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Panorama

25. August 2016 | 01:13 Uhr

Klimawandel : So extrem wird das Wetter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hitze, Stürme, Starkregen – Forscher wollen herausfinden, ob der Klimawandel das Wetter verrückt macht. „Wenn wir selbst  nichts spüren, ist vorausschauendes Handeln schwierig“, meint Andreas Ernst vom Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung an der Uni Kassel.

Hamburg/Bremerhaven | „Unwetter werden extremer und teurer“, warnt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) – und ist damit nicht allein. Wenn vom Klimawandel die Rede ist, dann folgt häufig die Ankündigung der Apokalypse in Gestalt von Dürren, Starkregen, todbringenden Stürmen oder extremer Hitze. Tatsache ist: Klimaforscher gehen zwar davon aus, dass sich mit der globalen Erwärmung das Potenzial für extreme Wetterereignisse erhöht, sie können aber nur schwer vorhersagen, wie häufig und stark diese überdurchschnittlich nassen, stürmischen oder heißen Tage sein werden.

Der Verdacht der Wissenschaftler, dass sich mit dem Klimawandel auch die Zahl der Extremwetterereignisse erhöht, hängt mit der Erwärmung der Atmosphäre zusammen. „Mit der Temperatur steigt der Energiegehalt der Atmosphäre. Diese Energie kann sich zum Beispiel in starken Stürmen wieder entladen“, erklärt Dr. Daniela Jacob vom Climate Service Center in Hamburg. Außerdem könne eine wärmere Atmosphäre auch mehr Wasserdampf aufnehmen, was sich auf die Niederschlagsmenge auswirkt.

Soweit die physikalische Grundlage. Im Detail ist es wichtig, so Daniela Jacob, dass die verschiedenen Wetterextreme unterschieden werden. So fällt es den Forschern leichter, Aussagen über außergewöhnliche Niederschläge und Hitzeperioden zu machen, als über Stürme. Das gilt auch für Norddeutschland. „Unsere regionalen Klimamodelle zeigen recht sicher, dass einzelne Regenschauer im Sommer mehr Wasser mit sich bringen werden, als es vor 30 Jahren der Fall war.“

Solch genaue Aussagen können über die Änderungen von Trockenperioden noch nicht gemacht werden. Im Sommer, so vermuten Wissenschaftler, wird sich der Hochdruckgürtel über dem Mittelmeer weiter nach Norden verschieben, sodass auch in Schleswig-Holstein häufiger längere Trockenphasen zu erwarten sind. An der Statistik lasse sich das bereits ablesen, sagt Dr. Michael Theusner vom Klimahaus in Bremerhaven. Er erklärt dieses Phänomen mit dem Hochdruckgürtel über dem Mittelmeer, der sich im Sommer weiter nach Norden verschiebt und auch in Schleswig-Holstein die Zahl und Länge der Trockenphasen steigen lässt.

Zudem hat der Meteorologe in der jüngsten Vergangenheit immer mehr „blockierte Wetterlagen“ beobachtet – zum Beispiel im letzten Winter. Wenn es erstmal stürmte und regnete, konnte man die Gummistiefel frühestens nach einer Woche wieder in den Keller bringen. Oder aber milde Temperaturen und Trockenheit hielten sich über Wochen. Eine mögliche Ursache dafür könnte in der Arktis liegen. Gerade dort schlägt die globale Erwärmung besonders stark zu: „Die Eisdecke schmilzt und somit die Isolierschicht des Ozeans“, erklärt Michael Theusner. Dadurch erwärme sich die Arktis verhältnismäßig stärker als unsere mittleren Breiten, der Temperaturunterschied nehme ab. Das hat Auswirkungen auf den Jetstream, ein starkes Windband in großer Höhe, das die polare Kaltluft von der wärmeren Luft der mittleren Breiten trennt und Motor der Wetterentwicklung ist. „Der Jetstream wird messbar schwächer“, sagt Theusner. „Dadurch setzen sich Wetterlagen regelrecht fest.“ Und noch eine weitere Folge bekommen wir laut ihm zu spüren: „Der Jetstream kann leichter abgelenkt werden und zeigt zum Teil starke Ausbuchtungen nach Norden und Süden. Dadurch kann polare Kaltluft weit nach Süden und subtropische Warmluft ungewöhnlich weit nach Norden vordringen, und es kommen solche Extremsituationen zustande, wie der kalte Winter im Mittleren Westen der USA und der sehr warme Winter bei uns.“

Wenn es um Häufigkeit und Intensität von Stürmen geht, fällt es den Forschern schwer, Aussagen über die Zukunft zu machen. Im Norddeutschen Klimaatlas, der Ergebnisse von regionalen Klimamodellrechnungen zeigt, wird von einem möglichen Anstieg von drei bis fünf Sturmtagen (mehr als Windstärke 8) im Jahr ausgegangen. Man könne aber trotzdem noch nicht sagen, ob Orkane wie Xaver oder Christian häufiger auftreten werden, gibt Daniela Jacob zu bedenken. Gerade bei Stürmen ist es schwierig, diese als Extrem jenseits der natürlichen Variabilität zu erkennen. „Sehr starke Stürme sind sehr selten, und auch wenn wir in die Zukunft schauen, werden sie immer noch selten sein“, sagt Daniela Jacob. Auch Michael Theusner schreibt die Häufung von starken Herbststürmen im vergangenen Jahr eher dem Zufall zu.

Dürfen also zerstörerische Taifune gar nicht mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden? Und kommen die Warnungen der Versicherungswirtschaft zu Unrecht? „Nein“, sagt Daniela Jacob. Eben weil eine erwärmte Atmosphäre ein erhöhtes Potenzial an starken Winden und Überschwemmungen mit sich bringt. Gut zu erkennen ist das an den Auswirkungen von Hitzewellen und Hochwasser. Bei den heißen Tagen, an denen die Temperatur über 30 Grad steigt, zeichnet sich ein Trend ab. In Schleswig-Holstein sind seit 1950 mehr als vier solcher Tage im Jahr hinzugekommen, für die Zukunft zeigt die Prognose im Norddeutschen Klimaatlas einen weiteren Anstieg um bis zu sechs Tage.

Längere Trockenzeiten mit sehr heißen Tagen können auch in Europa erheblichen Schaden anrichten, wie die Hitzewelle im Sommer 2003 gezeigt hat. Europaweit starben damals 23 000 Menschen, 3500 davon in Deutschland, ermittelte die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Mortalität in Mitteleuropa ab 35 Grad signifikant zunimmt. Allerdings haben Statistiker der London School of Hygiene and Tropical Medicine auch ermittelt, dass die meisten Opfer der Hitze bereits geschwächt und krank waren und zu einem großen Teil auch ohne Hitzewelle wenige Wochen später gestorben wären. Durch Ernteausfälle, verminderte Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer, Niedrigwasser und Kraftwerksausfälle entstand laut der Münchener Rück ein europaweiter Schaden von 13 Milliarden US-Dollar (zirka 9,3 Milliarden Euro). Beim Elbehochwasser 2013 beliefen sich die versicherten Schäden auf zwei Milliarden Euro. Orkan Christian soll in Schleswig-Holstein Schäden von über 100 Millionen Euro verursacht haben.

Womöglich aufgrund dieser Wetterextreme versicherten sich in den vergangenen Jahren immer mehr Deutsche gegen Klimaschäden. Hatten 2002 noch 19 Prozent aller Gebäude eine Elementarschadenversicherung, sind es 2014 schon 35 Prozent – in Schleswig-Holstein liegt der Anteil bei 17 Prozent.

Versicherung gegen umweltschäden Als Pflicht?

Eine Elementarschadenversicherung  schützt vor den finanziellen Folgen von Naturereignissen, wie Überschwemmung,  Erdbeben, Erdsenkung, Erdrutsch, Schneedruck, Lawinen und Vulkanausbrüchen. Werden bei einer Umweltkatastrophe viele Häuser beschädigt, die nicht versichert waren, muss häufig der Staat eingreifen, um die Betroffenen vor dem Existenzverlust zu bewahren. Einige plädieren daher für eine Pflichtversicherung für Elementarschäden. Doch die deutschen Versicherungen sind dagegen: Eine solche Pflichtversicherung nehme jeglichen  Anreiz für Schutzmaßnahmen in den Gefahrenzonen, schließlich werde im Gefahrenfall immer gezahlt – und zwar unabhängig davon, ob der Versicherte zuvor in Präventionsmaßnahmen investiert hat oder nicht, schreibt der GDV auf seiner Internetseite.  Auch käme es zu einer Spirale aus immer größeren Schäden und immer höheren Prämien.

„Wenn wir selbst  nichts spüren, ist vorausschauendes Handeln schwierig“

An extreme Wetterereignisse  knüpft sich häufig der Hinweis, sie seien klimawandelbedingt, die Menschheit müsse sich wappnen. Auch wenn einzelne Ereignisse nur schwer der globalen Erwärmung zugeschrieben werden können – taugen sie als „Wachrüttel-Momente“, damit sich die Leute der Bedrohung durch den Klimawandel bewusst werden? Ein Gespräch mit dem Psychologen Professor Andreas Ernst vom Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung an der Uni Kassel.

Professor Ernst, liegt es eigentlich im Wesen des Menschen, heute schon Maßnahmen zu ergreifen, die uns vor den Folgen des Klimawandels in mehreren Jahrzehnten schützen?

Andreas Ernst: Es ist tatsächlich so, dass Menschen eine vorhandene, aber nicht immer ausreichende Fähigkeit haben, Dinge geistig vorwegzunehmen. Manchmal gelingt ihnen das gut: Wir lassen uns auf Dinge nicht ein, von denen wir wissen, dass sie schiefgehen. Manche Versuchungen sind aber so stark, dass wir ihnen wider besseres Wissen nachgeben. Ähnlich ist es auch bei der Anpassung an den Klimawandel. Wir können nicht in die Zukunft schauen, trotzdem ist den meisten klar, dass wir gut daran täten, uns zum Beispiel für Extremwetterereignisse zu wappnen. Doch wenn wir selbst noch nichts sehen oder spüren, ist es sehr, sehr schwierig, vorausschauend zu handeln.

Heißt das, es braucht  extreme Ereignisse, damit die Menschen überhaupt auf die Gefahren des Klimawandels reagieren?

Es ist leider richtig, dass etwas, das so schleichend kommt wie der Klimawandel und uns hier erstmal auch wenig betrifft, kaum zu einem Verhaltenswandel führt. Katastrophen können einen Effekt auf Menschen haben, weil sie dadurch Dinge  sehen und auf sich selbst beziehen, was sie sonst nicht getan hätten. Aber deswegen kann man der Verwüstung durch einen Taifun nichts Gutes abgewinnen. Außerdem ist die Wirkung von Naturkatastrophen eingeschränkt: Alle Hurrikans irgendwo auf der Welt werden unsere Gesellschaft nicht umbauen. Ein solches Ereignis kann zwar als Grund herhalten, um etwas umzusetzen, das schon geplant ist, und um dieses Vorhaben zu verstärken. So war es etwa nach der Katastrophe von Fukushima und dem dann vollzogenen Atomausstieg. Doch das sind Vehikel, denen ich sehr skeptisch gegenüber stehe.

Was könnte die Menschen dann zu Maßnahmen gegen oder eine Anpassung an den Klimawandel bringen?

Dazu braucht es Institutionen, die das für uns tun. Individuen tun sich sehr schwer, die Zukunft vorweg zu nehmen. Stellt man sich die Bürger als Kinder vor, denen ein Belohnungsaufschub, also Handlungen, die sich erst nach langer Zeit positiv auswirken, sehr schwer fällt, dann sind die Institutionen wie Erwachsene, die uns sagen: Das könnte schief gehen, wir machen es lieber anders. In funktionierenden Staaten helfen uns  gute Institutionen über unsere emotionalen und planerischen Schwächen hinweg, indem sie Steuern für Gemeingüter einfordern oder Rechtssicherheit schaffen. Diese Institutionen sind wichtig, um dem Einzelnen ein Stück weit die Entscheidung abzunehmen. Auch für die Anpassung an den Klimawandel müssten wir also Institutionen aufbauen, denen wir so viel Macht übertragen, dass sie uns zur Anpassung zwingen können.  Darauf reagieren wir dann zwar erst mürrisch, sind aber glücklich wenn  sie ihre Aufgabe erfüllen.  Allerdings habe ich  meine Zweifel, ob das in allen Teilen der Welt in ausreichendem Maße gelingen wird.

Eine Art Institution, die wir gerade aufbauen, ist das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Bedeutet die breite Zustimmung der Bevölkerung für die Energiewende, dass sich die Menschen der Gefahren der globalen Erwärmung doch bewusst sind?

Es stimmt, dass die Bevölkerung mehr hinter der Energiewende steht als  Politik und Wirtschaft. Aber sie steht nicht nur aus Klimagründen  dahinter, sondern vor allem auch aus Autarkie- und Dezentralisierungsüberlegungen. Die Menschen wollen sich gern von großen Energie-Unternehmen unabhängig machen und lieber in der eigenen Region  Biogas- oder Windenergie herstellen. Das sind ganz starke Triebfedern, und die haben zunächst nichts mit dem Klima zu tun. Ähnlich ist es, wenn jemand viel Fahrrad fährt. Das tut er oder sie auch gerne für die eigene Gesundheit und nicht vorrangig, um CO2 zu sparen.

Interview: Kerstine Appunn

 

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erstellt am 15.Apr.2014 | 18:24 Uhr

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