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Panorama

03. Dezember 2016 | 22:56 Uhr

Teil 3 : Verschwörungstheorien: Von Brunnenvergiftern und Brandstiftern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Christen, Juden, Freimaurer – im Lauf der Geschichte wurden vielen Gruppen Verschwörungen nachgesagt.

Im Juli 64 n.Chr. stand Rom in Flammen. Tagelang wüteten Brände in der Hauptstadt des römischen Imperiums. Für Kaiser Nero war die Sache schnell klar: Die Christen, eine jüdische Sekte, steckten hinter dem verheerenden Feuer. Tatsächlich – so berichtet der Chronist Tacitus – war Nero selbst in Verdacht geraten, den Befehl zur Brandlegung erteilt zu haben. Die Christen boten sich ihm als ideale Sündenböcke an. Sie bildeten eine kleine, abgeschottete Gemeinde, die einem fremden Gott huldigte. Was folgte, ging als Neronische Christenverfolgung in die Geschichte ein. Hunderte Menschen wurden getötet, einige angeblich – eingedenk der Vorwürfe – lebendig verbrannt.

Verschwörungstheorien florieren nicht erst seit dem Internetzeitalter. Sie haben eine lange Geschichte. Schon in der Antike witterte manch einer bei Unglücken finstere Mächte am Werk – oft mit schlimmen Folgen für die vermeintlichen Übeltäter.

Rund 1100 Jahre später hatte sich das Christentum in Europa ausgebreitet. Und mit den Juden traf es wieder eine überschaubare, als fremd empfundene Glaubensgemeinschaft – noch dazu eine, die den Gottessohn ans Kreuz geschlagen hatte. Hinzu kam, dass die Juden von den Landesherren privilegiert waren und sich selbst verwalten durften. Auf diesem Nährboden gedieh die Ritualmordlegende.

Pogrome gegen Juden

Die Verschwörungstheorie kam zuerst in England gegen 1150 auf. Der Vorwurf: Die Juden Europas töteten regelmäßig christliche Jungen und nutzten ihr Blut für religiöse Zeremonien. Von England aus breitete sich die Ritualmordlegende rasch in andere Länder aus. 1235 kamen in Fulda die fünf Kinder eines Müllers bei einem Brand ums Leben. Mangels anderer Verdächtiger hängte man das Unglück kurzerhand den Juden an. Beim folgenden Gewaltausbruch starben 32 von ihnen. Vermeintliche Ritualmorde lösten danach auch anderswo Pogrome aus, obwohl der Kaiser für die Juden Partei ergriff.

Dabei blieb es aber nicht. Stattdessen wurden den Juden weitere Übeltaten angedichtet, zum Beispiel Hostienschändung. Um 1350 dann, als eine Pestepidemie Europa heimsuchte, sollten die Juden Brunnen vergiftet und so den Schwarzen Tod verbreitet haben. Es folgte eine bis dahin beispiellose Pogromwelle, bei der 100 Judengemeinden zerstört wurden.

Die Legenden vom Hostienfrevel und vom Ritualmord hielten sich lange. Sie finden sich noch in Martin Luthers antijüdischen Schriften aus dem 16. Jahrhundert. Der Kirchenreformator ließ keinen Zweifel, was er den Juden wünschte: „Drum immer weg mit ihnen.“ Selbst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden diese Theorien von Schriftstellern der Romantik kurzzeitig wieder aufgewärmt.

Freimaurer gegen Christen

Den Faden der antisemitischen Legenden des Mittelalters nahmen die Gegner der Freimaurer später auf und verwoben ihn mit ihrer eigenen Verschwörungstheorie. „Freimaurerei und Judentum, die gemeinsam angetreten sind, das Christentum auf der Welt [...] zu vernichten, müssen sich jetzt gegen den Zorn der Menschen verteidigen“, geiferte das päpstliche Blatt „Osservatore Romano“ 1898. Zu dieser Zeit existierte die Freimaurerei schon fast 200 Jahre.

Die Freimaurer sind eine Bruderschaft, die sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlt. Sie geht zurück auf die Vereinigungen mittelalterlicher Steinmetze und Baumeister, die die Geheimnisse der Architektur hüteten. Später öffneten sich die Freimaurer für Außenstehende und verloren den Charakter von Handwerkerinnungen. Nach der Gründung der ersten Großloge in London 1717 verbreitete sich die Freimaurerei schnell in ganz Europa.

Das damals Revolutionäre: Die Freimaurer nahmen Mitglieder ohne Ansehen des Standes auf. Später ließen einige Logen auch Juden zu. Die Freimaurer waren aber keineswegs eine jüdische Organisation, was ihre Gegner freilich dennoch nicht daran hinderte, das zu behaupten.

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Wer der Bruderschaft beitrat, verpflichtete sich zur Geheimhaltung, weshalb die Freimaurer zusätzlich eine Aura des Geheimnisvollen umwehte – und das bis heute. Das provozierte Misstrauen und Feindseligkeit, vor allem von Seiten der katholischen Kirche, die 1739 sogar die Inquisition gegen die Freimaurer mobilisierte.

Perfektes Feindbild

Im Ringen zwischen Aufklärern und reaktionären, klerikalen und monarchistischen Kräften boten die Freimaurer Letzteren das perfekte Feindbild – erst recht nach Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Es dauerte nicht lange, bis Reaktionäre in dem Umsturz ein Werk der Freimaurer erkannt haben wollten. Dieser Verdacht lag bei den aufklärerisch gesinnten Freimaurern nahe und tatsächlich gehörten einige Revolutionäre der Bruderschaft an.

Das genügte dem französischen Jesuiten Augustin Barruel, um eine wilde Verschwörungstheorie zu konstruieren. In seinem vierbändigen Werk „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus“ von 1797/98 entwarf er das Bild eines Komplotts „gegen Thron und Altar“. Die französische Revolution war „die Wirkung der tiefen Verruchtheit, weil alles von Männern vorbereitet und eingeleitet war, die allein den Faden der Verschwörung in der Hand hielten“. Barruel witterte in der Französischen Revolution drei sinistre Kräfte am Werk: aufklärerische Philosophen, die Freimaurer – und die Illuminaten.

Der Mythos der Illuminati

Der Orden der Illuminaten (die Erleuchteten) war ein deutscher Geheimbund, gegründet 1776 vom Ingolstädter Professor Adam Weishaupt. Er stand außerhalb der Freimaurerei, warb aber gleichwohl Mitglieder der Bruderschaft ab. Auch der Illuminatenorden fühlte sich der Aufklärung verpflichtet, blieb aber im Vergleich zu den Freimaurern klein und war auf Deutschland beschränkt. Interne Querelen und ein staatliches Verbot bereiteten ihm nur etwa zehn Jahre nach seiner Gründung ein klägliches Ende. Dennoch umrankt die Illuminaten bis heute ein Mythos, glauben Verschwörungstheoretiker an die Weiterexistenz und weltumspannende Macht des Bundes. Solche Fantasien verarbeitete der US-Schriftsteller Dan Brown 2000 in seinem Buch „Illuminati“ – und landete prompt einen internationalen Bestseller.

Die Dolchstoßlegende

In Zeiten des Umbruchs haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Das galt nicht nur für das revolutionäre Frankreich, sondern auch für Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Ende 1918 lag die alte Ordnung in Trümmern, und die Konturen der neuen waren nur zu erahnen: Der Krieg war verloren, in den Hafenstädten hatten meuternde Matrosen die Novemberrevolution losgetreten, in deren Verlauf der Kaiser abdankte und die Sozialdemokraten die Regierungsgeschäfte übernahmen. Die deutschen Militärs überließen es einem Zivilisten, dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, am 11. November 1918 den Waffenstillstand zu unterschreiben.

Damit war der Grundstein für die Dolchstoßlegende gelegt. Die Militärs Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg behaupteten, das Heer sei „im Felde unbesiegt“ gewesen und „von hinten erdolcht“ worden. Dieser haltlose Vorwurf richtete sich gegen die demokratischen Parteien, vor allem aber gegen die Juden. Während Demokraten die Dolchstoßlegende konsequent bekämpften, wurde sie von rechten Republikgegnern kultiviert. Die Verschwörungstheorie lastete auf der Weimarer Republik und trug zu ihrem Ende bei, weil sie das politische Klima zusätzlich vergiftete.

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erstellt am 08.Mai.2016 | 11:52 Uhr

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