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Panorama

10. Dezember 2016 | 15:48 Uhr

Vergewaltigung oder Verleumdung? : Wahrheit, Ehre, „Nein“: Was das Urteil gegen Gina-Lisa Lohfink entlarvt

vom

Gina-Lisa Lohfink will weiter streiten. Alice Schwarzer spricht von einem „Skandal“. Es bleiben viele Ungereimtheiten.

Berlin | Eine Geldstrafe von 20.000 Euro soll Gina-Lisa Lohfink zahlen. Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten verurteilte sie am Montag wegen falscher Verdächtigung. Das 29-jährige Model hatte behauptet, sie sei im Juni 2012 von zwei Männern vergewaltigt worden. Sie habe bewusst gelogen, sagte Richterin Antje Ebner, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Am Tag nach dem Urteil sagte Gina-Lisa Lohfink im Sat1-Frühstücksfernsehen: „Ich habe nicht gelogen.“ Sie werde in Berufung gehen.

Es geht nicht nur um Gina-Lisa Lohfink - der Fall wurde in der „Nein heißt Nein“-Debatte über ein strengeres Sexualstrafrecht, das der Bundestag im Juli beschloss, immer wieder als Beispiel genannt. Jetzt zeigt er, wie heikel der Umgang mit Opfern und Tätern ist.

Das Urteil hinterlässt ein ungutes, hilfloses Gefühl - denn es gibt nur Verlierer und viele Ungereimtheiten. Die Übersicht:

Die Sache mit der Wahrheit

Die Justitia ist die Personifikation der Gerechtigkeit.
Die Justitia ist die Personifikation der Gerechtigkeit. Foto: Peter Steffen

Was ist eigentlich passiert? Gina-Lisa Lohfink hatte Sex. Mit zwei Männern, die die Nacht gefilmt haben. Das steht fest, das sagen alle drei – und das ist im Wesentlichen schon alles.

Der Fall Gina-Lisa Lohfink - eine Chronologie

Juni 2012: Gina-Lisa Lohfink und zwei Männer, ein Fußballer und ein früherer VIP-Manager, haben nach einer Partynacht Geschlechtsverkehr. Die Männer filmen den Sex. Auf den Videos ist zu sehen und zu hören, wie Lohfink „Nein, nein, nein“ sagt und mehrfach „Hör auf“. Einige Tage später tauchen Videos der Nacht auf Porno-Websites auf.

Lohfink zeigt die beiden Männer später wegen Vergewaltigung an. Die beiden Männer werden jedoch von dem Vorwurf freigesprochen. Nach Auffassung des Gerichts bezieht sich das „Nein“ nicht auf den Verkehr an sich, sondern auf das Filmen. Lohfink erhält von der Justiz einen Strafbefehl wegen falscher Verdächtigung über 24.000 Euro. Sie legt Einspruch ein.

1. Juni 2016: Vier Jahre nach der gemeinsamen Nacht beginnt der Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin. Vor Gericht bestreitet Lohfink, die Unwahrheit gesagt und die beiden Männer falsch verdächtigt zu haben: „Ich kann nicht nachvollziehen, warum ich vor Gericht stehe.“

4. Juni: Auf Twitter ruft die Autorin Julia Schramm unter dem Hashtag #teamginalisa zur Solidarität mit Lohfink auf. In den folgenden Wochen verbreiten Tausende den Hashtag.

11. Juni: Manuela Schwesig (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, tritt in einem Interview mit „Spiegel Online“ für eine Verschärfung des Sexualstrafrechts ein. Sie bezieht sich dabei offenbar auf den Fall Lohfink: „'Nein heißt nein' muss gelten. Ein 'Hör auf' ist deutlich.“

15. Juni: Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) verteidigt die Staatsanwaltschaft gegen den Vorwurf, tendenziös zu ermitteln. „Nach der Aktenlage hat die Staatsanwaltschaft richtig gehandelt“, sagt er im Rechtsausschuss des Abgeordnetenhauses.

27. Juni: Vor dem Amtsgericht demonstrieren etwa 100 Unterstützer von Lohfink mit Sprechchören und Transparenten wie „Du bist nicht allein“. Im Gerichtssaal wehrt sich einer der beiden Männer, der 28-jährige Fußballer, gegen den Vorwurf, er habe Lohfink vergewaltigt.

8. August: Auch der 33-jährige frühere VIP-Manager sagt vor Gericht aus, der Sex mit Lohfink sei einvernehmlich gewesen: „Eine Frau vergewaltigen, ich würde das niemals tun.“

22. August: Lohfink wird zu 20.000 Euro Strafe verurteilt. Das Gericht hält ihren Vorwurf der Vergewaltigung für unberechtigt.

 

Gab es eine Vergewaltigung? Wir wissen es nicht. Gina-Lisa Lohfink sagt: ja. Die beiden Männer sagen: nein. Und das glaubt das Amtsgericht Tiergarten auch. Damit sind wir schon beim nächsten Punkt:

Vergewaltigungen lassen sich nicht immer beweisen.
 

Von K.O-Tropfen keine Spur, sagt ein Gutachter – der sich auch nur auf die Videos berufen kann, schließlich kann die Droge nur 24 Stunden lang nachgewiesen werden. Keine Kratzspuren oder Hämatome, sagt ihre Frauenärztin. Außerdem ging Gina-Lisa Lohfink erst fast zwei Wochen später zur Polizei. In der ersten Strafanzeige hieß es noch, es habe „einvernehmlichen“ Sex gegeben. Sie blieb bei ihrem Vergewaltiger, telefonierte am nächsten Nachmittag mit ihrer Managerin: Sie esse noch eine Pizza und werde dann kommen. Vor Gericht sagte Gina-Lisa Lohfink später, sie sei festgehalten und bedroht worden. Staatsanwältin Corinna Gögge fragte in ihrem Plädoyer rhetorisch: „Wenn sie Gelegenheit hat zu telefonieren, wieso wählt sie dann nicht die 112?“ Eine mögliche Antwort, die aber im Urteil offenbar keine Rolle spielte, könnte auch mit Gefühlen wie Angst, Scham oder Verdrängen zu tun haben.

Es geht (noch immer) um die Ehre einer Frau

Gina-Lisa Lohfink auf dem Oktoberfest 2009.  
Gina-Lisa Lohfink auf dem Oktoberfest 2009.   Foto: Felix Hörhager
 

Gina-Lisa Lohfink ist – in den Augen der Öffentlichkeit – keine ehrbare Frau. Sie hat Silikon-Brüste, aufgespritzte Lippen und Tattoos. Sie setzt all das mit Kleidung und Make-Up in Szene und hat ihren Körper quasi zum Beruf erhoben. Jetzt zieht sie auch noch ins RTL-Dschungelcamp, die Resterampe für gescheiterte D-Promis. Sie ist das Gegenteil von dezent. Sieht so ein Vergewaltigungsopfer aus? Hat sie es nicht vielleicht sogar gewollt? Glauben Sie dieser Frau? Das sind die Fragen, die immer mitschwingen.

Nein heißt immer noch nicht Nein

„Nein heißt Nein!“ - Demonstration in Köln nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht. /Archiv
„Nein heißt Nein!“ - Demonstration in Köln nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht. /Archiv Foto: Oliver Berg
 

Es wird immer wieder von einem Video berichtet, in dem Gina-Lisa Lohfink „Nein“ sagt. „Nein heißt Nein“ – das ist der plakative Spruch, mit dem Politikerinnen und Aktivistinnen für ein schärferes Sexualstrafrecht gefochten haben. Im Fall Lohfink reicht ein einfaches „Nein“ aber nicht. Schon im früheren Vergewaltigungsprozess sagte ein Angeklagter, das „Nein, hör auf“ habe sich auf das Filmen bezogen – nicht auf den Sex. Das sahen ein Gutachter und am Ende das Gericht auch so. Wir lernen: Was eine Frau mit ihrem „Nein“ meint, entscheiden auch im Jahr 2016 andere für sie. Und was eigentlich „einvernehmlicher“ Sex ist, scheint auch eine problematische Frage zu sein.

Die Signalwirkung

Es geht in dem Fall nicht um eine Prominenten-Schmonzette, es geht um unsere Gesellschaft. Nur - welches Signal geht von dem Urteil aus? Lohfinks Verhalten sei „eine Verhöhnung und Irreführung aller Frauen und Männer, die tatsächlich Opfer einer Straftat geworden sind“, sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Und auch im Netz gibt es dafür Zustimmung.

 

Feministinnen befürchten dagegen, dass nach diesem Prozess noch weniger Frauen ihre Vergewaltiger anzeigen. Denn zur Angst, kein Recht zu bekommen, komme noch die Möglichkeit, selbst im Gegenzug wegen falscher Verdächtigung angezeigt zu werden. Alice Schwarzer sagt der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Nur jede zwölfte Vergewaltigung wird in Deutschland angezeigt, nur jede hundertste führt zu einer Verurteilung. Es ist zu befürchten, dass es nach dem Berliner Urteil noch weniger sein werden.“ Sie spricht von einem „Skandal“.

 

Und was wird aus dem #TeamGinaLisa? Diesen Twitter-Hashtag kann sich kein Social-Media-Profi ausgedacht haben – eigentlich ist er zu flapsig, um ernst genommen zu werden. Doch er hatte Erfolg - auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) bekannte sich dazu. Das „Team“ versammelte sich nicht nur im Netz, sondern protestierte auch mit Plakaten vor dem Gericht. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, auf eine Lügnerin hereingefallen zu sein.

Oder war es doch nur PR?

<p>Model Gina-Lisa Lohfink begrüßt am 8. August 2016 ihre Fans vor dem Gerichtsgebäude.</p>

Model Gina-Lisa Lohfink begrüßt am 8. August 2016 ihre Fans vor dem Gerichtsgebäude.

Foto: dpa

Gina-Lisa Lohfink wird immer mit diesem Prozess in Verbindung gebracht werden. Sie steht als Lügnerin da. Als eine Frau, die ihre Sexualität nutzt, um andere zu bekämpfen, ihre Interessen durchzusetzen und sich selbst ins Gespräch zu bringen. Die Richterin warf ihr zuletzt vor, dass sie sich nicht vor Gericht, sondern in den Medien geäußert hat. Wenn Gina-Lisa Lohfink gelogen hat, dann hat sie sehr viel Schaden angerichtet – auch gesellschaftlich. Wenn nicht, ist sie vielfach zum Opfer gemacht worden.

(mit dpa)

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erstellt am 23.Aug.2016 | 13:09 Uhr

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