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Panorama

03. Dezember 2016 | 05:42 Uhr

Moses Pelham vs. Kraftwerk : Streit über Setlur-Song: Gericht gibt Moses Pelham recht

vom

Zwei Sekunden provozieren einen Streit um die Frage: Wann ist eine Musiksequenz ein Plagiat? Jetzt gibt es eine erste Entscheidung.

Karlsruhe | Die Diskussion währt schon viele Jahre, jetzt hat der Komponist und Produzent Moses Pelham im Streit um die Verarbeitung einer fremden Rhythmussequenz vor dem Bundesverfassungsgericht einen Etappensieg errungen. Seine Verfassungsbeschwerde hatte Erfolg, der Fall muss neu entschieden werden, wie am Dienstag in Karlsruhe verkündet wurde.

Seit 2002 regelt eine EU-Richtlinie urheberrechtliche Fragen auch in der Musik. Dabei sei aber die bearbeitende Verwertung fremder Tonquellen nicht erwähnt, so der Vorsitzende des Ersten Senats, Ferdinand Kirchhof. Das Gericht muss also klären, wer zur Entscheidung über diese Schlussfolgerung berufen ist. Am Ende geht es um viel Geld - und künstlerische Freiheit.

Um den Zwei-Sekunden-Beat streitet Pelham seit mehr als einem Jahrzehnt mit den Elektropop-Pionieren Kraftwerk. Er hatte ihn 1997 ohne zu fragen aus dem Kraftwerk-Titel „Metall auf Metall“ von 1977 kopiert und in Endlosschleife unter den mit der Rapperin Sabrina Setlur aufgenommenen Song „Nur mir“ gelegt. So etwas nennt man Sampling. Derzeit darf das Stück nicht verbreitet werden. Dagegen hatte Pelham gemeinsam mit anderen Produzenten und Musikern geklagt.

Der Bundesgerichtshof muss den Fall nun noch einmal bewerten. Seine Urteile - zuletzt von 2012 - trügen der Kunstfreiheit nicht hinreichend Rechnung, sagte Vize-Gerichtspräsident Ferdinand Kirchhof. Er begründete die Entscheidung mit der Kürze der Sequenz.

Daraus sei ein neues, eigenständiges Kunstwerk entstanden, ohne dass Kraftwerk dadurch wirtschaftlichen Schaden habe. Ein Verbot würde „die Schaffung von Musikstücken einer bestimmten Stilrichtung praktisch ausschließen“, sagte er. (Az. 1 BvR 1585/13)

In mehreren Verfahren bis zum Bundesgerichtshof (BGH) hatten sich zuvor zwei Gründungsmitglieder von Kraftwerk mit der Forderung nach Unterlassung und Schadenersatz durchgesetzt. Der nur leicht bearbeitete und als Schleife unter das Lied gelegte Tonfetzen stammt aus dem Kraftwerk-Stück „Metall auf Metall“ aus dem Jahr 1977. Kraftwerk gilt als Wegbereiter des Elektropops.

Das Gründungsmitglied von Kraftwerk, Ralf Hütter, betonte die Mühe, die es 1977 gekostet habe - noch mit Tonbändern und ohne digitale Technik - das Stück zu produzieren. Als er 20 Jahre später seinen Rhythmus in dem neuen Lied wiedererkannt habe, sei er betroffen gewesen. Unter Kollegen hätte es sich gehört, vorher anzurufen, sagte er.

Pelham hielt dagegen, dass das sogenannte Sampling in seinem Genre, dem Hip-Hop, selbstverständlich sei. Es gebe keine Platte mehr, auf der nicht ein Loop aus einer anderen Platte verwendet werde. Ohne Sampling gäbe es seine Kunstform nicht, sagte Pelham. „Ich halte das für mein Recht.“ Der Rechtsanwalt des Komponisten wurde allgemeiner und fordert das Recht für Künstler, sich mit den Werken von Vorkünstlern auseinanderzusetzen. Das sei in anderen Bereichen selbstverständlich.

Etliche Produzenten und Musiker haben sich Pelham angeschlossen, darunter die Sängerin Sarah Connor, der Rapper Bushido und der Reggae-Musiker Gentleman. Sie wollen erreichen, dass die Interpretation fremder Beats in neuem musikalischen Kontext ohne Genehmigung möglich bleibt. Sonst sei Hip-Hop nicht mehr möglich.

Hütters Rechtsanwältin betonte dagegen, die Freiheit der Kunst gestatte nicht das Kunstschaffen auf Kosten anderer. Dabei komme es weder auf die Länge noch auf die Qualität der benutzten Tonsequenz an. Die Leistung des Tonträgerherstellers sei nicht teilbar.

Aus Sicht des Branchenverbands, der nach eigenen Angaben mehr als 80 Prozent des deutschen Musikmarktes vertritt, ist ein solcher Streit aber die absolute Ausnahme. In aller Regel gebe es eine Einigung zwischen den betroffenen Künstlern, und zwar vor dem Sampling. „Jetzt wird daraus leider eine Grundsatzdiskussion gemacht, die in die falsche Richtung führen kann“, sagte Drücke. Er befürchtet eine Entwertung des kreativen Schaffens, sollte sich Pelham durchsetzen.

Sabrina Setlur war lange von der Bildfläche verschwunden.
Sabrina Setlur war lange von der Bildfläche verschwunden. Foto: dpa
 

Um Sabrina Setlur selbst ist es in den vergangenen Jahren ruhig geworden. Dabei ist sie mit mehr als zwei Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste Interpretin des deutschsprachigen Raps. Bis in die 2000er war sie erfolgreich, ihr letztes Album „Rot“ jedoch verkaufte sich nicht mehr besonders gut. Sabrina Setlur verschwand erst einmal von der Bildfläche.

Mit einem Auftritt in der Sat.1-Sendung „Die Promi-Singles – Traumfrau sucht Mann“ kam sie zurück ins Fernsehen. Doch die Sendung wurde wegen schlechter Einschaltquoten wieder abgesetzt. 2014 versuchte Setlur es erneut: Sie kochte bei der Vox-Show „Grill den Henssler“ mit. Im September 2015 nahm sie an der Sendung Promi Shopping Queen teil.

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erstellt am 31.Mai.2016 | 10:39 Uhr

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