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Panorama

02. Dezember 2016 | 23:23 Uhr

Todesangst am Istanbuler Flughafen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Strand, Sonne, Erholung. Ein Traumurlaub in Scharm asch-Schaich (Ägypten) ging nach einer Woche zu Ende. Mit dem Rückflug begann ihr Albtraum. Um ein Uhr am Sonnabendmorgen setzte das Flugzeug der Elmshornerin, die nun in Hamburg lebt, am Atatürk Flughafen Istanbul auf. „Ich frage mich, warum wir da gelandet sind. Wir waren die letzte Maschine, die landete“, sagt die 32-Jährige. Der geplante Militärputsch war in vollem Gange. Davon bekam sie zunächst nichts mit.

„Ich wollte nur Zigaretten, Wasser und aufs Klo. Am Flughafen war nichts los“, sagt Meier. Der Zigarettenverkäufer sagte ihr, dass alle Flüge Verspätung hätten oder ausfallen. Ein Blick auf die Anzeigetafel bestätigte dies. Meier ging in die Galerie im ersten Stock und holte sich einen Kaffee bei Starbucks. Dann fielen Schüsse. „Die Menschen liefen wild durcheinander. Ein Mann hat mich gepackt und in die Küche gezogen. Da haben wir uns versteckt“, berichtet Meier von panischer Angst der Menschen. „Eine Frau hat nach ihrem Kind gerufen, dass nicht im Raum war, aber sie wollten niemanden mehr rein lassen. Das war furchtbar“, sagt die gebürtige Mazedonierin, die in Elmshorn aufwuchs. Nach etwa einer halben Stunde habe sich die Lage beruhigt. Dann die nächste Panik. „Ich habe nur Geschirr klirren gehört, aber einige dachten, es waren Schüsse“, sagt Meier. Wieder verschanzte sie sich in der Küche, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte. „Ich habe in diesen Momenten viel über mich gelernt“, sagt sie und ergänzt: „Je panischer es wurde, desto ruhiger wurde ich.“

Plötzlich zog ein Demonstrationszug für Präsident Recep Tayyip Erdogan durch den Flughafen. Flankiert von Männern mit Maschinengewehren. „Ich weiß nicht, woher die kamen, denn eigentlich war der Flughafen dicht. Niemand konnte rein oder raus“, sagt Meier. Aus Deutschland bekam sie Informationen von ihrer Freundin Sarah aus Braunschweig. Diese riet ihr: „Bei Schüssen bitte tot stellen.“ „Sie war die ganze Zeit bei mir. Sie ist ein Engel“, sagt Meier.

Als sie auf der Außenplattform eine Zigarette rauchte, startete ein Jet. „Viele dachten, es wäre eine Bombe. Es war aber nur ein Jet, beruhigte uns ein Putzmann“, erinnert sie sich. Kaum war der Lärm verklungen, rückten etwa 200 mit Maschinengewehren bewaffnete Männer in Tarnkleidung und Springerstiefeln an. „Ich wusste nicht, ob es die Guten oder die Bösen sind. Sie brüllten ,lay down, lay down’.“ Der schlimmste Moment: Die knallenden Springerstiefel neben ihrem Kopf. Ein Mann trat ihre vor dem Kopf gefalteten Hände auseinander. „Ich   dachte, wenn ich jetzt sterbe, dann bitte ohne Schmerzen“, sagt Meier. Drei Jets starteten während sie auf dem Boden lag. „Ich habe mich nicht mehr getraut, meinen Kopf zu heben.“ Nach einer halben Stunde zogen die Bewaffneten ab.

Vier Stunden nach der Landung fand sie etwas Schlaf. Es war ruhig am Flughafen. Um sechs Uhr wurde sie vom Applaus der Passagiere geweckt. Die erste Maschine war wieder auf dem Flughafen gelandet. „Vom Personal keine Spur“, erzählt Meier. Die Passagiere bedienten sich an den verlassenen Kiosken. Meier schnappte sich Erdnüsse und Schokoriegel und verteilte sie unter denen, die sich nicht trauten, zuzugreifen. „Die Passagiere haben sich untereinander super geholfen“, sagt Meier. Ab 8 Uhr waren Mitarbeiter auf dem Rollfeld. Der Flughafen selbst blieb bis etwa 11 Uhr dicht. Dann kamen die ersten Mitarbeiter und Reisende konnten das Gebäude verlassen.

„Gegen 14 Uhr tauchte ein Flug nach Düsseldorf auf der Anzeigetafel auf. Ich dachte mir: Nicht mein Flug, nicht meine Stadt, aber mein Land.“ Problemlos konnte sie trotz falschem Ticket einchecken. „Die Maschine war nur halb voll, was ich bei der Schlange am Gate nicht verstehe.“ Von Düsseldorf ging es mit der Bahn nach Hamburg. „Als ich hier war, dachte ich einfach, ich bin safe und in Sicherheit“, beschreibt Meier. Als sie ihren Hund Sammy bei ihrer Tante abholte, flossen die Tränen. „Da ist mir erst bewusst geworden, was für eine krasse Scheiße das war“, sagt die 32-Jährige, die zukünftig nur noch Direktflüge buchen will.

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erstellt am 19.Jul.2016 | 10:42 Uhr

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