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Panorama

04. Dezember 2016 | 04:55 Uhr

Probleme bei Work&Travel : Tausche Urlaub gegen Arbeit: Freiwilligendienst im Ausland

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie wollen Erfahrungen sammeln oder einfach günstig um die Welt reisen – Freiwilligenarbeit im Ausland ist besonders bei jungen Menschen beliebt. Doch oft sind die Helfer nichts anderes als billige Arbeitskräfte.

Ein Jahr lang in einem Waisenhaus in Afrika arbeiten, ein paar Monate auf einer Farm in Argentinien mithelfen oder einer australischen Familie im Alltag unter die Arme greifen – die Idee, einen unbezahlten Job im Ausland anzunehmen und dabei noch etwas Gutes zu tun, ist nicht neu. Vor allem junge Menschen zwischen 18 und 25 entscheiden sich nach der Schule dazu, eine Auszeit zu nehmen und die Welt zu bereisen. Neben sozialen Freiwilligendiensten wie FSJ, FÖJ oder kirchlichen Missionarsprogrammen, die überwiegend durch eine Trägerorganisation organisiert werden, gibt es immer mehr private Anbieter, die auf der Suche nach freiwilligen Helfern im Ausland sind.

Solche Angebote klingen verlockend: Für ein paar Stunden Hilfe am Tag gibt es gratis Essen, freie Unterkunft, Kontakt zu den Einheimischen und gleichzeitig so viel Freizeit, dass man nebenbei noch durchs Land reisen kann. In den letzten Jahren haben sich immer mehr Plattformen im Internet auf diese Art der Freiwilligenarbeit spezialisiert. Zu den bekanntesten gehören WWOOF (World Wide Opportunities on Organic Farms), HelpX (Help Exchange) oder Workaway. Gastgeber und Reisende können sich im Internet registrieren und über die Plattformen zueinanderfinden.

Die Aufgaben sind vielfältig und reichen von Farmarbeit und Haushaltshilfe bis hin zu Babysitting oder Bürojobs. Die beliebtesten Reiseländer sind Australien und Neuseeland, obwohl sich die Angebote über den gesamten Erdball verteilen. Im Gegensatz zum bekannteren Work&Travel, bei dem man als Angestellter auf Zeit arbeitet und einen passablen Stundenlohn dafür kassiert, braucht man als Freiwilliger kein Arbeitsvisum – weil es kein Gehalt gibt.

Die vermeintliche Chance

Eine Chance für junge Menschen, ohne viel Geld die Welt zu bereisen und erste Erfahrungen im Arbeitsleben zu sammeln – zumindest scheint es auf den ersten Blick so. Viele Reisende schwärmen im Internet von den Erfahrungen, die sie im Ausland mit den Gastgebern gemacht haben. „Ich habe mich wie Zuhause gefühlt“, „Du lernst ganz leicht andere Kulturen kennen“, „Es gab jeden Tag leckeres Indisches Essen“, „Ich habe so viele neue Leute kennengelernt“ – wer den richtigen Gastgeber findet, kann hier die Zeit seines Lebens haben.

Aber es geht auch anders. Als Tom und Emily aus dem englischen Birmingham auf der kleinen Farm in der Nähe von Sydney ankamen, hatten sie die gleichen Erwartungen: Ihre Hilfe bei der täglichen Arbeit im Gemüsegarten, den Tieren und dem kleinen Café der Familie anbieten und im Gegenzug das Leben einer australischen Familie kennenlernen. Doch schon am zweiten Tag war klar, dass es anders laufen würde.

Untergebracht wurden sie in einem kleinen Anbau mit Bad und Küche hinter dem Haus der Familie, die drei Zimmer waren dunkel, klein und vollgestellt mit Dutzenden Etagenbetten. „Es sah aus wie im Hostel“, sagt Emily. Zu der Zeit teilten sie sich die Zimmer mit einem anderen Paar aus Deutschland, zwei Belgier sollten am nächsten Tag anreisen. „Auf Nachfrage erzählten uns die Gastgeber, dass sie das ganze Jahr über mehrere Freiwillige haben, manchmal bis zu zehn gleichzeitig.“ Statt idyllischem Familienleben gab es eine Plastikbox mit Essen: Toastbrot, Scheiblettenkäse, ein Tütchen Reis, Haferflocken, Salat, eine Hähnchenbrust, zwei Liter Milch, eine Dose Instant-Kaffee. „Die Box sollte für eine Woche reichen und hatte vielleicht einen Wert von 20 AUD (Australische Dollar, rund 14 Euro)“, sagt Tom. Wasser aus der Leitung war gratis. „Kochen mussten wir selbst, nur am Abend wurde gemeinsam gegessen, da war jeder mal dran.“

Seit vier Monaten war das junge Paar zu der Zeit schon unterwegs, zuerst in Asien, jetzt in Australien. Der Freiwilligenjob, den sie über Workaway gefunden hatten, sollte die erste Erfahrung mit Auslandsarbeit sein und eine willkommene Abwechslung zum Backpacker-Alltag. Eine Woche wollten sie bleiben und dann entscheiden, ob sie verlängern würden oder sich etwas anderes suchen.

Statt Freiheit Aufsicht

Sieben Stunden Arbeit am Tag, fünf Tage die Woche – das war der Deal. Morgens mussten die Tiere gefüttert und der Hühnerstall ausgemistet werden, danach standen Gartenarbeiten wie Unkraut jäten oder Komposthaufen anlegen auf dem Programm, am Nachmittag meistens Abwaschen in dem Café, das die Familie in dem 30  000-Einwohner-Städtchen betrieb. „Die Arbeit war ok, wir wollten ja mal was anderes machen“, sagt Emily. Zu Hause in England arbeitet die 23-Jährige als Biologie-Lehrerin, für die Reise hat sie sich ein halbes Jahr freistellen lassen. Was sie vielmehr störte, war die Atmosphäre. „Wer morgens drei Minuten zu spät anfing, hat eine Standpauke bekommen. Dabei hieß es vorher, wir können uns unsere Arbeitszeit frei einteilen. Bei allem wurden wir kontrolliert, wir kamen uns regelrecht beobachtet vor. Während der Arbeitszeit durften wir kein Handy dabei haben und keine Pause machen, nur mittags wurde uns eine halbe Stunde abgezogen, um ein Sandwich zu essen. Die Stimmung war richtig angespannt.“

Langsam dämmert den beiden Backpackern, warum es die Gastgeber waren, die sie vor der Reise angeschrieben hatten. Im Normalfall erstellt der Gastgeber ein Profil und eine Stellenbeschreibung, für die sich die Helfer dann „bewerben“ können. In dem Fall war es umgekehrt. Von anderen Freiwilligen erfahren sie, dass es bei ihnen genauso lief. „Die schreiben anscheinend Hunderte von Leuten an, um sicherzugehen, dass sie auch immer genügend Arbeiter haben. Und sie brauchen die Freiwilligen, weil sie sonst die ganze Arbeit hier gar nicht schaffen würden“, sagt Emily. Das Paar fühlt sich betrogen. „Wir dachten, es funktioniert nach dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere. Aber stattdessen wurden wir wie Angestellte behandelt. Von dem Familienleben haben wir gar nichts bekommen, weil sie nie Zeit hatten.“ Tom findet deutlichere Worte: „Wenn man die Kosten, die sie mit uns hatten, mal herunterrechnet, haben wir für einen Stundenlohn von zwei AUD gearbeitet. Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir auch mit einem Visum auf einer Farm arbeiten und 25 AUD die Stunde verdienen können. Das hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.“ Nach einer Woche reisten die Zwei wieder ab.

Viele Klagen – beiderseits

Schlechte Erfahrungen bei der Freiwilligenarbeit gibt es auf beiden Seiten. Auch für die Gastgeber ist es ein Risiko, fremde Menschen bei sich aufzunehmen. Viele klagen in den Internetforen über faule Volontäre, die nur eine kostenlose Unterkunft suchen. Einige wurden von den Gästen bestohlen oder standen am Ende vor zerstörtem Mobiliar. Auf der anderen Seite klagen Freiwillige über schimmelige Unterkünfte, minderwertiges Essen oder falsche Arbeitsbeschreibungen. Es ist ein System, das nur funktioniert, wenn beide Seiten die gleichen Erwartungen haben. Ein Job auf einem landwirtschaftlichen Betrieb hat in der Realität meist nichts mit dem idyllischen Bauernhofleben zu tun, das sich viele vorstellen. Billige Lebensmittel und ein heruntergekommener Wohnwagen reichen auf der anderen Seite nicht aus, um einen Freiwilligen für seine Hilfe zu entlohnen.

Die meisten Vermittlungsplattformen im Internet haben inzwischen ein Bewertungssystem eingeführt, mit dem Gastgeber und Helfer ihre Erfahrungen austauschen können. Das Problem dabei: Aus Angst davor, als Reaktion ebenfalls eine schlechte Bewertung zu bekommen, halten sich viele der Freiwilligen mit einem ehrlichen Feedback zurück. Emily und Tom haben sich davon nicht beirren lassen. „Wir wollten andere Helfer davor warnen, auf diese Farm zu kommen, damit sie nicht die gleichen Erfahrungen machen wie wir. Das haben wir auch in die Bewertung geschrieben“, sagt Tom. Zwar haben die beiden Rucksacktouristen auch gute Momente auf der Farm gehabt, zum Beispiel durften sie zwei verwaiste Känguru-Babys mit der Flasche füttern – zum Thema Freiwilligenarbeit haben sie inzwischen jedoch eine klare Meinung. Emily: „Es war definitiv eine Erfahrung. Aber nochmal würden wir das nicht machen.“

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erstellt am 13.Mär.2016 | 12:18 Uhr

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