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Panorama

03. Dezember 2016 | 05:47 Uhr

Heute bei „37-Grad“ im ZDF : Wie Analphabeten gegen ihre Lebenslüge kämpfen

vom

Das ZDF hat zwei Analphabeten über Monate begleitet. Das Ergebnis zeigt die ganze Tragik dieser Menschen.

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen beim Arzt und müssen einen Zettel mit Fragen zu Ihrer Person ausfüllen, haben aber keine Ahnung, um was es genau geht. Sie gehen in den Supermarkt, um Mehl zu kaufen, wissen aber nicht, wie Mehl geschrieben wird. Oder Sie kriegen jedes Mal Panikattacken, wenn eine E-Mail vom Chef kommt, weil Sie sie nicht verstehen. Vielen Menschen geht es tatsächlich so. In Deutschland, einer der reichsten Industriestaaten der Welt, leben mehr als sieben Millionen Analphabeten. Zwei von ihnen begleitete das ZDF über mehrere Monate hinweg. Herauskam eine sehenswerte Folge für die Reihe „37 Grad“, die am Dienstagabend (22.15 Uhr) unter dem Titel „Die Lüge meines Lebens“ ausgestrahlt wird.

Der Dokumentarfilm von Anabel Münstermann bringt die ganze Tragik des Analphabetentums rüber. Menschen mit eklatanter Lese- und Rechtschreibschwäche leiden nämlich mitnichten allein an der Schmach, sich eingestehen zu müssen: Ich kann es nicht. Es ist vor allem die tagtägliche Angst vor Entdeckung, dass irgendwer sagt: Mensch, Sie können ja nicht mal lesen.

Konsequenzen für den Alltag in Privat- und Berufsleben sind enorm, führen zu hoher psychischer Belastung. Die Lüneburgerin Jutta, um die 60 Jahre alt, hat der Doku zufolge eine angeborene Rechtschreibschwäche. Die damit verbundene Last, die sie zu tragen hat, nennt die freundliche Frau „wahnsinnig schwer“, sie „erdrückt einen fast in sehr vielen Situationen“. Jutta berichtet über die „ständige Anspannung, dass man sich nicht verrät“, all die Ausreden und mehr oder weniger bizarren Lügen, warum man gerade jetzt nicht lesen oder schreiben könne. Der Arm tue weh oder die Brille fehle – lauter solches Zeug. 

Wie Jutta erlebte der 46-jährige Harald aus Berlin – Nachnamen werden nicht genannt – die Seelenqual von Kindesbeinen an. Er wuchs in einem zerrütteten Elternhaus auf. Sein Vater, ein Alkoholiker, schlug ihn im Suff und schickte den Sohn nachts Bierholen. In der Schule schlief Harald lieber, wenn er sie nicht gleich schwänzte.

Während Jutta im Kreis der Familie gut aufgehoben war, weil ihr Ehemann festen Rückhalt gab, musste Harald allein durchs Leben kommen. Ein einziger, wichtiger Freund stand ihm zur Seite. Bald lernte der Analphabet: Wer nicht schreiben und lesen kann, findet keinen Job. Testläufe in mehreren Unternehmen verliefen immer nach demselben Muster. Seine Leistung war okay. „Alle haben gesagt, ich kann wiederkommen.“ Aber sobald die Chefs hörten, er könne nicht lesen und schreiben, hieß es: „Auf Wiedersehen. So ist es immer gelaufen.“

Und wenn Harald doch länger bleiben durfte, etwa bei einer vom Jobcenter bezahlten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wurde er bald zum Außenseiter, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Harald formuliert es in dem Film so: „Du bist da, du arbeitest, aber bist ein Fremder.“ Und dann obendrein die Blicke, die ihm signalisierten: „Du bist ein Vollidiot!“ Auf diese Mimik reagiert Harald mit innerlichem Rückzug. Die Folgen: Einsamkeit, das Gefühl des Scheiterns und Existenzangst. 

Jutta, die im Beruf Karriere machte und ein ganzes Team führte, mogelte sich von Jahr zu Jahr durch. Die Ausreden „wurden immer, immer mehr.“ Erst als sie E-Mails und Lieferscheine lesen sollte, kam das Ende ihres Aufstiegs aufgrund Überforderung. „Ich konnte es einfach nicht mehr beherrschen.“ Panikattacken folgten. Der Druck wurde so groß, dass sie ihren Job aufgeben musste.

Erst heute, Jahrzehnte nach der Kindheit, haben Jutta und Harald den Mut gefunden, der Lüge ihres Lebens die Wahrheit entgegenzusetzen und ihrem Umfeld reinen Wein einzuschenken. Beide lernen nun die deutsche Rechtschreibung – mit Erfolg. Jutta ist inzwischen als Botschafterin für den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung unterwegs. „Ich bin doch ein wertvoller Mensch, ich habe nur 'ne Schwäche. Und ich habe keine Lust, sie immer zu verstecken“, sagt sie.

Harald, der der Doku zufolge noch vor fünf Jahren als Obdachloser auf der Straße lebte, ist dabei, sein Kindheitstrauma zu überwinden. Eindrucksvoll wird geschildert, wie er aufblüht, neuen Mut schöpft und Selbstbewusstsein tankt, kaum, dass er beim Lesen und Schreiben Fortschritte macht. 

Der Film ist aber auch eine Erinnerung daran, dass Menschen mit Lernschwächen nicht zu verurteilen sind, sondern die Unterstützung ihrer Familie, Freunde und Mitbürger benötigen und verdienen. Verständnis und Mitmenschlichkeit machen den Kern einer modernen Gesellschaft aus – und nicht Ausgrenzung und Verdammung. Mit gutem Beispiel gehen die Nichten von Jutta voran, die in die dritten Klasse und dabei sind, ihre Tante in Sachen Rechtschreibung zu überholen. Als sie den Zwillingen beichtet, dass sie nicht lesen und schreiben kann, sagt eines der Mädchen: „Dann üben wir doch mit dir.“ Gut so! https://ci6.googleusercontent.com/proxy/RnNZfQn2o2xpggJQqefCOervMbPIci5mujDPJnvl43kv6Rtxjyh5gHN_JKVzeU-aaGz3pePFgxfoAAtZJZNx8mveVTc-11j98EfuAJVcumUenA=s0-d-e1-ft#https://ssl.gstatic.com/ui/v1/icons/mail/images/cleardot.gif

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erstellt am 29.Nov.2016 | 16:35 Uhr

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