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Panorama

05. Dezember 2016 | 03:30 Uhr

Anschlag in den USA : Terror-Verdächtiger von New York: Hähnchen braten, Bomben bauen

vom

Er trug westliche Kleidung und galt als großzügig: Wer ist der mutmaßliche Terrorist Ahmad Khan Rahami (28)?

New York/Elizabeth | Ryann McCann (33) hat über den Besitzer der Hähnchen-Braterei nur Gutes zu sagen. Der in Afghanistan zur Welt gekommene Ahmad Kahn sei so amerikanisch gewesen, wie jemand nur sein könne. Er trug westliche Kleidung, mochte schnelle Autos und war immer für ein Schwätzchen mit seiner Kundschaft zu haben. So auch vor zwei Wochen als McCann zuletzt bei „First American Fried Chicken” einkehrte.

Insgesamt ist die Terrorangst derzeit sehr groß. New York kommt wegen der Anschläge vom 11. September 2001 eine besondere Symbolkraft zu. Bei den Anschlägen vor 15 Jahren, bei denen unter anderem zwei Flüge ins World Trade Center gelenkt wurden, kamen 3000 Menschen ums Leben.

Am Montagmorgen riegelten Sicherheitskräfte den Zugang zu dem Restaurant an der Elmora Avenue im Städchen Elizabeth vor den Toren New Yorks weiträumig ab. Derweil durchsuchten Beamte den Imbiss und die darüber liegende Wohnung, in der Ahmad mit seinen drei Brüdern und zwei Schwestern als Kind afghanischer Einwanderer aufgewachsen war.

„Von diesem Kerl hätte ich das niemals erwartet”, zeigt sich McCann überrascht von der Nachricht, dass der eingebürgerte Kahn nun dringend in Verdacht steht, für die Schnellkochtopf-Explosion im Ausgehviertel Chelsea, einem Anschlag in Seaside Park sowie weiteren verhinderten Anschläge in Elizabeth im Bundesstaat New Jersey verantwortlich zu sein. „Das ist traurig, schrecklich, furchterregend”, sagt er über den großzügigen Chef des Schnellrestaurants, der seine Stammkunden mit kostenlosen Dreingaben verwöhnte. Nach einer von einem im US-Fernsehen begleiteten Großfahndung stellte die Polizei Kahn bei einer Schießerei im Nachbarort Linden.

Ortstermin nach den Explosionen: New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio (r.) und der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, am Schauplatz der Explosion im Stadtbezirk Chelsea.  Justin Lane
Ortstermin nach den Explosionen: New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio (r.) und der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, am Schauplatz der Explosion im Stadtbezirk Chelsea.  Justin Lane Foto: Justin Lane
 

Augenzeugen berichten von einem Feuergefecht in einem gemischten Wohn- und Industriegebiet. „Schüsse, viele Schüsse“, sagt Derek Pelligra, der das Geschehen aus seiner Autowerkstatt verfolgte. Später zeigt das lokale ABC-Fernsehen Bilder, wie der verwundete Kahn in einen Krankenwagen geschoben wird. Ein Polizist wurde bei dem vorangehenden Feuergefecht verletzt.  

Während die Sicherheitskräfte den Verdächtigen stellten, trat US-Präsident Barack Obama erstmals vor die Presse. „Die Ermittlungen bewegen sich sehr schnell”, versicherte Obama der Nation, die erst vor wenigen Tagen der Anschläge des 11. September vor 15 Jahren gedacht hatte. Er wolle die Einzelheiten der Bundespolizei FBI überlassen, doch er könne sagen, dass „keine Verbindung besteht zwischen Minnesota und dem, was in New York und New Jersey vor sich gegangen ist”.

In Minnesota hatte am Samstagabend ein in Uniform verkleideter Täter neun Menschen in der belebten „Crossroads Mall” von St. Cloud angegriffen. Dabei soll er „Allah” gepriesen und in einem Fall sein Opfer gefragt haben, ob es muslimischen Glaubens sei. Durch das Eingreifen eines Polizisten konnte Schlimmeres verhindert werden. Der Beamte erschoss den 22-jährigen Angreifer Dahir A. Adan, den der Propagandaarm des IS später als „Soldaten des Islamischen Staates” feierte.  

In New Jersey verhinderten zwei Kneipengänger Schlimmeres, die unweit des Bahnhofs einen abgestellten Rucksack entdeckten. Zunächst dachten sie, das Gepäckstück habe jemand vergessen, und trugen es ein paar hundert Meter. Weil es ihnen zu schwer wurde, stellten sie es ab und entdeckten die Zünddrähte.  

Während die herbeigerufene Polizei versuchte, die Sprengsätze zu entschärfen, flog einer in die Luft. Vier weitere konnten sichergestellt und zur Untersuchung in ein Polizeilabor gebracht werden. Die Ähnlichkeit der selbstgebauten Bomben deutet darauf hin, dass sie von demselben Bombenmacher stammen.

Die Ermittler erhoffen sich nach der Festnahme Kahns nun weitere Aufschlüsse über mögliche Mittäter und deren Motive. In New York und New Jersey sorgen mehr als 1000 zusätzliche Beamte für ein enormes Sicherheitsaufgebot rund um die Vollversammlung der Vereinten Nationen, die am Dienstag beginnt. An den Bahnhöfen, Flughäfen und Subway-Stationen sind die Sicherheitsvorkehrungen nun noch schärfer als ohnehin schon.

New Yorker sind gelassen, Clinton und Trump liefern sich Schlagabtausch

Die New Yorker nehmen die Situation mit gewohnter Gelassenheit. „Wir lassen uns unsere Lebensweise nicht zerstören”, sagt ein Passant an der 23ten Straße im Ausgehviertel Chelsea, in dem am Samstagabend 29 Menschen bei der Explosion eines Sprengsatzes verletzt wurden.

Anders die Präsidentschaftskandidaten, die sich beide mit großem Pathos zu den Entwicklungen äußerten. Donald Trump hielt Obama vor, die Gefahr durch den IS herunterzuspielen. „Das riskiert unser aller Leben und erinnert uns daran, dass wir eine neue Führung brauchen”, sagte der Rechtspopulist, der unnachgiebige Härte und ein Einreiseverbot für Muslime verspricht. 

 

Hillary Clinton warnte ihrerseits davor, Muslime und im Ausland geborene Amerikaner zu dämonisieren. Trump sei mit seiner Hetze ein „Anwerben für die Terroristen”. Clinton plädierte stattdessen für verstärkte Anstrengungen, Extremisten die Nutzung des Internets zu erschweren und die geheimdienstliche Aufklärung zu verbessern.

Die Nachbarn der Kahns an der Elmora Avenue von Elizabeth bleiben nach der Festnahme des Restaurantbesitzer einigermaßen sprachlos zurück. Doch nicht alle sind traurig über das Ende der Hähnchen-Braterei. „Die haben sich nie an die Öffnungszeiten gehalten”, sagt Dean McDermott, der sich über nächtlichen Lärm der Kundschaft beschwerte. 

Dass etwas nicht ganz koscher sei, hätte die Nachbarschaft schon seit einiger Zeit vermutet, verrät McDermott. Kahn habe eines Abends Gerätschaften in den Garten geschleppt, mit einer Flüssigkeit übergossen und angezündet. „Ich glaube das war ein Computer.”       

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erstellt am 20.Sep.2016 | 10:38 Uhr

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