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Panorama

04. Dezember 2016 | 07:12 Uhr

Mittelitalien : Über 200 Nachbeben zerstören Orte in Italien

vom

Die Lage in Italien bleibt unübersichtlich. Rund 3000 Menschen sind nach den verheerenden Erdbeben obdachlos.

Rom | Die schweren Erdbeben in Mittelitalien haben einige Ortschaften fast komplett zerstört. Nach einer Nacht mit mehr als 200 Nachbeben hofften die Menschen in dem bereits Ende August schwer getroffenen Erdbebengebiet in der Apennin-Gebirgsregion, vor allem mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Auch am Donnerstag bebte die Erde weiter. Nach offiziellen Angaben starb bislang ein Mann, der wohl infolge der Beben einen Herzinfarkt erlitten hatte. Mehrere Menschen wurden verletzt, wie Bürgermeister in den betroffenen Orten erklärten. Bis zu 3000 Menschen waren laut Zivilschutz in der Region Marken obdachlos.

Immer wieder trifft es die bergige Gegend in den Abruzzen. Grund für die Beben sind riesige Spannungen, die sich im Untergrund aufbauen. Denn der „Adriatische Sporn“ - ein Anhängsel der afrikanischen Erdplatte - reibt sich hier an der eurasische Platte. Auch deshalb haben sich Italiens Mittelgebirge aufgefaltet. Die enormen Energien können sich entladen.

Obwohl die Erdstöße am Mittwochabend ähnlich stark waren wie bei dem verheerenden Beben mit fast 300 Toten vor fast exakt zwei Monaten, schätzte der Zivilschutz die Folgen zunächst als weniger schwer ein. Gleichwohl waren die Sachschäden immens: „Es ist eine Katastrophe, 80 Prozent der Wohnungen sind wohl unbewohnbar. Und mit den neuen Beben geben die Leute auf“, sagte der Bürgermeister des Dorfes Ussita, Marco Rinaldi, am Donnerstag. Im nicht weit entfernten Ort Castelsantangelo sul Nera ist laut Bürgermeister der gesamte historische Ortskern beschädigt. „Das Zentrum ist Sperrgebiet“, sagte Mauro Falcucci. 90 Prozent der Häuser hätten Schäden.

Am härtesten hat es die Orte Visso, Ussita, Castelsantangelo sul Nera, Muccia, Pieve Torina, San Ginesio, Camerino und Caldarola getroffen. „Es ist eine sehr harte Probe auf psychologischer Ebene“, sagte Castelsantangelos Bürgermeister Falcucci auf Repubblica TV. Augenzeugen in der Unglücksregion hatten zunächst von einer „apokalyptischen Situation“ gesprochen. Mancherorts war der Strom ausgefallen, es wurden Einstürze erwartet.

Der heftigste Erdstoß wurde am Mittwochabend nahe der Ortschaft Visso südöstlich von Perugia gemessen. Die Stärke variierte nach Angaben unterschiedlicher Erdbebenwarten zwischen 5,9 und 6,1 auf der Richter-Skala. Viele Menschen hatten da wegen eines Vorbebens schon ihre Häuser verlassen und hielten sich im Freien auf.

Die betroffene, erdbebengefährdete Region liegt in und um den bergigen Nationalpark Monti Sibillini. Dort wird es im Winter bitterkalt. Die Adriaküste ist etwa eine Stunde Autofahrt entfernt, die Hauptstadt Rom liegt Luftlinie etwa 120 Kilometer südwestlich.

In der Nacht kam es zu etlichen Nachbeben. Seit dem ersten heftigen Stoß am frühen Mittwochabend seien mindestens 200 Nachbeben registriert worden, teilte die nationale Erdbebenwarte INGV mit.

Eine Grafik zeigt das Zentrum des Bebens.

Eine Grafik zeigt das Zentrum des Bebens.

Foto: dpa

Ministerpräsident Matteo Renzi, der in der Nacht den Helfern via Twitter dankte, wollte sich am Nachmittag selbst ein Bild machen und die betroffene Gegend besuchen, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Eigentlich geplante Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem wichtigen Referendum über die Verfassungsreform im Dezember sagte Renzi ab. „Ganz Italien umarmt die abermals hart getroffenen Bürger“, schrieb der Regierungschef auf Twitter weiter.

 

Papst Franziskus sprach den Menschen im Gebet seine Nähe aus. Italiens Innenminister Angelino Alfano zeigte sich trotz des Ausmaßes der neuerlichen Beben vorsichtig optimistisch und sprach von einem „Wunder“, falls es wirklich keine Toten in den Trümmern gebe.

Trotzdem war das ganze Ausmaß der Schäden auch am Donnerstag noch nicht absehbar. Nach bisheriger Einschätzung des Auswärtigen Amts in Berlin wurden wohl keine Deutschen verletzt.

Der nach dem August-Beben ernannte Kommissar für den Wiederaufbau, Vasco Errani, versprach schnelle Hilfe. „Ich bestätige das Engagement der Regierung: Wir bauen alles wieder auf.“ Die Regierung in Rom stellte nach Informationen von Ansa 40 Millionen Euro bereit.

Italiens Zivilschutz kündigte an, eine Unterbringung von Menschen aus den zerstörten Orten an der Küste zu prüfen. „Wir versuchen, die beste Lösung zu finden, um den Menschen zu helfen, die angesichts des Klimas und der Jahreszeit nicht in Zeltstädten unterkommen können“, sagte Behördenchef Fabrizio Curcio bei einem Besuch in dem Ort Pieve Torina in der Nähe der kleinen Stadt Visso laut Ansa. Deshalb überlege man, die Obdachlosen in Richtung Küste zu bringen.

Auch in Rom gab es Schäden. In mehreren Gebäuden seien Risse festgestellt worden, meldete Ansa. Nach dem ersten Erdstoß seien binnen einer halben Stunde rund hundert Notrufe beim Zivilschutz eingegangen. Menschen liefen auf die Straße, einige twitterten Videos von wackelnden Lampen und Fenstern, die sich durch das Zittern geöffnet hatten. Auch das Außenministerium wurde sicherheitshalber geräumt.

Das jüngste Beben und die vorherige Katastrophe in der Region Ende August könnten nach Experteneinschätzung direkt miteinander zusammenhängen. „Die Entfernung zwischen beiden Beben ist rund 30 Kilometer. Es ist also durchaus möglich, dass da eine gewisse Wechselwirkung ist“, sagte der Seismologe Frederik Tilmann der Deutsche Presse-Agentur. Der Forscher am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam hält es für denkbar, dass beide Ereignisse damit Teil eines größeren Abbaus von Spannungen sind - mögliche weitere Beben nicht ausgeschlossen.

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erstellt am 27.10.2016 | 07:00 Uhr

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