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Panorama

27. August 2016 | 15:23 Uhr

Dieckmann, di Caprio und Ribéry : „Taliban der Mode“: Der Trend geht zum Vollbart

vom

Was bringt manche Männer dazu, ihr Gesicht so stark zu behaaren, dass sie fast schon Taliban gleichen? Eine Analyse von Jan-Philipp Hein.

Wo kommt denn das jetzt her? Aus Kabul oder doch aus dem Prenzlauer Berg? Aus der Szenekneipe oder doch aus dem Terrorcamp im Nahen Osten? Wieso tragen jetzt bitte fast alle Kerle in deutschen Innenstädten lange Bärte? Und zwar egal ob sie auf dem Weg in eine Agentur, eine Redaktion, in eine Sparkasse, auf den Bau oder ins Grand Hotel sind. Wie geht es eigentlich der Rasierklingenindustrie? Und die Frage aller Fragen: Wie erklärt sich die optische Talibanisierung des westlichen Mannes? Rennen wir demnächst etwa auch noch in Gewändern durch die Gegend? Was kommt da alles noch?

Ob Chefredakteur der größten deutschen Tageszeitung, Hollywood-Star, Spitzensportler oder Musiker – das Gestrüpp im Gesicht, das einst Verwahrlosung im Endstadium und vollständige Selbstaufgabe symbolisierte, ist jetzt zum Accessoire des machtvollen und machtbewussten Mannes geworden. Wer Bart trägt, kann schon lange nicht mehr automatisch in die Schublade „Naturfreund“ sortiert werden. Auch ein gestörtes Verhältnis zur Körperpflege signalisiert der Bart nicht mehr. Galt einst die Devise, dass Seriosität durch Krawatte, weißen Kragen, geputzte Schuhe und die tägliche Rasur zu erreichen ist, muss heute radikal umgedacht werden. Die Vorzeichen sind mittlerweile verkehrt.

Kurt Beck wurde für seine Verdienste ausgezeichnet. Foto: Karlheinz Schindler/Archiv
Foto: Karlheinz Schindler
 

Kein Bart flößt nämlich kein Vertrauen mehr ein und kleidet nur noch den Milchbubi von heute. Bejammert werden muss, wer zu wenig Bartwuchs hat, um das Gesicht zu schmücken. Denn wer was auf sich hält, lässt es wachsen, bis es um den Mund herum juckt und darüber hinaus. Dass er mal Trendsetter war, kann der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck wahrscheinlich bis heute kaum glauben. Das war eben doch keine provinzielle Bräsigkeit, sondern ein topmodisches Statement des ewigen Weinkönigs und Sozialdemokraten. Seine Nachfolgerin im Amt, Malu Dreyer, wird ihn hier nie übertreffen können.

Aber was treibt uns denn nun (der Autor kultiviert auch gerade einen Drei-Tage-Bart) zur Matte am Kinn? Müssen wir uns den Bart als das einzig verbliebene männliche Alleinstellungsmerkmal vorstellen? Etwas, das uns eben keine Gleichstellungsbeauftragte, keine Gender-Professorin und auch keine Frauenquote nehmen kann? Unser Bart gehört uns! Machen wir jeden Morgen aus unserem biologischen Makel Bartwuchs eine Tugend, indem wir auf die angezeigte Rasur verzichten und die kontinuierliche Verwilderung zulassen? Dürfen wir nur noch mit Bart wirklich Mann sein?

Conchita Wurst zieht's nach Paris. Foto: Erwin Scheriau
Foto: Erwin Scheriau
 

Und haben homophobe und ewiggestrige Kämpfer für die Aufrechterhaltung von Geschlechterklischees deshalb so hysterisch auf die Eurovisions-Königin Conchita Wurst reagiert, weil diese ihnen auch noch den Bart als untrügliches Zeichen der Männlichkeit genommen hat? Jetzt dürfen Frauen nicht nur wählen, Bundesligaspiele pfeifen, Auto fahren, sondern auch noch Bart tragen? Wo kommen wir denn hin?

Wahrscheinlich würden diese zumeist auch xenophoben Mahner und Warner vor dem Untergang des christlichen Abendlandes ihrerseits eine ganz andere Vermutung haben, warum so viele so viel Haar im Gesicht tragen. Sie würden vielleicht einen vorauseilenden Gehorsam vor einem unaufhaltsam vorrückenden Islam diagnostizieren. Ja klar! Seht her, beim Barte des Propheten! Die Wolle im Gesicht ist das präventive Glaubensbekenntnis der verweichlichten westlichen Metropolenbewohner, die ihre Kultur nicht verteidigen, sondern sich dem Koran und den Hadithen unterwerfen wollen. Wer sich nicht rasiert, ist fast schon konvertiert! Verstanden?

Wobei: Schon Jesus trug Bart. Und das zu einer Zeit, als Mohammed noch nicht in der Matrix absehbar gewesen ist und noch Jahrhunderte auf sich warten ließ. Das wissen wir schließlich aus den vielen Sandalenfilmen, die uns stets einen bärtigen Gottessohn vorführen. Und wer gegen das Gebot verstieß, sich kein Bild vom Allmächtigen zu machen, malte auch Jesus’ Vater mit Bart auf Leinwände.

Die Haare im Gesicht sind also unsere eigene Kulturgeschichte. Wir Großstadtbartträger zitieren uns gerade einfach nur selbst, so wie die Hipster sowieso nur am Zitieren sind und keine eigene Mode entwickelt haben. Ein Blick in die Familienalben macht diesbezüglich schlau. Grässliche Schlaghosen und unverschämt hässliche Hemden korrespondieren dort stets mit Bärten, wenn die Bände aus den 70er-Jahren hervorgekramt werden. Nicht nur der iranische Revolutionsführer Khomeini trug damals lang. Dem konnte sich nur Peter Scholl-Latour entziehen.

Tom Selleck als Thomas Magnum.
Tom Selleck als Thomas Magnum. Foto: imago/united archives

In den 80er-Jahren hatte es dann auf einmal ein Ende mit der Haarpracht. Aseptische Fön- und Scheitelfrisuren zierten ab dann die Häupter. Die Musik wurde auch so steril wie die nichts sagenden Frisuren eines Stefan Edberg etwa. Kein Vergleich mehr zu den epischen Konzeptalben, die verwachsene Musiker in den 70ern zusammenfrickelten. Nur noch Tom Selleck durfte als Thomas Magnum einen sensationell gut aussehenden Oberlippenbart auf Hawaii in seinem geschnorrten Ferrari spazieren fahren.

Und heute? Jeder darf ihn tragen. Nein: muss offenbar. Die Hipster rennen mittlerweile sogar zum Gesichtshaartransplanteur, um den aktuellen modischen Anforderungen entsprechen zu können, wenn der eigene Flaum etwas dürftig ausfällt. Dabei werden dann auch schon mal Brusthaarwurzeln in die Wangen verpflanzt.

Die Banalisierung des Bartes hat natürlich ihren Preis: Bartträger von heute bekommen durch ihren Bewuchs nicht mehr automatisch die Aura des erhabenen, kraftvollen und weisen Mannes und als politisches Bekenntnis taugt die Wolle schon gleich gar nicht mehr, seit man Islamisten und Hipster im Gesicht nicht mehr unterscheiden kann.

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erstellt am 05.Okt.2014 | 11:37 Uhr

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