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Panorama

26. März 2017 | 05:33 Uhr

Nach Todesfällen im Klinikum Delmenhorst : Mordserie eines Krankenpflegers – Oberärzte auf der Anklagebank

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Gericht soll klären, ob die Oberärzte von den Taten des Krankenpflegers Niels H. wussten.

Oldenburg | Die genauen Umstände der Mordserie von Ex-Krankenpfleger Niels H. werden künftig wieder ein Gericht beschäftigen. Verantworten müssen sich zwei damalige Oberärzte und der Leiter der Intensivstation des ehemaligen Klinikums Delmenhorst. Der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassen. Das Landgericht ließ am Mittwoch die Anklagen zur Hauptverhandlung zu. Gegen drei weitere angeschuldigte Pfleger wurden die Anklagen dagegen zurückgewiesen.

Der Fall erschütterte ganz Deutschland: Ein Ex-Pfleger spritzte wehrlosen Patienten Herzmittel, um sie dann zu reanimieren und sich so selbst zu beweisen. 2015 wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Schon damals vermutete die Polizei, dass es weitere Opfer geben könnte.

Die damaligen Oberärzte sind heute 59 und 67 Jahre, der Stationsleiter 59 Jahre. Sie sollen Morde beziehungsweise Mordversuche des ehemaligen Krankenpflegers aus der Zeit vom 22. Mai bis zum 24. Juni 2005 nicht verhindert haben, obwohl sie solche Taten durch ihn für möglich gehalten hätten, so die Staatsanwaltschaft bei der Anklageerhebung Ende November vorigen Jahres. In dieser Zeit war der inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilte Niels H. noch Krankenpfleger auf der Intensivstation des Klinikums.

Die Anklage geht weiter davon aus, dass die Angeklagten die Taten von Niels H. billigend in Kauf nahmen und aus Angst um die Reputation der Klinik und vor dem Vorwurf der falschen Verdächtigung untätig blieben.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätten im Frühjahr 2005 drei Morde und zwei Mordversuche durch die Angeschuldigten verhindert werden können. Für den Tatbestand des Totschlags durch Unterlassen sieht das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von mindestens 5 und von höchstens 15 Jahren vor.

Im Falle der zurückgewiesenen Anklagen betonte das Landgericht in einem 13-seitigen Beschluss, dass gegen die zwei angeschuldigten Pflegerinnen und einen Pfleger kein hinreichender Tatverdacht wegen Tötung durch Unterlassen bestehe. Die Betroffenen seien gerade nicht bereit gewesen, weitere Gefährdungen oder gar Tötungen von Patienten tatenlos hinzunehmen und hätten sich zum Teil aktiv bemüht, Niels H. Tötungen nachzuweisen.

Wann das Hauptverfahren gegen die Mediziner und den Stationsleiter vor dem Landgericht beginnt, ist noch offen. Auch ist der Beschluss noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie Beschwerde beim Oberlandesgericht einlegt, um eine Zulassung der Klage gegen die drei Pflegekräfte zu erwirken. Die Frist zur Einlegung der Beschwerde beträgt eine Woche.

Auch in anderen Fällen brachten Pflegekräfte ihren Patienten den Tod. Einige Beispiele:

Italien, 2016

Ein Krankenschwester wird festgenommen, weil sie im einem Krankenhaus in der Toskana 13 Menschen vorsätzlich getötet haben soll. Die Frau spritze laut Polizei 2014 und 2015 den Patienten einer Intensivstation erhöhte Dosen eines Medikamentes.

Großbritannien, 2015

Ein Krankenpfleger muss wegen Mordes für mindestens 35 Jahre ins Gefängnis. Er hatte Patienten nahe Manchester mit einer Überdosis Insulin getötet.

Deutschland, 2010

Wegen Mordes und Mordversuchs verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Sie tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.

Tschechien, 2008

Wegen siebenfachen Mordes wird ein Krankenpfleger zu lebenslanger Haft verurteilt. In einem ostböhmischen Krankenhaus hatte er Patienten mit einem Blutverdünnungsmittel zu Tode gespritzt.

Deutschland, 2007

Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine Ex-Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.

Deutschland, 2006

Der sogenannte „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Nach Überzeugung der Richter hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Niederlande, 2004

Wegen Mordes an sieben Patienten muss eine Krankenschwester lebenslang hinter Gitter. Sie hatte Alte und Kinder in Den Haag mit überdosierten Medikamenten getötet.

 
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erstellt am 08.Mär.2017 | 14:54 Uhr

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