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Panorama

01. Oktober 2016 | 17:30 Uhr

Bussgeld und Erziehungshilfe : SH geht stärker gegen Schulschwänzer vor

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Notorischen Schulschwänzern droht nicht nur die Arbeitslosigkeit. SH und Hamburg gehen jetzt verschärft gegen das Fernbleiben vor.

Kiel | „Piep, Piep! Ihre Tochter Louise ist heute unentschuldigt dem Unterricht ferngeblieben. Mit freundlichen Grüßen, die Schule“. Seitdem Stockholmer Eltern per SMS und in Echtzeit über unentschuldigte Abwesenheit der Kinder vom Unterricht alarmiert werden, hat sich das Schulschwänzen auf ein Drittel zu reduziert.

Solche Angaben wären hiezulande undenkbar. Genaue Zahlen, wie viele Kinder die Schule schwänzen, gibt es weder in Schleswig-Holstein noch in anderen Bundesländern. Nach Schätzungen des deutschen Lehrerverbandes sind es bundesweit 200.000 andere sprechen von 500.000. Vermutet wird aber eine hohe Dunkelziffer, weil Eltern in vielen Fällen das unentschuldigte Fehlen ihrer Kinder decken.

Dabei steht längst fest, wie wichtig dieser Kampf gegen die vielen Fehltage ist. In einer bundesweit viel beachteten Studie fasste der Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein die Konsequenzen schon 2007 so zusammen: Ohne Schulabschluss gibt es kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Als Vorstufe zur Langzeitarbeitslosigkeit bezeichnet gar Ex-Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Schulschwänzen. Studien zeigen zudem: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schulverweigerung und Abdriften ins kriminelle Milieu.

Weil sie nicht warten wollen, bis das Kieler Bildungsministerium handelt, haben sich einige Schulräte im Land allein auf den Weg gemacht und bekämpfen den sogenannten Absentismus intensiv. Seit vier Jahren fragt zum Beispiel das Schulamt in Lübeck regelmäßig die Fehltage ab. Das Ergebnis: 400 Kinder fehlen mehr als 20 Tage pro Halbjahr, 80 sogar mehr als 40 Tage. „Da hört dann der Spaß auf “, sagt Schulrat Helge Daugs.

Gut drei Duzend mal pro Jahr wird ein Bußgeld verhängt, damit Eltern aufwachen und die Schule unterstützen. Schwänzen ist nämlich eine strafbare Ordnungswidrigkeit. „Wenn wir allerdings sehen, dass Eltern hilflos sind und keinen Einfluss auf das Kind haben, verzichten wir auf juristische Maßnahmen und setzen alle Hoffnung in unser Netzwerk aus Schulsozialarbeit und Erziehungshilfe“, berichtet Daugs. Lübeck unterhält seit fast fünf Jahren eine „schnelle Eingreiftruppe“ für die schwersten Fälle. Trotz der intensiven Bemühungen geht die Zahl der Schwänzer in der Travestadt aber noch nicht zurück. Eine mögliche Erklärung : „Die Daten werden jetzt noch sorgfältiger von den Schulen erhoben“.

Auch im Kreis Pinneberg wird über Fehltage exakt Buch geführt, in Dithmarschen notfalls ein Attest durch einen Amtsarzt überprüft und im Kreis Plön gibt es klare Handlungsanweisungen für die Lehrer, wie sie bei Schulschwänzern verfahren müssen. Bei 50 Prozent der Eltern – so die Erfahrung – bewirkt schon die Androhung eines Bußgeldes ein Umdenken. Sie sorgen fortan für den regelmäßigen Schulbesuch ihres Nachwuchses.

Auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat in der Hansestadt die Gangart gegen notorische Blaumacher verschärft. Schwänzer, die drei Tage oder 20 Unterrichtsstunden unentschuldigt fehlen, müssen jetzt zentral gemeldet werden. „Wiederholungstätern“ droht ein Bußgeld und sogar Haft.

Längst hat man erkannt: Schulabsentismus hängt ursächlich mit Erziehungsproblemen im Elternhaus zusammen, in dem immer weniger Wert auf konsequente Regelvermittlung gelegt wird und in dem immer jüngere Kinder auffällig werden. Deshalb hat man sich in den „Vorreiter-Kreisen“ auf die Fahnen geschrieben, schnell zu reagieren, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Schulleitung, Lehrer, Eltern, Schulsozialarbeiter und Jugendamt erarbeiten Hilfsangebote. Hinzugezogen werden – falls nötig – auch Erziehungshelfer und der schulpsychologischen Dienst, um die Schwänzer wieder auf die Schulbank zurückzuholen. In Lübeck, Dithmarschen und Pinneberg gibt es sogar die Möglichkeit, Extrem-Fälle außerschulisch zu betreuen und sie langsam wieder an den regulären Schulbesuch heran zu führen.

Und was können Eltern tun? Patentrezepte gibt es nicht. Die Gründe fürs Schwänzen sind vielfältig: Druck, Ängste Überforderung. Schwänzen beginnt oft schleichend. Zunächst bleibt man dem Unterricht in ungeliebten Fächern fern. Dort werden die Noten dann schlechter, wodurch der Widerstand gegen die Schule wächst. Irgendwann schwänzt der Schüler auch die Schulstunden in anderen Fächern. Dadurch isoliert er sich, wird einsam. Je länger dieser Teufelskreis anhält, desto schwieriger ist der Weg zurück zum normalen Schulbesuch.

Wenn das Kind nichts mehr aus dem Schulalltag erzählt und auch auf Nachfrage keine Auskunft gibt, sollten Eltern hellhörig werden. Ebenfalls, wenn es morgens häufig über Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen klagt und zu Hause bleiben will. Haben sich die Noten verschlechtert? Kommt das Kind mit blauen Flecken oder zerrissener Kleidung nach Hause? Wer solche Anzeichen bemerkt, sollte mit dem Kind und der Schule sprechen. Wenn Schüler merken, dass keinerlei Konsequenzen auf ihr Handeln folgen, werden sie dazu verleitet, dieses Verhalten fortzusetzen .

SMS-Meldungen wie in Stockholm beheben zwar nicht die Ursachen für das Schulschwänzen, machen aber früh auf Probleme aufmerksam. „Alles was uns dabei hilft sollten wir ausprobieren“, meint deshalb auch Lübecks Schulrat Daugs. Zumal das Schwedische Projekt, bei dem seit 2009 unentschuldigte Fehlzeiten in einem zentralen, von den Eltern im Internet abrufbaren Register eingetragen werden, Wirkung zeigt. Das habe zu mehr Disziplin als bei handschriftlichen Klassenbücher geführt, heißt es in Stockholm. Die erhöhte Anwesenheit der Schüler führt inzwischen auch zu besseren Schulnoten und einem ruhigeren Klima in den Klassenzimmern.
 

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erstellt am 24.Nov.2014 | 10:03 Uhr

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