zur Navigation springen

Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft : Sex, Folter, Gemetzel - Ärger um FSK-Freigabe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit Langem wütet eine Debatte über die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK). Können sich Eltern noch auf die Freigaben verlassen?

Angefangen hatte alles mit einem kleinen Jungen, der unter der Treppe lebte. 2001 zauberte sich Harry Potter erstmals in die Herzen der jungen Kinozuschauer. Niedliche Elfen, verzauberte Frösche, ein bärtiger Halbriese und ein Haufen vorpubertierender Zauberlehrlinge – das magische Spektakel war bunt, harmlos und von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) für Kinder ab sechs Jahren freigegeben. Doch mit jedem Potter-Film wurden die Szenen düsterer. Todesflüche, Folter, Schockeffekte – kindgerechtes Fernsehen geht anders. Zuletzt bezeichnete Schauspieler Matthew Lewis, der im Film Harrys Freund Neville Longbottom spielt, den finalen achten Teil als „blutiges Gemetzel“.

Die geplante Altersfreigabe für den zweiten Teil – „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ – sorgte für viel Diskussionsstoff. Die Inhalte seien für jüngere Kinder nicht geeignet, Kritiker forderten von der FSK, die Freigabe auf 12 Jahre heraufzusetzen. Am Ende wurde auch der zweite Teil wieder ab sechs Jahren freigegeben, allerdings mussten dafür zwei besonders brutale Szenen herausgeschnitten werden.

Immer wieder kocht die Diskussion über die Altersfreigabe von Filmen hoch. Kinobetreiber aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen forderten im Frühjahr in einem offenen Brief an die FSK, die Altersfreigaben heraufzusetzen. Der Vorwurf: Die Freigaben würden zu leichtfertig erteilt. So seien zum Beispiel viele Filme mit einer Freigabe ab sechs Jahren eigentlich erst für Zuschauer ab zwölf Jahren geeignet. Gut für die Kassen – denn niedrigere Freigaben bedeuten mehr Besucher. Doch den Kinobetreibern gehe es laut eigener Aussage um die moralische Verantwortung, die die FSK-Verantwortlichen hätten. Auslöser der Kritik sei der letzte James-Bond-Film „Spectre“ gewesen. Der Film war von der FSK ab zwölf freigegeben worden – zu Unrecht, wie die Kinobetreiber fanden. Er enthalte eindeutige Folterszenen, die für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet wären.

Die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) wies in einem Antwortbrief darauf hin, dass jede einzelne Entscheidung über die Altersfreigabe eines Films in einem demokratischen Verfahren oft kontrovers diskutiert werde. In diesem Prozess würden Filme von insgesamt 285 ehrenamtlichen Prüfern (jeder Film wird von einem Ausschuss aus etwa fünf bis zehn Prüfern beurteilt, Anm.d.Red.), die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, unabhängig und völlig weisungsfrei beurteilt, bevor eine endgültige Altersfreigabe vergeben werde.

Die FSK sei sich nach eigener Aussage bewusst, dass sich „geschmackliche Grenzen und ästhetische sowie technische Mittel“ ständig veränderten, doch es läge nicht in ihrer Verantwortung, diese Entwicklung zu bewerten.

Diese Entwicklung wird auch von Medienexperten registriert. „Sowohl die Sehgewohnheiten als auch die Prüfkriterien haben sich analog zu gesellschaftlichen Entwicklungen ständig verändert“, sagt Christian Möller, Medienwissenschaftler an der Fachhochschule Kiel und seit 2012 ehrenamtlicher Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Wer heute einen „Emanuelle“-Film sehe, könne sich kaum vorstellen, dass dieser einmal auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien stand.

Auch im Bereich der Serien habe sich inhaltlich Einiges getan – Formate wie „The Walking Dead“, „Spartacus“ oder „Game of Thrones“ setzten auf extreme und grausame Gewaltdarstellungen, die von der FSF häufig erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben würden. Geprüft werde unter anderem nach Kriterien wie Gewaltbefürwortung oder -verharmlosung, übermäßiger Ängstigung, sozial-ethischer Desorientierung oder Pornografie. Außerdem achteten die Prüfer laut Möller auch auf die Deutlichkeit von Gewaltdarstellungen, Selbstjustiz, eine Kombination von Sex und Gewalt, erniedrigende oder diskriminierende Verhaltensweisen. Dabei gehe es sowohl um einzelne Szenen als auch das Gesamtwerk.

Den Vorwurf, die Freigaben der FSK würden zu leichtfertig getroffen, kann der Medienexperte nicht nachvollziehen. „Es handelt sich bei der Selbstkontrolle nicht um Empfehlungen zur pädagogischen Eignung für eine bestimmte Altersgruppe, sondern es wird versucht, eine mögliche Gefährdung einer bestimmten Altersgruppe auszuschließen.“

Die FSK erfülle damit eine gesetzliche Aufgabe. Insgesamt seien Altersfreigaben immer auch eine Orientierungshilfe für Eltern. Möller: „Eine Freigabe ab sechs Jahren heißt nicht, dass alle Siebenjährigen einen Film bedenkenlos sehen können – es heißt viel mehr, dass unter Sechsjährige ihn nicht sehen sollten.“ Am Ende müssten immer auch die Eltern entscheiden, was für ihre Kinder geeignet ist und was nicht.

Als Reaktion auf die Kontroverse um die Altersfreigabe der Harry-Potter-Filme wurde in Deutschland das System der Parental Guidance („elterliche Anleitung“) eingeführt, das aus den USA stammt. Nach dieser Regelung dürfen Filme, die von der FSK ab zwölf Jahren freigegeben sind, auch von Kindern ab sechs Jahren angeschaut werden, wenn sie in Begleitung eines Erwachsenen sind. Wer sich nicht sicher ist, ob ein Film für den Nachwuchs geeignet ist, kann sich auf der Homepage der Freiwilligen Selbstkontrolle FSK über die Freigabebegründung informieren.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Dez.2016 | 15:04 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen