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Panorama

09. Dezember 2016 | 16:39 Uhr

Ritter Sport bei Ebay : Pink, Glitzer, Regenbogen: Wie kam es zum Einhorn-Hype?

vom
Aus der Onlineredaktion

Ritter Sport verkauft pinke Schokolade – und alle drehen durch. Eine Kieler Literaturwissenschaftlerin erklärt das Phänomen.

Kiel | Das Erfolgsrezept ist einfach: Einhörner sind meistens weiß, ihre Mähne ist pink, irgendwo um sie herum leuchten Regenbögen, Glitzer, Schmetterlinge. Der Traum von Mädchen unter zehn Jahren? Weit gefehlt:

 

Schuhe, Kaffeebecher, Schlüsselanhänger: Nichts ist vor den Fabelwesen mehr sicher. Auch nicht die Accessoires längst erwachsener Frauen, die von geballter Niedlichkeit offenbar ebenfalls nicht genug bekommen können. Ritter Sport erkannte das, und dem Schokoladenhersteller gelang Anfang November ein Marketing-Coup: Seine Einhorn-Schoko-Kreation – weiße Schokolade mit Joghurt und „Himbeer-Cassis-Regenbogen“ – war in weniger als 24 Stunden ausverkauft, einige der pinken Tafeln wurden für um die 20 Euro bei Ebay angeboten (Normalpreis für Ritter-Sport-Tafeln: zwischen ein und zwei Euro). Manch einer dürfte also vor Freude in die Luft gesprungen sein, als es am Montag hieß: Ritter Sport will nachlegen, es sollen weitere Tafeln der begehrten Schokolade online zu kaufen sein.

 

Innerhalb kürzester Zeit bekam Ritter Sport für diesen Post fast 1000 Likes. Und dann die Nachricht: Der Shop ist schon wieder down, wörtlich: „trotz massiv erhöhter Server-Kapazitäten und noch mehr #Einhorn-Power“. Der Ansturm Einhorn-verliebter Menschen war wohl auch hier zu groß.

Alle anderen fragen sich: Wie konnte es nur so weit kommen?

Julia Weitbrecht von der Uni Kiel hat eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet das Einhorn zum Objekt der Begierde wurde. „In der Antike galten Einhörner als scheu und als Tiere, die sich nur schwer zähmen lassen“, erzählt die Juniorprofessorin, die die Literatur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit erforscht. „Man ging davon aus, dass es sie wirklich gibt.“ Nur mit Hilfe einer Jungfrau, so der Mythos, sei es überhaupt möglich gewesen, die Tiere zu fangen. Die Folge: Einhörner wurden zum schwer erreichbaren Objekt der Begierde.

Interessant: In dieser Zeit wurden Einhörner noch keineswegs schön dargestellt – sie waren struppig. Zum „hübschen Tier“, erklärt Weitbrecht, wurden Einhörner vermutlich erst ab dem 12. Jahrhundert. Sie wurden auch zum Wappentier des Adels, und im 14. und 15. Jahrhundert entstanden ganze Serien von Wandteppichen, die das anmutige Fabelwesen abbildeten.

Die Faszination für die Fabelwesen hat auch später nicht aufgehört – denn noch immer stehen Einhörner für anziehende Eigenschaften: für Freiheit, Ungezähmtheit, Selbstverwirklichung. „Auch in der Queer-Szene sind sie ein wichtiges Symbol“, sagt Literaturwissenschaftlerin Weitbrecht. „Einhörner stehen jenseits der Grenzen, und sie bieten die Möglichkeit, sich außerhalb zu erfinden.“

 

Auch für den Hamburger Trendforscher Peter Wippermann sind der Hype um das Einhorn und die Reaktionen auf die Ritter-Sport-Schokolade erklärbar. „Hinter dem ganzen Hype steht etwas, das gesellschaftlich ein absolutes Sehnsuchtsfeld ist. Ritter Sport hat es in ein Produkt gegossen: Die Kunden haben mit der Einhorn-Schokolade das Gefühl, sie könnten Hoffnung essen“, sagt er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Auch die jetzt beginnende dunkle Jahreszeit würde ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen sich gerne in eine Fantasiewelt zurückziehen würden. Wippermann erklärt das so: „Es geht um die kindliche Naivität, Hoffnung haben zu können angesichts eines Alltags, den Horrorszenarien und dystopische Vorstellungen dominieren. Das Einhorn symbolisiert die kindliche Freude an einem guten Ausgang der Geschichte.“

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erstellt am 15.Nov.2016 | 15:12 Uhr

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