVG zufolge sagen 54 Prozent der Acht- bis 13-Jährigen, dass Eltern zu oft auf das Smartphone schauen.

Michael Speich von der schleswig-holsteinischen Landesstelle für Suchtgefahren findet deshalb die Kampagne „persönlich sehr gut, weil sie wachrüttelt!“ Viele Menschen hätten Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen und müssten daran erinnert werden, dass die Realität durchaus ihre positiven Reize hat. „Kinder sind einfach einer der besten Gründe für ein aktives gemeinsames Leben ganz real!“, so Speich.

Allerdings dürfe man das Smartphone-Verhalten der Eltern nicht verteufeln. Schon aus beruflichen Gründen werde von jungen Müttern und Vätern erwartet, dass sie möglichst rund um die Uhr erreichbar sind. „Allen Rufen nach ,Work-life-balance’ und ,mehr Familie’ stehen ökonomische Interessen der Firmen und auch der jungen Mütter und Väter ganz schnell gegenüber.“ Niemand wisse, ob der Vater mit dem Blick aufs Display am Sandkasten nicht in dem Moment versuche, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern.

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erstellt am 07.Nov.2016 | 09:42 Uhr

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