zur Navigation springen

Panorama

08. Dezember 2016 | 19:14 Uhr

Tote „Gorch Fock“-Kadettin : Neuer Prozess: Endlich Klarheit über mysteriösen Tod von Jenny Böken?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Fall der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken wird ab Mittwoch vor Gericht neu aufgerollt. Erstmals sagen der Ex-Kommandant und der Schiffsarzt aus.

Warum musste unsere Tochter sterben? Diese Frage quält die Eltern von Jenny Böken seit acht Jahren. Am 4. September 2008 war die Gorch-Fock-Kadettin bei einer Nachtwache in die Nordsee gestürzt. Am Mittwoch wird der mysteriöse Fall vor dem Oberverwaltungsgericht Münster neu aufgerollt.

Die damals 18-Jährige aus Geilenkirchen in Nordrhein-Westfalen war aus ungeklärten Gründen über Bord gegangen. Ihre Leiche wurde Tage später in der Nordsee entdeckt. Die Kieler Staatsanwaltschaft sprach von einem tragischen Unglück, die Umstände des Todes sind aber bisher nicht geklärt.

Die Eltern haben die Bundesrepublik auf 20.000 Euro Entschädigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz verklagt. „Es ist nicht der Versuch, Geld zu erstreiten, sondern soll unser Weg zur Wahrheit sein“, sagt Mutter Marlis Böken. Dann fügt die Lehrerin aus Geilenkirchen (Nordrhein-Westfalen) hinzu: „Das sind wir unserer Tochter schuldig.“

 

Schiffsarzt will von gesundheitlichen Problemen nichts gewusst haben

Erstmals müssen auch der damalige Kommandant Norbert Schatz und Schiffsarzt Wolfgang Föhr vor Gericht aussagen. Das gibt dem Anwalt der Familie die Chance, endlich Fragen an beide zu richten. „Das war bislang nicht möglich, da es nur Prüfungen und Untersuchungen hinter verschlossenen Türen gab“, sagt Rainer Dietz aus Aachen.

Im Raum steht die Frage, ob Jenny Böken für den Dienst an Bord des Dreimasters überhaupt tauglich war – und der Verdacht, dass ihre Krankenakte, die Teil der Todesermittlungsakte ist, manipuliert wurde. Es sollen brisante Details fehlen.

Die Kadettin litt an ungeklärten Unterleibsbeschwerden, schlief außerdem immer wieder unvermittelt ein. „Das war Thema auf einer Personalkonferenz“, sagt Anwalt Dietz. „Der Schiffsarzt will davon aber nichts wissen.“ Deshalb wird auch eine ehemalige Sanitätsassistentin der „Gorch Fock“ in den Zeugenstand gerufen. Vater Uwe Böken: „Sie wird aussagen, dass der Schiffsarzt sehr wohl von Jennys Schlafproblemen wusste – und das Einträge in der Krankenakte fehlen, die sie selbst angelegt hatte.“

„Auch wenn ich tot wäre, es würde keinen interessieren“

So soll Jenny Böken wenige Stunden vor ihrem Tod zu der Sanitätsassistentin gesagt haben: „Auch wenn ich tot wäre, es würde keinen interessieren“. Diesen Satz notierte die Assistentin des Schiffsarztes. Später fehlte der Eintrag in der Krankenakte – wie auch andere Einträge über den Gesundheitszustand der Kadettin. „Alles deutet auf eine Manipulation hin“, so Uwe Böken.

Die genauen Todesumstände von Jenny Böken, die Marineärztin werden wollte und einen Tag vor ihrem 19. Geburtstag starb, sind bis heute nicht geklärt. Als die Leiche nach elf Tagen im Netz eines Fischereiforschungsschiffs vor Helgoland entdeckt wurde, hatte sie laut Gerichtsmedizin kein Wasser in den Lungen. Zudem gibt es keine Erklärung dafür, dass die Kadettin ihre Schnürstiefel nicht anhatte, als sie gefunden wurde. Trotzdem stellte die Staatsanwaltschaft Kiel das Verfahren ein, Beschwerden dagegen blieben ohne Erfolg.

Nach dem Gesetz steht den Eltern eines Soldaten Entschädigung zu, wenn dieser bei der Dienstausübung unter besonderer Lebensgefahr stirbt. Zivilrechtlich argumentieren die Eltern nun, dass ihre Tochter gar nicht hätte an Bord sein dürfen. Da sie unter Narkolepsie litt und ständig schläfrig war, sei sie nicht tauglich gewesen. Damit sei der Dienst vorn auf dem Posten „Ausguck“ eine Verletzung der Fürsorgepflicht gewesen – durch die eine besondere Lebensgefahr entstanden sei. Außerdem habe Kommandant Norbert Schatz das Tragen einer Schwimmweste und die Sicherung des Postens mit einem Karabinerhaken an der Reling trotz rauer See nicht erlaubt.

Als Jenny Böken nicht wie erwartet um 23.30 Uhr ihre Meldung abgab: „Auf der Back ist alles wohl, die Laternen brennen“, wurde keiner der beiden wachhabenden Offiziere stutzig. Später wurde das Fach der Kadettin geöffnet, ihr persönliches Tagebuch ist verschwunden. Dass alle Rätsel in diesem Verfahren geklärt werden, glauben die Eltern nicht mehr, aber Mutter Marlies Böken sagt: „Wir haben nichts mehr zu verlieren, denn wir haben ja schon alles verloren.“


zur Startseite

von
erstellt am 13.Sep.2016 | 11:32 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert