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Panorama

05. Dezember 2016 | 13:45 Uhr

DNA-Spuren von NSU-Terrorist : Mordfall Peggy und Uwe Böhnhardt: Was wir wissen - und was nicht

vom

Das Kinderspielzeug aus dem Wohnwagen der mutmaßlichen Terroristen trägt keine DNA von Peggy. Eine Übersicht.

Bayreuth | Neue Erkenntnisse im Mordfall Peggy: Mehr als 15 Jahre nach dem Tod des Mädchens haben die Ermittler nach weiteren Spuren gesucht. Am Donnerstag machten sie einen spektakulären Fund: DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt wurden am Fundort von Peggys Skelett festgestellt.

Nie war im Fall Peggy bisher eine Verbindung zu der Mordserie der NSU-Terrorgruppe gezogen worden. Böhnhardt hatte sich mit seinem Komplizen Uwe Mundlos im Sommer 2011 das Leben genommen. Brisant: Bereits 2014 führte die Spur eines im Jahr 1993 getöteten Jungen zu Uwe Böhnhardt. Bislang haben die Ermittlungen jedoch keine Klarheit erbracht.

Viele Fragen sind ungeklärt - was wir wissen und was nicht:

Was wir wissen:

- Die neunjährige Peggy aus dem bayerischen Lichtenberg verschwindet am 7. Mai 2001 auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg. Am 2. Juli 2016 findet ein Pilzsammler in einem Wald im thüringischen Saale-Orla-Kreis Skelettreste, die von Peggy stammen.

- Das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden seien. Noch ist unklar, in welchem Zusammenhang die dabei gefundene DNA-Spur Böhnhardts steht und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy steht.

- Fest steht laut dem Bayreuther Oberstaatsanwalt Harald Potzel nur, dass die am Fundort entdeckten DNA-Spuren Böhnhardts an einem Gegenstand gefunden wurden. Der wurde bereits im Juli entdeckt, in „direktem Zusammenhang“ mit der Entdeckung der Skelettteile. Nach „Spiegel“-Informationen handelt es sich dabei um ein Stück Stoffdecke. Der Bayerische Rundfunk berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, dass es sich um ein Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels handele. Wie „Spiegel Online“ weiter berichtet - unter Berufung auf Ermittlerkreise - ist auch eine Verunreinigung der DNA-Probe theoretisch denkbar. Das Skelett von Peggy und die Leiche Böhnhardts seien im gleichen rechtsmedizinischen Institut untersucht worden.

Mit diesem Foto fahndete das Bundeskriminalamt nach Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.
Mit diesem Foto fahndete das Bundeskriminalamt nach Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Foto: Imago/Teutopress
 

- Uwe Böhnhardt starb am 4. November 2011 – mutmaßlich durch Schüsse seines Mittäters Mundlos, bevor dieser sich in einem Wohnmobil selbst tötete. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe sollen laut Bundesanwaltschaft jahrelang unerkannt gemordet haben. Das Trio aus Jena tauchte demnach nach einer Razzia in seiner Bombenwerkstatt 1998 ab und gründete die Terrorgruppe. Zwischen 2000 und 2007 erschoss die Gruppe nach Erkenntnissen der Ermittler zehn Menschen, neun davon ausländischer Herkunft. Mit Sprengstoffanschlägen sollen sie zudem Dutzende Menschen verletzt haben. In München läuft seit mehr als drei Jahren der Prozess gegen Beate Zschäpe - als einziges noch lebendes Mitglied des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU).

- Die Rechtsmedizin der Uni Jena schließt eine zufällige Übertragung von DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt auf die sterblichen Überreste des Mädchens Peggy am eigenen Institut aus. Im Juli seien ausschließlich Skelettreste des Mädchens untersucht worden, teilte das Uniklinikum am Freitag in Jena mit. Die Spurensicherung am Fundort der toten Peggy in einem Waldstück in Südthüringen und die Untersuchung der dort gefundenen Spuren seien nicht von der Jenaer Rechtsmedizin durchgeführt worden. „Insofern ist eine etwaige zufällige Übertragung von DNA zwischen beiden Fällen durch das Institut ausgeschlossen“, hieß es. Der Bayreuther Oberstaatsanwalt Herbert Potzel sagte allerdings ohne weiteren Details zu nennen: „Es gibt mehrere Möglichkeiten der Verunreinigung“. BKA-Präsident Holger Münch sieht nach eigenen Angaben aktuell keine Hinweise auf eine Verunreinigung oder Verwechslung.

Die Rechtsmedizin Jena hatte nach eigenen Angaben im November 2011 die Obduktion des Leichnams von Böhnhardt vorgenommen, nicht aber die Spurensicherung am ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach und die dort gesichteten Spuren.

- Seit Freitag ist auch klar: An den Kindersachen, die in dem Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen gefunden wurden und in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes lagern, ist keine DNA-Spur der toten Peggy entdeckt worden. Das sagte BKA-Präsident Holger Münch am Freitag in Wiesbaden. Das BKA habe unter anderem eine Sandale aus dem Wohnmobil untersucht. Es sei eine weibliche DNA gesichert worden, aber nicht die von Peggy.

Ein solcher Fund wäre aber auch extrem unwahrscheinlich: Peggy verschwand im Alter von neun Jahren bereits 2001, die im Sommer 2016 gefundenen Knochen des Mädchens entsprechen ihrem damaligen Alter. Die erschossenen Leichen der mutmaßlichen Terroristen wurden erst zehn Jahre später - im Jahr 2011 - in dem Wohnmobil gefunden.

Was wir nicht wissen:

- Zwar wurden DNA-Spuren Böhnhardts am Fundort der sterblichen Überreste von Peggy gefunden - wie sie dorthin gelangten, ist aber weiter unklar. Ob die gefundene Spur möglicherweise in Verbindung mit dem Tod von Peggy steht, muss noch geklärt werden. Die Untersuchungen stehen den Ermittlern noch ganz am Anfang.

- Zwar wurden im vergangenen Mai Knochen gefunden, die die Ermittler Peggy zuordnen - das Skelett sei aber nicht vollständig. Weitere Knochenreste wurden bislang nicht gefunden. „Dies lässt sich mit dem Lebensraum und den Gewohnheiten von Waldtieren erklären“, sagte der Leiter der Sonderkommission Peggy, Uwe Ebner, im vergangenen Juli. Die Ermittler suchten aber dennoch weiter nach Knochen. Außerdem fehlten Kleidungsstücke und der Schulranzen des Mädchens.

Der Fall Peggy in der Chronologie:

7. Mai 2001

Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.

August 2001

Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002

Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.

7. Oktober 2003

Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.

30. April 2004

Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.

17. September 2010

Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

4. April 2013

Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.

8. Januar 2014

Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.

10. April 2014

Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.

7. Mai 2014

Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den geistig behinderten Mann.

18. Februar 2015

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015

Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

3. Juni 2015

Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015

Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Mai 2016

Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20.000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.

2. Juli 2016

Ein Pilzsammler findet in einem Wald in Thüringen Skelettreste. Die Polizei prüft Verbindungen zum Fall Peggy.

4. Juli 2016

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

13. Oktober 2016

Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Skelett des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden.

 
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erstellt am 14.Okt.2016 | 12:31 Uhr

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